Ganz nah dran am Publikum war der schwedische Singer/Songwriter Meadows bei seinem Karussell-Konzert beim Festival "Rolling Stone Park". | Foto: Jüttner

„Rolling Stone Park“

Festival im Europa-Park: Hier gibt’s sogar im Karussell Livemusik

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Ein zweitägiges Rockfestival ohne Pennen im Zelt und Rumstehen in Regen oder Hitze? Das gibt es an der Ostsee schon seit über zehn Jahren und seit 2018 auch im Südwesten. „Rolling Stone Park“ nennt sich das Festivalwochenende im Europa-Park Rust, das mit den Stichworten „Indoor“ und „Komfort“ beworben wird. Auf vier Bühnen präsentieren sich rund 30 internationale Acts, vom Newcomer bis zur Stadionrock-Formation. Und das in mitunter pittoresken Spielstätten wie einem nostalgischen Spiegelzelt oder sogar auf einem historischen Karussell. Die inhaltliche Mischung passt, die Stimmung ist gut. Der Besucherzustrom hält sich allerdings noch in Grenzen.

„Ich glaub‘ ich spinne.“ Sein deutscher Wortschatz ist karg, das hat Christoffer Wadensten seinem Publikum schon verraten. Aber sein Staunen über den Ort seines Konzerts beim Festival „Rolling Stone Park“ kann der Schwede, der unter dem Namen Meadows auftritt, dann doch ausdrücken: Er spielt in einem Raum, in dem ein prächtiges altertümliches Karussell steht, und viele Besucher sitzen auf Pferdchen statt auf Stühlen. Denn das 2018 gegründete Festival findet im Europa-Park statt. Und da passt es, zumindest kleinere Konzerte tatsächlich innerhalb einer Fahrattraktion stattfinden zu lassen.

Ein Song für Steinmeier

Der „Ballsaal Berlin“, wo eine der vier Festivalbühnen steht, sieht eher wie ein normaler Konzertraum aus. Doch auch hier gibt es Besonderheiten: „I dedicate the next song to Dr. Frank Walter Steinmeier“, erklärt Conor O’Brien, Songwriter der irischen Indie-Folk-Band Villagers, mitten im Konzert. Warum er den Titel „Trick of the Light“ dem Bundespräsidenten widmet? Weil dessen Porträt in der Bildergalerie an den Saalwänden hängt und auch von der Bühne aus nicht zu übersehen ist.

Die wohl schönste Spielstätte des Wochenendes ist das Spiegelzelt „Traumpalast“. Der Raum der größten Bühne, die „Arena“, erinnert hingegen eher an eine Mehrzweckhalle. Aber auch hier ist der Freizeitpark präsent. Guy Garvey, Sänger der britischen Stadionrockband Elbow, plaudert in einer Ansage über das Parkmaskottchen Ed, die Maus, und verrät, der 1975 eröffnete Park sei genau so alt wie der Keyboarder der Band. Die beiden hätten zudem noch mehr Gemeinsamkeiten: „Sie sind beide lustig und surreal.“

Whisky-Tasting und Achterbahn

In der Tat dürfte dieses Musikwochenende schwer mit anderen Festivals vergleichbar sein. Nicht einmal mit seinem großen Bruder, dem etablierten „Rolling Stone Weekender“ (in diesem Jahr zu „Beach“ umgetauft) in einem Feriendorf an der Ostsee: Dort kann man zwischen den Konzerten am Strand spazieren gehen oder bowlen, im Europa-Park gibt’s am Samstagnachmittag ein edles Whisky-Tasting (mit begrenzter Teilnehmerzahl) und vier Achterbahn-Fahrgeschäfte, die geöffnet haben.

Acht Stunden Musik am Stück

Ausschlaggebend für die Veranstalter sind allerdings vor allem die logistischen Möglichkeiten des Parks: Hier lassen sich nah beieinander vier Räume als Konzertsäle nutzen, so dass man in wenigen Minuten von einer Band zur nächsten wechseln kann. Wenn die Kondition mitmacht, kann man so an zwei Tagen jeweils rund acht Stunden Livemusik am Stück erleben, ohne Umbaupausen abzuwarten.

Die Zielgruppe der Veranstaltung entspricht der Leserschaft des titelgebenden Musikmagazins: Rockfans jenseits des Radio-Mainstreams, die sich noch jung genug fühlen, um neue Acts zu entdecken, aber zu alt, um auf den üblichen Sommerfestivals im Matsch herumzustehen und im Zelt zu schlafen.

Es stimmt wirklich, was Musiker einander raten: Geh nach Deutschland, dort hören die Leute zu

Christoffer Wadensten alias Meadows

Inhaltlich kommt das gut an: Die Stimmung ist entspannt, der Applaus herzlich und die Aufmerksamkeit groß. Das fällt auch Christoffer Wadensten alias Meadows bei seinem kuriosen Karussell-Konzert auf: Es ist so ruhig im Saal, dass er nach zwei Songs die Gitarre abstöpselt, sein Mikrofon verlässt, sich zwischen die Besucher stellt und „unplugged“ weiterspielt. „Es stimmt wirklich, was Musiker einander raten: Geh nach Deutschland, dort hören die Leute zu“, freut sich der Sänger, dessen Song „The Only Boy Awake“ durch die Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ bekannt wurde.

Begeisterte Newcomer

Auch anderen Newcomern im Programm merkt man eine solche Begeisterung über die Aufnahme an, etwa der bezaubernd schüchternen Bess Atwell aus Brighton oder der explosiv bluesrockenden Amy Montgomery aus Nordirland, die ihren Süddeutschland-Abstecher gleich noch um ein Sonntags-Gastspiel in einer Musikkneipe im nahegelegenen Kehl ergänzte.

Besucherzahlen: Noch Luft nach oben

Offen ist allerdings noch, wie groß die anvisierte Zielgruppe tatsächlich ist. Während das etablierte Ostsee-Festival seit Jahren im Voraus ausverkauft ist, ging für das „Park“-Wochenende auch im zweiten Jahr nur gut die Hälfte der verfügbaren Karten weg: Wie im Vorjahr wurde die Besucherzahl mit rund 2 200 beziffert, Platz wäre aber für 4 000.

Pläne für 2020 sind noch offen

Wie genau es mit dem Event, das 2018 den Euroean Festival Award als beste Neugründung erhielt, nun weitergeht, ist daher noch offen. Die Verträge zwischen der Hamburger Agentur FKP Skorpio und dem Europa-Park waren dem Vernehmen nach zunächst auf zwei Jahre angelegt. Daher wurde im vergangenen Jahr bereits beim Festival der Termin der nächsten Auflage beworben. Ob und in welcher Form es „Rolling Stone Park“ auch 2020 geben wird, wollen die Veranstalter demnächst mitteilen.