Baden-Württembergische Vertreter aus Sozial- und Gesundheitswesen schlagen in der Corona-Krise Alarm und fordern langfristige Besserungen. | Foto: pr

Brandbrief an Landesregierung

Gesundheitsbranche schlägt Alarm: Corona-Krise „zeigt, wie pervers dieses System ist“

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Mit einem Brandbrief wenden sich baden-württembergische Vertreter aus dem Sozial- und Gesundheitswesen an die Landesregierung. In der Corona-Krise arbeiten sie mehr denn je an und über der Belastungsgrenze. Sie wollen strukturelle Veränderungen.

Für jedes Patientenzimmer müssten die Krankenpfleger eine neue Maske aufziehen – oder sie setzen die eine Maske nie ab. Dann reicht sie für eine ganze Schicht. So lauteten die Hinweise des Robert-Koch-Instituts (RKI).

„So eine Maske eine Schicht lang zu tragen, ist die Hölle“, sagt Thomas Böhm von den betrieblichen Interessenvertretungen der Krankenhäuser Baden-Württembergs.

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Die Luftzufuhr ist schlecht, die Maske drückt, irgendwann wird sie feucht. Den Hinweis, dass die Maske gewechselt werden soll, wenn sie durchfeuchtet ist, habe das RKI später noch gestrichen. „Das ist eine Gefährdung der Beschäftigten und dem Mangel geschuldet“, sagt Böhm.

288 Vertretern schließen sich zusammen

Er schimpft mehr, als dass er es sagt. Böhm hat sich mit 288 Vertretern von Krankenhäusern, Pflege- und Sozialeinrichtungen des Landes zusammengeschlossen. Mit ihrem Brandbrief an die Landesregierung („Jetzt handeln – Klatschen reicht uns nicht!“) wollen sie aus ihrer Sicht überfällige Verbesserungen für ihre Arbeit erreichen.

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„Die Corona-Krise muss der allerletzte Weckruf sein, um die Politik grundlegend zu ändern“, betont Martin Gross. Der Landesbezirksleiter von Verdi sagt mit Blick auf die Corona-Krise: „Wir sehen die Probleme unseres Gesundheitswesens wie im Brennglas.“

Hörbare Wut auf die Politik

Wie diese Probleme aussehen, erklärten Arbeitnehmer von Krankenhäusern, Psychiatrie, Altenpflege, Behinderten- und Rettungsdienst in einer gemeinsamen Pressekonferenz. Sie sind aufgrund der Corona-Krise derzeit besonders im Stress – die Wut über die bisherige Unterstützung aus der Politik ist hörbar.

„Es hat fünf Wochen gedauert, bis Schutzausrüstung da war“, sagt Verdi-Vertreter Gross.

Medizinisches Personal und Patient im Krankenhaus
Der Mix aus Über- und Unterversorgung in Krankenhäusern sei für Patienten und Personal inhuman, sagt ein Branchenvertreter. | Foto: Sven Hoppe/dpa/Symbolbild

„Das zeigt deutlich, wie pervers dieses System ist.“ Die Einrichtungen würden für geleistete Fälle bezahlt werden, nicht aber für die Bevorratung von Schutzkleidung. Die braucht es in Krisen wie dieser in großer Zahl.

165.000 Arbeitsplätze seit 1991 abgebaut

Doch in dem Hilferuf geht es mehr um die Zeit vor und nach Corona, um strukturelle Probleme. Zunächst hätten sich Studien für den Bettenabbau in Krankenhäuser ausgesprochen, sagt Böhm.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sähe die vielen Betten nun als Rettung in der Krise. „Die Politik muss sich entscheiden, was richtig ist.“ Die derzeitige Handhabung in den Krankenhäusern ist aus seiner Sicht jedenfalls falsch. Dass in der Abrechnung nach Fällen, warmen Betten, bezahlt wird, habe Folgen.

Die Krankenhäuser möchten möglichst viele Fälle mit möglichst wenig Kosten erledigen, sagt Böhm. „Der Mix aus Über- und Unterversorgung ist inhuman gegenüber den Patienten und dem Personal.“ Seit 1991 seien deutschlandweit 165.000 Arbeitsplätze abgebaut worden.

„Es muss Schluss sein mit dem irrsinnigen Wettbewerb um Effizienz.“ Dass Krankenhäuser Gewinne machen könnten, müsse dringend verboten werden – sie sollten kostendeckend arbeiten, so Böhm.

Auch bei Inklusion wird gespart

Auch in der Inklusion bleibt es bislang bei wohlwollenden Worten aus der Politik, sagt ein Heilerziehungspfleger einer Behinderteneinrichtung. Durch das Bundesteilhabegesetz würden die günstigsten Anbieter den Zuschlag erhalten. „Es geht um Einsparung und nicht um Qualität. Das rächt sich in der Krise.“

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Es sind ähnliche Probleme wie in der Altenpflege oder der Psychiatrie, wie die Vertreter erklären: dünne Personaldecke, zu geringe Bezahlung, enorme Belastung.

„Sonst wäre alles zusammengebrochen“

Neben einem besseren Schutz für Beschäftigte und Bewohner oder Patienten fordern die Briefeschreiber daher auch eine finanzielle Anerkennung. 500 Euro pro Monat wünschen sie sich in der Krisenzeit – und das müsse vom Staat kommen, die Einrichtungen könnten das nicht stemmen.

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Ihre generellen Forderungen sind nicht neu, doch in der Krise formulieren sie die Branchenvertreter offen und gemeinsam. Nach Jahren an der Belastungsgrenze werden sich durch die Corona-Krise derzeit noch mehr gefordert, wie Ludwig Bertram vom Deutschen Roten Kreuz berichtet.

„Wir wissen nicht mal, wie wir mit Kollegen umgehen sollen, die zu Risikogruppen gehören“, sagt der Notfallsanitäter. Einen Kollegen haben sie bereits an Corona verloren. Insgesamt hätten sich nur wenige Kollegen infiziert. „Sonst wäre alles zusammengebrochen.“

Lucha: „Bonus zahlen genügt nicht“

923 Wörter in dem Brandbrief sind es, die im Staatsministerium in Stuttgart am Montag eingegangen sind. Auf eine Antwort warten die Briefeschreiber noch, wie sie am Donnerstag sagten.

Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) sieht die extrem hohen Belastungen der Beschäftigten, wie er auf BNN-Anfrage mitteilt: „Es genügt nicht, dass wir hierfür jetzt nur Beifall klatschen und einen Bonus zahlen, sondern klar ist, dass wir nachhaltige Lösungen finden müssen.“