Eine der ersten Gemeinschaftsschulen des Landes war die Augustenburg-Schule in Grötzingen – zunächst mit Ganztagsunterricht für die Klassen fünf bis zehn. Nun könnte auch in der Grundschule ein Ganztagsbetrieb entstehen. | Foto: Sandbiller

Augustenburg-Schule

Eltern in Grötzingen wollen keine Ganztags-Pflicht für Grundschüler

Anzeige

Unter den Eltern der Grötzinger Grundschüler herrscht Aufruhr. Der Grund: Der Grundschulzweig der dortigen Augustenburg-Schule soll in den nächsten Jahren zur Ganztagsschule ausgebaut werden.

Das gefällt vielen Eltern nicht – sie sorgen sich um ihren Hort, der ihnen eine flexible Nachmittagsbetreuung garantiert. Deswegen haben sie jetzt die Elterninitiative „Flexible Nachmittagsbetreuung Grundschule Grötzingen“ gegründet.

Stadt argumentiert mit Raumsituation

„Uns passt nicht, dass der Hort abgeschafft werden soll“, sagt Johanna Jurecka, Mutter von zwei Kindern. Bei einer Infoveranstaltung vor den Sommerferien wurden die Eltern über die Absichten der Stadt in Kenntnis gesetzt. Diese argumentiert mit der Raumsituation.

Der Hort – bislang in einem Container untergebracht – müsse aus Platzgründen spätestens im Jahr 2025 geschlossen werden. Derzeit gebe es kein Gebäude im Stadtteil, welches den Anforderungen an einen Hort genüge, heißt es in einem Schreiben von Ortsvorsteherin Karen Eßrich, das den BNN vorliegt.

Mehr zum Thema: Schulen im Zwiespalt: Wie geht man mit streikenden Schülern um?

Elterninitiative im Stadtteil gegründet

„Wir sind nicht generell gegen die Einführung einer Ganztagsschule“, versichert Jurecka. Man wünsche sich aber Flexibilität bei der Nachmittagsbetreuung. „Der Familienalltag sollte nicht für die komplette Woche von der Schule vorgegeben werden“, fordern Jurecka und ihre Mitstreiter.

Derzeit sammeln sie Unterschriften für die flexible Nachmittagsbetreuung in ihrem Stadtteil. Am 25. September wollen sie die Unterschriftenliste dem Grötzinger Ortschaftsrat übergeben.

Das Thema Ganztagsschule beschäftigt auch Eltern in anderen Stadtteilen. Bei einer reinen Ganztagsschule müssen die Kinder bis zum Ende des Schultags in der Schule bleiben – in der Regel bis mindestens 15.30 Uhr.

Anders verhält es sich in einem Hort oder bei einem anderen flexiblen Betreuungsangebot: Hier dürfen die Schüler dann nach Hause, wenn die Eltern dies möchten, sie können die Betreuung an manchen Tagen auch ganz ausfallen lassen.

Mehr zum Thema: BNN-Redakteurin Tina Mayer kommentiert, warum die Sache mit den Ganztagsschulen in der Fächerstadt kompliziert ist und warum es nicht nur Schwarz oder Weiß gibt

Um diese Freiheit sorgen sich nun viele Eltern. Hobbys seien im Ganztagsbetrieb nicht mehr so einfach möglich, argumentieren sie. Tatsächlich sind aber gerade einmal zwei Grundschulen in der Fächerstadt reine Ganztagsschulen – die Grundschule am Wasserturm in der Südstadt-Ost und die Heinrich-Köhler-Schule in Rintheim.

Eltern haben das Wahlrecht

Bei Karlsruhes übrigen 19 Ganztagsschulen haben die Eltern jährliches Wahlrecht: Möchten sie ihre Kinder in der reinen Ganztagsschule anmelden oder doch lieber in der herkömmlichen „Halbtagsschule“? Bei letzterer bestehen dann in der Regel auch flexible Betreuungsmöglichkeiten am Nachmittag: Neben einem Hort kann das beispielsweise ein Angebot der Kinderstadtkirche oder des Stadtjugendausschusses sein.

„Wenn da Betreuungsbedarf besteht, macht das die Schule normalerweise möglich“, erklärt Ulrich Karl, der beim städtischen Schul- und Sportamt für die Bildungsplanung zuständig ist.

Angedacht ist in Grötzingen derzeit eine Ganztagsschule in Wahlform. Über ein mögliches Betreuungsangebot am Nachmittag sagt die Stadt derzeit noch nichts. Die Ortsverwaltung des Malerdorfs stuft einen Hort allerdings als unrealistisch ein.

Landesregierung uneins bei Ausbau

In der grün-schwarzen Landesregierung ist die Marschroute beim Ausbau der Ganztagsschulen umstritten. Während sich die CDU für Wahlfreiheit ausspricht, bevorzugen die Grünen die verbindliche Form. Ob sich diese verbindliche Form in der Koalition durchsetzen wird, hält Ulrich Karl für fraglich.

Man könne nicht sagen, wohin das Pendel ausschlägt. Für die Kommunen sei es deswegen schwierig, zu planen, gerade hinsichtlich der flexiblen Nachmittagsbetreuung. „Wir werden die Horte weiter einbinden“, sagt Karl.

Wichtig sei aber zu wissen, ob diese vom Land künftig überhaupt gefördert werden. Dass Ganztagsschulen, die bereits in Wahlform bestehen, auf einen verbindlichen Betrieb umschwenken müssten, hält Karl für unrealistisch.

Es gibt keine Pläne, die Ganztagsschule in Wahlform abzuschaffen

Aus dem Kultusministerium, an dessen Spitze CDU-Ministerin Susanne Eisenmann steht, heißt es dazu auf BNN-Anfrage: „Es gibt keine Pläne, die Ganztagsschule in Wahlform abzuschaffen.“ Man wolle beide Formen erhalten, versichert ein Ministeriums-Sprecher. Gleichzeitig räumt er ein, dass es innerhalb der Koalition dazu unterschiedliche Auffassungen gibt.

Umfrage in den Kindergärten

In Grötzingen steht man derweil noch ganz am Anfang. „Jetzt wird erst einmal eruiert, ob die Einführung einer Ganztagsschule in Grötzingen überhaupt Sinn ergibt“, erklärt Peter Springer, der sich beim Staatlichen Schulamt um Ganztagsschulen und frühkindliche Bildung kümmert. Gleichzeitig macht er klar: „Über die Köpfe der Eltern hinweg geht es nicht.“

Als nächstes soll in den Kindertagesstätten und Kindergärten des Stadtteils abgefragt werden, ob in den nächsten Jahren entsprechender Bedarf besteht. Am Ende müssten für das Ganztagsmodell mindestens 28 Anmeldungen vorliegen.