Herzliche Begegnung: OB Frank Mentrup empfängt im Rathaus die einstige Karlsruherin und Holocaust-Überlebende Judith Rosenberg.
Herzliche Begegnung: OB Frank Mentrup empfängt im Rathaus die einstige Karlsruherin und Holocaust-Überlebende Judith Rosenberg. | Foto: jodo

Nichte von Julius Hirsch

Holocaust-Überlebende Judith Rosenberg besucht Heimatstadt Karlsruhe

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„Ich wusste, wenn meine Eltern sich trennen, dann wird mein Vater ermordet,“ berichtet die Holocaust-Überlebende Judith Rosenberg mit zitternder Stimme vor gebannt zuhörenden Schülern. Rosenberg selbst hatte Glück – sie ist ein „Mischlingskind“, wie es die Nazis nennen. Ihr Vater war Karlsruher jüdischen Glaubens, ihre Mutter Protestantin. Damals forderte die Gestapo sie und ihre Mutter auf, sich vom Vater zu trennen, um ihr eigenes Leben zu sichern. Doch beide waren mutig und stellten sich gegen die Nazis.

Auf einer Reise durch ihre alte Heimat Deutschland stellt sich die heute in Kanada lebende ehemalige Karlsruherin ihrer Vergangenheit. Im Gespräch mit Schülern des Ludwig-Marum-Gymnasiums und beim Empfang durch Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) am Montag erzählt sie nicht nur ihre ganz persönliche Geschichte, sie stellt auch den Film „Mischling“ vor, den ihr Enkel Jason Oberlander über sie und ihre Erlebnisse gedreht hat. Sie bilde eine „Brücke zur Jugend“, so der OB, in Zeiten, wo es kaum mehr persönliche Beziehungen zu dem Thema gebe.

Bekannte Karlsruher Familie

Als Tochter des Fabrikanten Max Hirsch wurde Judith 1927 in Karlsruhe geboren. Ihr Onkel Julius Hirsch, ehemaliger Fußball-Nationalspieler, wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Seine sportliche Karriere begann er 1902 beim Karlsruher FV. Ihm zu Ehren wurde neben der Julius-Hirsch-Sporthalle des Pfinztaler Gymnasiums auch eine Straße in der Karlsruher Nordweststadt benannt.

Außerdem verleiht der DFB seit 2005 jährlich den Julius-Hirsch-Preis als Zeichen gegen Diskriminierung. Auch kennen viele das Reisebüro Hirsch am Ludwigsplatz in der Karlsruher Innenstadt. Dieses hat Heinold Hirsch, der Sohn von Julius Hirsch, gegründet. Noch heute ist es in Familienbesitz.

Im Gespräch mit den Schülern des Ludwig-Marum-Gymnasiums in Pfinztal sind Judith Rosenberg und Jason Oberlander.
Im Gespräch mit den Schülern des Ludwig-Marum-Gymnasiums in Pfinztal sind Judith Rosenberg und Jason Oberlander. | Foto: jodo

Frau eines SS-Manns warnte sie

Die Reichspogromnacht am 9. November 1938 haben Judith und ihre Eltern nur überstanden, weil die Frau eines SS-Manns aus der Nachbarschaft sie vorgewarnt hat. Sie konnten sich im Haus ihres Großvaters mütterlicherseits in der Marienstraße 18 verstecken. Auf Anraten der jüdischen Gemeinde zog die Familie 1940 nach München. Dort arbeitete ihr inzwischen enteigneter Vater als Hausmeister in einem jüdischen Krankenhaus. Judith selbst durfte die Schule nur bis zum 14. Lebensjahr besuchen, danach arbeitete sie in einem Kinderheim.

Im Film erzählt sie unter Tränen, wie sie dort den Befehl bekam, eine Gruppe von Kindern für den Transport bereit zu machen. „Ich habe sie angezogen, ihnen Naschtüten gerichtet und sie in den Arm genommen. Ich dachte, sie werden in ein Ghetto gebracht.“ Sie wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass die Kinder in ein Konzentrationslager abtransportiert und dort ermordet werden. Noch heute bricht es ihr das Herz.

Rosenberg überlebte Holocaust trotz KZ-Aufenthalts

Kurz vor Ende des Krieges wurden auch sie und ihr Vater in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Ihr Glück war, dass die Menschen dort nicht ermordet wurden, sondern verhungern sollten. Das Kriegsende kam dem jedoch zuvor. Sie konnten zur Mutter zurückkehren.

Judith Rosenberg wollte nicht mehr in Deutschland leben. Sie wanderte mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern nach Kanada aus. Bis vor wenigen Jahren sprach sie kein Wort über das, was sie erlebte. Heute jedoch ist sie froh, dass ihr Enkel sie immer wieder dazu gedrängt hat, sich der Vergangenheit zu stellen. „Ich war verbittert – bis ich angefangen habe, darüber zu sprechen.“

Fragt nach, sonst ist es zu spät

Heute ist sie wieder lebensfroh und will mit ihrer Geschichte die nachfolgenden Generationen dazu auffordern, über die Vergangenheit zu sprechen. „Fragt nach, sonst ist es zu spät. In wenigen Jahren sind keine Überlebenden mehr da.“ Schüler des Goethe-Gymnasiums haben dazu am Dienstagvormittag die Gelegenheit bei der letzten Station von Judith Rosenbergs Besuch in Karlsruhe.