Milliardenbetrüger Manfred Schmider alias Big Manni in seinem früheren Büro. Die ARD widmet der Flowtex-Affäre einen Themenabend. | Foto: SWR

Film-Mittwoch in der ARD

Flowtex-Milliarden-Betrüger „Big Manni“ klingt geradezu stolz

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Der Ettlinger Flowtex-Skandal ist am 1. Mai das Thema des Film-Mittwochs im Ersten. Um 20.15 Uhr zeigt das ARD-Fernsehen die SWR-Komödie „Big Manni“ mit Hans-Jochen Wagner in der Hauptrolle. Der Titel greift den Spitznamen des früheren Flowtex-Chefs und Milliardenbetrügers Manfred Schmider auf – im Film heißt er allerdings Manfred Brenner.  Ab 21.45 Uhr folgt die Dokumentation „Big Manni – Big Money. Die wahre Geschichte eines Milliardenbetrugs“. Da tritt der echte „Big Manni“ auf.

UPDATE: Rund 5 Millionen Zuschauer haben sich den Film am Mittwochabend angesehen. 

Unbemerkt von der Öffentlichkeit ist Manfred Schmider an den Schauplatz seines Verbrechens zurückgekehrt: Der angegraute Endsechziger steht in seinem holzvertäfelten früheren Büro in Ettlingen und ringt offensichtlich um Fassung. „Das ist schon schwer für mich“, presst der ehemalige Flowtex-Chef hervor, als er sich umschaut. Er spricht vor der Kamera des Südwestrundfunks (SWR) über „den schwersten Tag in meinem Leben“. Damals, im Jahr 2000, als der Milliarden-Betrug um seine Horizontalbohrmaschinen aufflog und der Villenbesitzer und Flughafenbetreiber ins Gefängnis umzog. Für die Dokumentation „Big Money“, die am 1. Mai im Anschluss an die Flowtex-Komödie „Big Manni“ in der ARD zu sehen ist, holte das SWR-Team Schmider in die alte Heimat zurück.

Eine Reise in die Vergangenheit mit dem Ex-Flowtex-Boss

„Wir haben im Frühjahr 2018 vier Tage hier gedreht“, erzählt Dokumentarfilmerin Martina Treuter. „Wir wollten eine Reise in die Vergangenheit mit ihm machen.“ In einem „einfachen Hotel“ sei Schmider einquartiert worden. Auch auf Mallorca haben sich die SWR-Filmemacher mit ihm getroffen: Auf der spanischen Insel wohnt der heute 69-Jährige – mit der Frau, von der er offiziell geschieden ist. „Die beiden lieben sich inniglich“, diesen Eindruck hat Johannes Betz, Drehbuchautor der Flowtex-Komödie, mitgenommen. Und auf „ein Mindestniveau“ lege Schmider immer noch Wert, etwa bei gutem Wein.

 


Schmiders langjährige Ehefrau stammt aus vermögendem Haus und durfte ein Privatvermögen von zehn Millionen Euro behalten. Weil das Ex-Ehepaar auch Millionen aus der Flowtex-Insolvenzmasse in die Schweiz geschafft haben soll, wurde es 2018 vom Obergericht Thurgau nochmals zu 18 bis 36 Monaten Haft verurteilt – allerdings ist das Urteil nicht rechtskräftig: „Die Parteien haben es beim Schweizerischen Bundesgericht angefochten“, teilte ein Sprecher auf BNN-Anfrage mit. Für den Flowtex-Betrug war Schmider zu elfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden – rund siebeneinhalb davon musste er absitzen. Ob er sein Handeln bereut? Nicht unbedingt gegenüber den geschädigten Banken, meint Filmemacherin Treuter: „Auf die Frage, ob er ein schlechtes Gewissen habe, sagt er: ,Die größten Schuldgefühle habe ich meiner Familie gegenüber, weil ich sie ins größte Unglück gestürzt habe’.“

Schmider plaudert sehr offen über Aufstieg und Fall

Im Laufe der Doku plaudert Schmider sehr offen über seinen Aufstieg und Fall – und darüber, wie sein Betrug funktionierte, wie ein Mitarbeiter die Typenschilder Tausender nicht-existenter Horizontalbohrmaschinen immer wieder auf die wenigen realen ummontierte. „Da musste man natürlich kreativ sein“, sagt Schmider – er klingt für einen Moment geradezu stolz. Im realsatirischen Spielfilm „Big Manni“ wirkt es geradezu schrill überzeichnet, wie leicht es Geldinstitute und Behörden den Ettlinger Milliardenbetrügern machten. Doch in den Flowtex-Prozessen zeigte sich, dass Finanzprüfer schon jahrelang das Schneeballsystem erkannt hatten. Der Staat profitierte von hohen Steuernachzahlungen – weitere Ermittlungen stellte niemand an. „Die Leute glauben nicht, was sie sehen. Sie sehen, was sie glauben“, sagt Schauspieler Hans-Jochen Wagner in seiner Rolle als Flowtex-Boss.


Wie Banker und Politiker den Hochstapler umschmeichelten, das spitzt die Fernsehsatire in zwei fiktiven Figuren zu: Der eitle Landesbanker „Doktor Stoschek“ (Robert Schupp) und der „absolut unfähige“, aber bestens vernetzte „Abgeordnete Rettinger“ (Patrick von Blume) treten auf. Da wird auch mal über den „Sau-Schwaben“ Erwin Teufel hergezogen – weil er Badens tolle Wirtschaft nicht genügend fördere.
„Die Komik kommt von selbst“, meint Regisseur Niki Stein über den Fall Flowtex. „Mir schien die Form der Komödie die geeignetste, um diesen irrwitzigen Spagat zwischen Selbstüberschätzung und bauernschlauer Menschenkenntnis der Hauptfigur darzustellen.“ Und es geht auch um die Goldgräberstimmung nach der deutschen Wiedervereinigung, „um Gier, Macht, Erfolg und ungehemmten Kapitalismus“, wie SWR-Redakteur Michael Schmidl sagt.

  • Hans-Jochen Wagner spielt in der SWR-Produktion die Rolle des „Big Manni“, der als Chef der Firma Flowtex einen Milliardenbetrug begeht.

Auch Schmiders früherer Anwalt Ulrich Ziegler kommt in der Doku zu Wort. „Die Leute sind den Einladungen hinterher gehechelt“, sagt er über all die (scheinbar) wichtigen Claqueure Schmiders. Nach dem 50. Geburtstag des Flowtex-Bosses schwärmten 1999 viele von der legendär verschwenderischen Party – mit Helikopter, Feuerwerk, Gästen aus aller Welt. Filmemacherin Treuter machte bei ihren Recherchen eine verblüffende Erfahrung: Noch ehe sie die erste Frage stellen konnte, meinten Zeitzeugen am Telefon zu ihr: „Ich war nicht dort!“ Sie meinten diese Party. Vor der Kamera wollte keiner der großen Schmider-Förderer mit Treuter sprechen. „Wir wollen seine Schuld und seine Verbrechen nicht beschönigen“, betont die Filmemacherin, aber Banker und Politiker – sie alle hätten sich einst „mit Schmider geschmückt“.

 

Für die Dreharbeiten mietete der SWR Schmiders einstiges Villenanwesen auf dem Turmberg in Karlsruhe-Durlach, das heute ein Privatmann besitzt. Auch „seinen“ früheren Flughafen am Baden-Airpark besuchte Schmider mit Treuter. „Der Flughafen war mein Herzensprojekt“, sagte er zu ihr. Für Flugzeuge, Hubschrauber, Sportwagen und Yachten schwärmte Schmider von klein auf. „Er hat immer alles doppelt und dreifach gekauft“, sagt Treuter. Hauptdarsteller Hans-Jochen Wagner drückt es so aus: „Big Manni“ sei „wie ein Kind, das immer noch ein neues Spielzeug braucht“.