Die Ruhe vor dem Proteststurm: War das Mathe-Abitur 2020 in Baden-Württemberg zu schwierig? Ja, sagen die Initiatoren einer Internet-Petition - und auch Philippsburger Elternvertreter beschweren sich bei der Kultusministerin. Foto: dpa

Offener Brief aus Philippsburg

Eltern beschweren sich übers Mathe-Abitur – und Eisenmann kontert

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Überforderte das Mathematik-Abitur 2020 die Prüflinge? Ja, sagt der Elternbeirat des Philippsburger Copernicus-Gymnasiums und beschwert sich bei Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Deren Experten sagen hingegen: Das Abi war mit Grundlagenwissen zu bewältigen.

Die Aufgabenstellungen hätten zum Teil nicht dem vorangegangenen Unterricht und den Ankündigungen entsprochen, monieren die Elternvertreter aus Philippsburg. „Um es vorneweg klar zu sagen: auch in Zeiten der Corona-Pandemie erwartet niemand – und will auch niemand – ein geschenktes Abitur“, heißt es in dem Protestschreiben.

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„Es ist aber aus unserer Sicht an Zynismus kaum zu überbieten, in dieser Zeit ein herausragend schweres Abitur im Fach Mathematik zu stellen, dazu noch mit Aufgabenstellungen, die zum Teil nicht dem vorangegangenen Unterricht und den Ankündigungen entsprachen.“  Die Eltern fordern eine Anpassung der Noten – ebenso wie jene Schüler, die für eine Internet-Petition innerhalb von drei Tagen rund 3.500 Unterschriften gesammelt haben.

Ministerium: Analysis-Aufgaben bargen „normale Anforderungen“

„Ein Abitur ohne Online-Petition kann man sich heutzutage schon fast nicht mehr vorstellen“, erklärt ein Sprecher Eisenmanns. „Deshalb sollten wir zunächst die Ergebnisse abwarten. Wir werden dieses Thema jedoch im Blick behalten.“

Die Rückmeldungen zahlreicher Schulleiter und Mathematik-Lehrkräfte sprechen dafür, dass die kritisierten Analysis-Aufgaben den normalen Anforderungen einer Abiturprüfung entsprechen.

Sprecher von Kultusministerin Susanne Eisenmann

Inhaltlich allerdings weist Eisenmanns Haus die Kritik am Mathe-Abi klar zurück. Nicht nur das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg habe die Aufgaben nochmals intensiv geprüft, um sicherzustellen, dass sie keine unangemessenen Schwierigkeiten enthalten, teilt der Sprecher auf BNN-Anfrage mit. „Die Rückmeldungen zahlreicher Schulleiter und Mathematik-Lehrkräfte sprechen durchaus dafür, dass die vom Elternbeirat des Gymnasiums in Philippsburg kritisierten Analysis-Aufgaben den normalen Anforderungen einer Abiturprüfung entsprechen.“

Hinweise auf Lösung sogar in der Formelsammlung

Die Fachleute, die für die Aufgabenstellung zuständig waren, hätten zur Kritik am Analysis-Wahlteil I mitgeteilt, „dass die Vorgehensweise beim Aufstellen einer Stammfunktion eine grundlegende Kompetenz sei“. Darüber hinaus gebe es sogar in der Formelsammlung, die alle Schüler während der Prüfung benutzen dürfen, Hinweise zum Lösen der Aufgabe. Und eine Abi-Aufgabe zur Berechnung von Rotationskörpern sei „mit Hilfe elementarer Kenntnisse aus der Mittelstufe“ lösbar.

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Auch gegenüber den BNN erklärten mehrere Oberstufen-Lehrer, dass in der Prüfung nichts abgefragt worden sei, was nicht im Unterricht behandelt wurde. Und es gibt auch Schüler, die berichten, die Aufgabenstellung im Mathe-Abi sei „insgesamt fair“ gewesen.

Ohne Palmen-Lösung sind noch 13 Punkte drin

Viele Prüflinge scheiterten nach eigenen Angaben daran, dass sie in Analysis das Wachstum einer Palme berechnen sollten. „Die Aufgabenstellung war etwas umständlich, aber mathematisch korrekt formuliert“, sagt ein Mathe-Lehrer im BNN-Gespräch.

Für die Aufgabe gebe es acht von insgesamt 60 Punkten. Wer ansonsten alles richtig gelöst hat, kommt also noch auf 52 Punkte. Das bringt laut offizieller Korrekturtabelle am Ende sogar 13 Notenpunkte – und entspricht einer Eins minus.

Eine Aufgabe darf auch mal herausfordernd sein

Roman Jauch, Sprecher des Landesschülerbeirats

Ob es dieses Jahr wenige Einsen gibt? Ob die Schüler überfordert waren? „Alle Kollegen sagen, dass es viel zu früh für eine Aussage ist“, sagt Ivo Herrmann, Landesvorsitzender des Verbandes zur Förderung des MINT-Unterrichts. „Es müssen erst einmal alle Arbeiten korrigiert werden. Im Anschluss kann man die Endergebnisse statistisch vergleichen. Alles andere wäre absolut unseriös.“

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Ähnlich reagiert der Landesschülerbeirat. „Es wäre voreilig, jetzt ein Fazit zu ziehen“, sagt Sprecher Roman Jauch. Selbstverständlich dürften die Abiturienten im Corona-Krisenjahr keinen Nachteil haben, aber: „Eine Aufgabe darf auch mal herausfordernd sein.“ Im Übrigen gebe es auch Beschwerden über ein angeblich zu schwieriges Englisch-Abitur an den Beruflichen Gymnasien.