Matthias Holtmann im Gespräch mit BNN-Redakteur Bernd Kamleitner. Der Artikel zum Interview erscheint in den gedruckten Ausgaben der Badischen Neuesten Nachrichten. | Foto: Hora

Matthias Holtmann im Interview

„Es gibt viel schlimmere Diagnosen“

Anzeige

Matthias Holtmanns Markenzeichen ist seine Stimme. Jahrelang arbeitete er als Radiomoderator, zuletzt zehn Jahre lang beim Sender SWR1, rief dort die Show „Pop & Poesie“ ins Leben. 2006 wurde bei dem gebürtigen Westfalen Parkinson diagnostiziert. Heute möchte der 68-Jährige vor allem ein Bewusstsein für die Krankheit schaffen.

Vor zwölf Jahren habe Holtmann die ersten Anzeichen, dass etwas nicht stimmte, bemerkt. Das Gefühl in den Fingerspitzen war weg, Schreiben wurde zur Herausforderung. „Ich habe es verdrängt, bin aus Angst vor der Wahrheit monatelang nicht zum Arzt“, erzählt Holtmann. Irgendwann habe er sich auf Drängen eines Freundes ein Herz gefasst – und bekam die Diagnose Parkinson.

Arbeit hält ihn am Leben

Heute muss Holtmann Medikamente im Wert von 2500 Euro im Monat nehmen. Trotzdem sagt er: „Es gibt viel schlimmere Diagnosen.“ Multiple Sklerose, Krebs, Leukämie oder Alzheimer: „Das habe ich alles nicht.“ Der studierte Musiker kann nach wie vor Arbeiten, sagt, das halte ihn am Leben: „Wenn ich nur zuhause sitzen und mich selbst bemitleiden würde, wäre ich schon tot.“

Der passionierte Sportwagen-Fan kann nach wie vor selbst Auto fahren. Alle zwei Jahre lässt er ein medizinisches Gutachten erstellen, das ihm das bestätigt. „Meine Bestzeit auf der Nordschleife des Nürburgrings sind 8.20 Minuten“, schmunzelt Holtmann. Zum Vergleich: Die schnellste Zeit, in der ein Fahrer die Strecke jemals zurückgelegt hat, sind 5.19 Minuten. Das war Rennfahrer Timo Bernhard im Juni dieses Jahres.

Schicksalsschläge hinnehmen

Auch seine Wohnung hat Holtmann nicht umbauen müssen: „Das brauche ich nicht.“ Klavier spielen könne er noch, jedoch nicht mehr auf dem Level wie früher. Was nicht mehr gehe, sei das Schlagzeug-Spielen, und das fehle ihm seit der Diagnose am meisten. „Man muss Schicksalsschläge hinnehmen können“, sagt er: „Diese Einstellung hatte ich schon immer.“

Krankheit negativ besetzt

Heute könne er sich in die Lage von behinderten Menschen viel besser hineinversetzen. „Parkinson ist negativ besetzt in der Bevölkerung, aus welchen Gründen auch immer“, sagt Holtmann: „Die Menschen denken, man sei bekloppt.“ Dabei habe die Krankheit keinerlei Auswirkungen auf das Gedächtnis. „Hunde bellen mich an, Kinder verstecken sich hinter ihrer Mutter“, beschreibt der 68-Jährige die erste Reaktion vieler, die ihm begegneten: „Die Leute gucken, aber es könnte nichts geben, das mir scheißegaler wäre.“

Die Menschen denken, man sei bekloppt.

Die Krankheit hat Matthias Holtmann zwar körperlich verändert, aber nicht in seiner Art. „Man darf sich nicht aufgeben, sich nicht verkriechen“, sagt er. Deshalb spricht der Betroffene offen über seine Krankheit, möchte aufklären, was Parkinson eigentlich ist. Denn das wüssten die meisten Menschen nicht. Dafür hat Holtmann Bücher geschrieben, Interviews gegeben und Vorträge gehalten. Die Reaktionen auf seine Offenheit seien sehr gut, andere Erkrankte schöpften dadurch Hoffnung.

Zu Gast im Tollhaus

Ende November ist er in Karlsruhe. In der Veranstaltung mit AOK, MEDI und dem Hausärzteverband Baden-Württemberg spricht er am 28. November ab 18 Uhr im Tollhaus im Alten Schlachthof über sein Leben mit Parkinson. Der Eintritt ist frei, der Platz im Saal allerdings begrenzt.

Anmeldung unter Telefon (0721) 3711171 oder (07231) 3711173 oder per Mail an parkinson-mor@bw.aok.de.

Morbus Parkinson ist eine der häufigsten Erkrankungen des Nervensystems, die erstmals 1817 von dem britischen Arzt James Parkinson beschrieben wurde. Die Krankheit schreitet langsam fort und betrifft vor allem die Teile des Gehirns, die die Bewegung kontrollieren. Bewegungsstörungen zählen deshalb zu den typischen Hauptsymptomen der Erkrankung. Parkinson ist bis heute nicht heilbar, kann jedoch behandelt und eingegrenzt werden. In Deutschland leiden nach Schätzungen etwa 280 000 Menschen, meist über 60 Jahren, an Parkinson, weltweit sind es mehr als vier Millionen.