WO LERNEN KINDER AM MEISTEN – im klassischen Klassenzimmer oder an der Gemeinschaftsschule mit ihren Lernateliers und dem Prinzip der Selbstorganisation? Den Streit über das Schulsystem hat der Philologenverband neu angeheizt. Symbolfoto: Gollnow

Reform gefordert

Gymnasiallehrer üben herbe Kritik an Gemeinschaftsschulen: „Das ist eine komplette Sackgasse“

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Schwere Vorwürfe erheben Gymnasiallehrer gegen die Gemeinschaftsschulen im Land. In den Abschlussklassen würden Noten zum Teil geschönt, leistungsstarke Schüler sackten in ihren Leistungen ab, schwache Schüler lebten jahrelang in Illusionen, weil es nur „wohlwollende Beurteilungen, aber keine klaren Noten“ gebe.

„Einige Lehrer schildern uns, dass sie von ihrer Schulleitung klar aufgefordert werden, die Anmeldenoten zur Abschlussprüfung beziehungsweise für die VERA-Vergleichstests zu schönen“, erklärte Ralf Scholl, Landesvorsitzender des Philologenverbandes (PhV), gegenüber den BNN.

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„Von den Gymnasiallehrern an den Gemeinschaftsschulen wollen viele nur noch weg.“ In einer Pressemitteilung forderte Scholl vom Land: „Es muss endlich ein tragfähiges pädagogisches Konzept für die Gemeinschaftsschulen her.“ Der PhV hat Erfahrungen von Gymnasiallehrern an Gemeinschaftsschulen gesammelt, 15 ausführliche schriftliche Berichte gab der Verband weiter.

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Ein Fazit lautet: „Praktisch durchgängig werden von den Lehrkräften massive Disziplinprobleme in den Lerngruppen und während der selbst organisierten Arbeitszeit beklagt, die ein effektives Lernen teilweise unmöglich machen.“ Der Verein der Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg wies die Kritik zurück und warf dem PhV eine „Beschmutzung“ ihrer Schulen vor.

Das ist eine komplette Sackgasse – und man lässt uns da nicht raus

Von einem „Offenbarungseid“ der Gemeinschaftsschulen spricht Ralf Scholl, der Landesvorsitzende des Philologenverbandes (Phv). Dorothea Weber (Name von der Redaktion geändert) wählt ein anderes Bild: „Das ist eine komplette Sackgasse – und man lässt uns da nicht raus“, sagt die junge Gymnasiallehrerin.

Ihre Stimme bebt, wenn sie über ihren Berufsalltag berichtet. Was sie nach eigenen Worten nervlich aufreibt, ist ihr Einsatzort – eine Gemeinschaftsschule in Baden. „Nur ein aktuelles Beispiel: Ich lese in einer Klasse gerade zwei Bücher, ein komplexes Jugendbuch mit vielen Seiten und ein kurzes, einfach geschriebenes Buch“, berichtet die Lehrerin im BNN-Gespräch.

„Ich habe zwei Räume, aber keine zweite Lehrkraft. Also laufe ich zwischen den Räumen hin und her. Und die meisten Kinder können eben nicht selbstorganisiert lernen. Die Schwächsten können das nicht.“

Philologenverband: Die starken Schüler rutschen dort ab

Hochglanz-Anspruch und Wirklichkeit klafften an der Gemeinschaftsschule weit auseinander, meint Weber. Sie gehört zu jenen Lehrkräften, mit deren schriftlichen Erfahrungsberichten der Philologenverband seine neueste öffentliche Kritik an den Gemeinschaftsschulen unterfüttert. Die Vorwürfe sind hart: Noten würden geschönt, Gymnasiallehrer gemobbt, schwächere Schüler kämen mit der Selbstständigkeit nicht zurecht.

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Und leistungsstarke Kinder? „Wenn ein einziger Schüler mit Gymnasialempfehlung in der Klasse sitzt – da glaubt doch niemand ernsthaft, dass dieser einzelne Schüler alle anderen mitzieht? Wie soll der arme Kerl das denn machen?“, sagt Weber und seufzt. PhV-Landeschef Scholl ist überzeugt: Die Guten rutschen ab: „Sie lernen an der Gemeinschaftsschule, dass sich Anstrengung nicht lohnt: Jedes Kind rückt — egal wie schwach seine Leistung ist — immer in die nächste Klasse weiter.“

Wir sollten die Anmeldenoten anheben, damit so viele Schüler wie möglich bestehen

Besonders schwer wiegt ein Vorwurf, der in mehreren Lehrerberichten auftaucht: Die Noten – die es meist erst ab Klasse 8/9 gibt, würden frisiert, um möglichst viele Kinder zur Mittleren Reife zu bringen. „In den Konferenzen wurden wir von der Schulleitung aufgefordert, wir sollten die Anmeldenoten anheben, sodass so viele Schülerinnen und Schüler wie möglich bestehen“, schreibt ein Lehrer. Die Abschlussnote werde ja aus Anmelde- und Prüfungsnoten gebildet.

Gemeinschaftsschulverein spricht von Schmutzkampagne

Matthias Wagner-Uhl weist diese Vorwürfe zurück. „Es wäre gut, der Philologenverband würde mal mit den Gemeinschaftsschulen reden, anstatt sie immer zu beschmutzen“, sagt der Vorsitzende des Vereins der Gemeinschaftschulen in Baden-Württemberg. Sämtliche Schulen seien bemüht, dass ihre Schüler „ordentliche Einreichungsnoten erhalten“, sagt er – und die Prüfungsaufgaben seien ja für alle gleich.

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Die Mittlere-Reife-Noten lagen unterm Strich bei den Gemeinschaftsschülern nur um 0,1 bis 0,3 schlechter als bei den Realschülern. Die Durchfallquote ist zwar mit sechs Prozent doppelt so hoch, doch man müsse die unterschiedliche Schülerschaft sehen, betont Wagner-Uhl.

Hauptschulkinder zur Mittleren Reife geführt

Im ersten Abschlussjahrgang hatten 47 Prozent der Gemeinschaftschüler eine Hauptschulempfehlung. „Aber zwei Drittel der Kinder sind zur mittleren Reife weitergegangen – und haben die Grundschulempfehlung damit Lügen gestraft.“

Unterstützung erhalten die Gemeinschaftsschulen von der Landtags-SPD und von der Bildungsgewerkschaft GEW. Sie werfen den Gymasiallehrern ein „durchsichtiges Manöver“ vor, da gerade die Schulanmeldungen laufen. Außerdem stütze sich der PhV auf Aussagen weniger Lehrer.

Anteil der Gymnasialkinder sinkt

Dorothea Weber hat ihre Versetzung beantragt, vergeblich. Sie fühle sich fehl am Platz, sagt sie: „Grundsätzlich wäre die pädagogisch-philosophische Idee der Gemeinschaftsschule ja gar nicht so verkehrt – wenn es mehrere Lehrer pro Klasse gäbe und wenn die Mischung der Schüler stimmen würde.“ Aktuell haben nur noch 8,7 Prozent der Fünftklässler dort eine Gymnasialempfehlung, 65 Prozent eine Hauptschulempfehlung.

Eisenmann will sich mit Lehrern „vertieft austauschen“

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) rief als Reaktion auf den öffentlichen Brief des Philologenverbandes ausdrücklich zur Besonnenheit auf: „Es hilft nicht weiter, wenn wir die Schularten gegeneinander ausspielen“, erklärte sie. Die vom PhV geäußerten Sorgen nehme sie jedoch ernst: „Gerne möchte ich mich dazu mit dem Philologenverband und betroffenen Lehrkräften noch vertieft austauschen.“

Auszüge aus den Erfahrungsberichten:
Tief enttäuschte Gymnasiallehrer aus Baden-Württemberg haben für den Philologenverband ihre Erfahrungen an Gemeinschaftsschulen niedergeschrieben – öffentlich wollen sie nur anonym auftreten. Hier einige Auszüge aus den Berichten:

„Der Wegfall der Noten bewirkt eine große Gleichgültigkeit und eine starke Disziplinlosigkeit bei den Schülerinnen und Schülern (SuS). Wenn ich Leistungsnachweise schreiben lasse oder gar Tests, dann werfen SuS mir die Arbeit entgegen und meinen, dass ihnen ohnehin nichts passiere, wenn sie nicht mitschrieben.“

„Jeder Tag ist ein Kampf! Ich möchte nur noch weg!“

„In der Öffentlichkeit wurde von Seiten der Schulleitung schlichtweg zum Wohle der Gemeinschaftsschule gelogen. Ergebnisse wurden beschönigt und VERA 8 sogar hochkorrigiert.“

„Die leistungsstärkeren Schülerinnen und Schüler orientieren sich vor allem in der Mittelstufe an den Schwachen. Das führt dazu, dass auch ihre Leistung nachlässt. Die Stärkeren wollen den Schwächeren gar nicht mehr helfen, da sie merken, dass sie selbst nicht davon profitieren. Es kommt zu Diskriminierung und Ausgrenzung. Mobbing ist deshalb Alltag.“

„Mir wurde mehr oder weniger offen gesagt, es sei meine Verantwortung, so viele Schüler und Schülerinnen wie möglich zum Realschulabschluss zu bringen, sonst werde der Ruf der Schule ruiniert.“

„An unserer Gemeinschaftsschule gilt: Schüler können Klassenarbeiten nach einem Nichtbestehen identisch wiederholen, sodass dann die Ergebnisse stimmen. Das ist völlig fatal: Sie probieren solange den gleichen Test, bis das Ergebnis stimmt! Ich falle jedes Mal aus allen Wolken.“