Gab es vor 7.000 Jahren in Herxheim Kannibalen? Darüber streiten die Forscher.
Gab es vor 7.000 Jahren in Herxheim Kannibalen? Darüber streiten die Forscher. | Foto: Sandmann

Neue Erkenntnisse zu Opfern

1.000 Tote in der Jungsteinzeit: Waren die Menschen in Herxheim Kannibalen?

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Ein Weg nach Herxheim in der Südpfalz führt über die A65, Abfahrt Rohrbach. Bevor Autofahrer den Ortskern erreichen, passieren sie auf der L493 einen Kreisverkehr im Gewerbepark West. An dieser Stelle sieht es vor rund 7.000 Jahren äußerst düster aus. Angehörige der sogenannten Bandkeramik-Kultur verschleppen ganze Dorfgemeinschaften in die Pfalz.

Sie töten rund 1.000 Menschen und entfernen das Fleisch von den Knochen. Die Bandkeramiker zerschmettern die Knochen und werfen sie zusammen mit zerstörter Keramik in eigens dafür ausgehobene Gräben. Die Schädel verwandeln sie in Schalen. Ob die Bandkeramiker Kannibalen waren und das Fleisch der Getöteten gegessen haben – darüber streiten sich die Archäologen.

Ein Archiv-Luftbild des Kreisels bei Herxheim. Grafisch ist die Lage der beiden parallel verlaufenden Gräben eingezeichnet.
Ein Archiv-Luftbild des Kreisels bei Herxheim. Grafisch ist die Lage der beiden parallel verlaufenden Gräben eingezeichnet. | Foto: GDKE, Dir. Landesarchäologie - Speyer

Menschliche Schädel wurden zu Schalen verarbeitet

Andrea Zeeb-Lanz empfängt Besucher im Museum von Herxheim. Die 58-Jährige ist seit 2003 für die Erforschung der Geschehnisse in der Jungsteinzeit verantwortlich und veröffentlicht im August den zweiten von drei geplanten Bänden zu den Ereignissen.

Im Untergeschoss eines der Gebäude des Museums (hier ist ein virtueller Rundgang möglich) zeigt die Archäologin einige der Funde der vergangenen Jahre: Schädeldächer – sogenannte Kalotten –, die wohl als Schalen gedient haben, eine freigelegte Wirbelsäule, einen Unterkiefer, zerstörte Keramik. Im Verlauf des Besuchs erläutert Zeeb-Lanz ihre Hypothese zu den Geschehnissen um 5.050 / 5.040 vor Christus, die sie auch im zweiten Band der Herxheim-Trilogie niedergeschrieben hat.

Treffen von Bandkeramikern in Herxheim

Demnach kommen in der Jungsteinzeit Abordnungen von Bandkeramik-Gemeinschaften – die ersten mitteleuropäischen Ackerbauern – zu einem verabredeten Termin nach Herxheim. Es gibt Spuren, die auf Entfernungen von bis zu 500 Kilometern hindeuten. Die Gäste bringen prächtige Keramik und andere wertvolle Gegenstände mit – aber auch Menschen, die sie bei Überfällen gefangen genommen haben und opfern wollen.

„Wir können sagen, dass 90 Prozent der Getöteten nicht aus den für die Bandkeramik typischen Löss-Gegenden stammen. Der größte Teil kommt aus Mittelgebirgen. In Frage kommen Vogesen, Harz, Schwarzwald, südlicher Odenwald, Taunus – aber genau können wir das derzeit nicht bestimmen“, erläutert Zeeb-Lanz. Auf Berggegenden kann die Herkunft der Opfer dank einer wissenschaftlichen Methode eingegrenzt werden.

Die verantwortliche Archäologin Andrea Zeeb-Lanz steht im Museum in Herxheim. | Foto: Sandmann

Großes Fest in der Südpfalz

In Herxheim bereiten die Bandkeramiker ein großes Fest vor. Sie heben zwei parallel verlaufende Gräben aus, die bis zu vier Meter tief und drei Meter breit sind. Insgesamt dürften die Gräben eine Länge von rund 250 Metern gehabt haben. Die Bandkeramiker zünden zahlreiche Feuer an, sie essen und trinken.

Der Höhepunkt dieses Rituals ist das Töten einer größeren Gruppe der Gefangenen

„Der Höhepunkt dieses Rituals ist das Töten einer größeren Gruppe der Gefangenen. Man hat nicht 1.000 Leute auf einmal getötet, aber bis zu 100. Wir wissen, dass diese Rituale mehrfach stattgefunden haben. Ob dazwischen Monate oder Jahre gelegen haben, können wir aber leider nicht sagen“, gibt Zeeb-Lanz zu, dass viele Einzelheiten der Vorgänge noch im Dunkeln liegen.

Bandkeramiker zerschmetterten Knochen der Gefangenen

Wie genau die Gefangenen getötet werden, weiß niemand. Aber sie werden nach ihrem Tod zerlegt, wie Zeeb-Lanz beschreibt: „Wir haben entsprechende Schnittspuren etwa an den Stellen gefunden, wo Muskeln oder Sehnen ansetzen oder wo man den Unterkiefer vom Kopf trennt.“ Es gibt Langknochen, die aus 40 kleinen Fragmenten bestehen. Zuvor wurde noch das Fleisch entfernt.

Um diese Wirbelsäule freizulegen, wurde auf der rechten Seite des Rückens die Verbindung zwischen Wirbeln und Rippen getrennt. | Foto: Sandmann

Eine besondere Aufmerksamkeit erfahren die Häupter. „Die Bandkeramiker machen aus dem menschlichen Kopf ein Artefakt, eine Schale aus dem Schädeldach. Diese Schalen spielen ganz sicher eine wichtige Rolle in dem Ritual, denn sie sind die einzigen Teile des Körpers, die nicht zertrümmert, sondern sehr sorgfältig in diese Form gebracht werden“, konkretisiert die Archäologin, „es ist nicht abwegig, zu vermuten, dass sie daraus gegessen oder getrunken haben.“

Das Alter der Opfer gibt Rätsel auf, die meisten sind zwischen 15 und 25 Jahre alt. Das ist ungewöhnlich, denn in der Regel werden die Menschen auch damals schon älter, wenn sie die Kindheit überlebt haben. „Ich stelle mir vor, dass man ganze Dorfgemeinschaften dieser Bergbewohner zusammengetrieben, nach Herxheim gebracht und dort getötet hat. Es werden ja auch Fünfjährige zerlegt, nur die Neugeborenen nicht“, lautet die schaurige Erklärung von Zeeb-Lanz.

Die wertvollen Gegenstände wie verzierte Tongefäße – von denen der Name der Bandkeramik-Kultur stammt –, Beile und Klingen werden ebenfalls zerstört. Zeeb-Lanz ist überzeugt, dass alle Reste – Knochen, Scherben, Splitter – zu großen Haufen aufgeschichtet und anschließend zusammen mit Erde in die Gräben geworfen werden. Diese werden daraufhin zugeschüttet.

Forscherstreit: Waren die Menschen in Herxheim Kannibalen?

Eine zentrale Frage ist immer noch ungeklärt: Was passiert mit dem Menschenfleisch? Darüber streitet sich Zeeb-Lanz selbst mit französischen Forscherkollegen, die zusammen mit ihr in Herxheim gearbeitet haben. Denn die sind davon überzeugt, dass Kannibalismus die einzige Erklärung ist.

„Bei einem Ritual werden geschätzt bis zu 100 Menschen getötet und entfleischt. Da kommen sie auf 3.500 Kilo Fleisch und 1.500 Kilo Fett“, stellt Zeeb-Lanz ihre Rechnung vor, „Bandkeramiker können auf längere Zeit nichts konservieren. An dem Ritual müssen sechs- bis achttausend Menschen teilgenommen haben, um das aufzuessen. Das wären mehr Menschen, als es überhaupt Bandkeramiker in Deutschland gegeben hat. Und dieses Ritual findet ja nicht nur einmal statt.“

Video vom Kreisel bei Herxheim:

Zeeb-Lanz: Kannibalismus kann nur mit einem Koprolithen nachgewiesen werden

Ein wichtiges Indiz für die Unterstützer der Kannibalismus-Theorie: zerfledderte Knorpelreste an den Fingerknochen, die auf deren Verzehr hindeuten sollen. „Bei diesen extremen Mengen Menschenfleisch ist es doch irrsinnig zu glauben, dass die Leute aus den kleinen Fingerknochen auch noch das Mark rauslutschen“, sagt die Archäologin mit Dienstsitz in Speyer.

„Um Kannibalismus nachweisen zu können, müsste ich einen Koprolithen haben, also das fossile Exkrement eines Menschen. Wenn darin Myoglobin enthalten ist, könnte ich sagen: Die Person, die diese Fäkalie hinterließ, hat Menschenfleisch gegessen. Aber im Mineralboden gibt es keinerlei organische Überreste.“

Die Gräben wurden mit zerstörter Keramik und zerschmetterten Knochen befüllt. | Foto: GDKE, Dir. Landesarchäologie - Speyer

Zeeb-Lanz unterschlägt nicht, dass es durchaus Hinweise auf Kannibalismus im Herxheim der Jungsteinzeit gibt. „Wir haben von zwei Knochenfragmenten eine Untersuchung machen lassen, die ergeben hat, dass diese erhitzt wurden. Kochen ist aber kein Beweis dafür, dass Fleisch tatsächlich gegessen wird.“

Als Beispiel nennt die Archäologin den Tod von Friedrich I. Barbarossa: „Der ist während eines Kreuzzuges 1190 in der Südtürkei ertrunken. Seine Gefolgsleute wollten seine Überreste aber mitnehmen und deswegen haben sie ihn gekocht, um das Fleisch besser von den Knochen lösen zu können. Und die Gebeine haben sie dann mitgenommen.“

Für Zeeb-Lanz ist der Anlass des Schlachtens der Gefangenen ein anderer: „Sinn und Zweck des Rituals ist die Transformation von Mensch und Material in Objekte. Vielleicht wollen die Menschen auf diese Weise ihre Götter milde stimmen – darüber können wir aber nur spekulieren.“ Für diese Umwandlung gibt es sogar einen Fachbegriff: „Extreme Processing“.

Liegt die Antwort noch im Herxheimer Boden?

„Ich glaube, das wahre Geschehen in Herxheim liegt zwischen zwei Extrempunkten: Entweder das Ritual ist der Versuch, eine Krise abzuwenden. Oder es gibt Bandkeramiker, die eine Revolution angezettelt haben und alles Alte zerstören wollen“, ist Zeeb-Lanz überzeugt.

Sie räumt allerdings ein, dass diese Vorstellung nur ein Erklärungsansatz für die circa 1.000 Toten von Herxheim ist. Denn vielleicht schlummert die Antwort noch dicht unter einem Acker in der Südpfalz. „Mehr als ein Drittel des Grabens liegt noch unberührt im Boden. Das soll auch so bleiben, bis wir bessere Methoden haben“, erklärt Zeeb-Lanz.

Zwei Entwicklungen gelten hingegen als gesichert: Die Bandkeramik-Kultur geht unter, und Herxheim – ein zentraler, kulturell wichtiger Ort – verschwindet nach den blutigen Ritualen für lange Zeit in der Dunkelheit der Geschichte.

Das Museum in Herxheim ist Donnerstag und Freitag von 14 bis 19 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 2,50 Euro Eintritt.