Die Lehrerbranche buhlt um Nachwuchs. Doch auf dem Weg zum Beamtentum müssen Referendare teilweise hohe Hürden in Kauf nehmen. | Foto: dpa

„Man wird im Stich gelassen“

Im Sommer arbeitslos: Lehrer müssen aufs Amt

Anzeige

Viele befristet angestellte Lehrer sind in Baden-Württemberg über die Sommerferien arbeitslos – auch Referendare sind davon betroffen. Das Land spart knapp 15 Millionen Euro jährlich, die Betroffenen müssen dafür einige Wochen überbrücken. Eine Referendarin berichtet.

Nach dem Referendariat hat sie eine sichere Stelle als Lehrerin – Karin Hofmann (Name geändert) könnte sich auf ihren Beruf vorbereiten. Doch die 28-Jährige hat gerade den sechsten Gang zum Arbeitsamt vor sich. Hofmann muss Hartz IV beantragen, um in den Sommerferien über die Runden zu kommen. Da wird sie wie viele andere Referendare sowie weitere befristet angestellte Lehrer in Baden-Württemberg nicht bezahlt. „Man freut sich nach der Ausbildung auf den Beruf – und dann ist man arbeitslos“, sagt Hofmann frustriert. Bis zur ersten Gehaltszahlung als Lehrerin können zwei unbezahlte Monate vergehen – zuviel für die 28-Jährige, die einen Umzug stemmen und sich ein Auto anschaffen muss. „Das sind Kosten, die ich ohne Gehalt nicht decken kann.“

„Unfair, dass man im Stich gelassen wird“

14,5 Millionen Euro spart sich das Land Baden-Württemberg laut Kultusministerium dadurch. Es geht nicht nur um Referendare: Bundesweit meldeten sich 6 000 befristet angestellte Lehrer laut Arbeitsagentur in den vergangenen Sommerferien arbeitslos – den größten Anteil gibt es in Baden-Württemberg (1 840). Hier sind es zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor. „Wir sind eines der mit Abstand reichsten Bundesländer. Dass wir uns so was leisten, ist ein Unding“, sagt Barbara Becker von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg (GEW). Sie tauscht sich oft mit frustrierten Referendaren oder Lehrern aus. „Die befristet Beschäftigen stopfen uns Löcher, spielen immer wieder den Notnagel – und dann verdienen sie in den Sommerferien nichts“, moniert Becker. „Dabei weiß man, dass man sie wieder brauchen wird.“

4 500 Referendare beginnen jährlich – die, die ihre Ausbildung nun abschließen, sind verunsichert. Bleibt es beim finanziellen Sommerloch? Oder wird es eine längere Durststrecke? „Unter ihnen ist das ein großes Thema“, sagt die 28-jährige Hofmann. „Manche leihen sich Geld oder werden vom Partner mitfinanziert – und das für sieben Jahre Ausbildung. Unfair, dass man in der Zeit vom Staat im Stich gelassen wird.“ Manche suchten sich einen anderen Job.

In de Ferien Kisten stapeln im Supermarkt

Becker geht mit Referendaren die immer gleiche Frage durch: Lohnt es sich, noch auf eine Anstellung zu warten? „Wer das Geld hat, wartet bis Oktober. Das muss man sich aber leisten können.“ Es kann vorkommen, dass ein Lehrer unvorhergesehen ersetzt werden muss. „Manche stapeln bis dahin Kisten im Supermarkt.“

Marlis Tepe hat nach ihrem Referendariat zur Überbrückung damals in den Sommerferien in einem Altenheim und einer Antiquitätenhandlung ausgeholfen. Die Bundesvorsitzende der GEW erinnert sich: „Man fängt als Lehrer müde an statt erholt.“ Immer wieder habe man Gespräche mit den Ministerien der Länder geführt. „Ein Land nach dem anderen wurde überzeugt, dass es richtig ist, die Lehrer über die Sommerferien zu bezahlen.“

Kultusministerium: Maximal 1700 Lehrer betroffen

Schleswig-Holstein etwa würde zumindest Lehrer, die vor Februar angestellt wurden, über die Sommerferien bezahlen. Baden-Württemberg würde das Geld lieber anderweitig in Bildung investieren. „Zulasten der Sozialkassen und der Menschen, die mit Lehrpersonen zusammenleben.“

Laut Kultusministerium sind von dem Sommerloch von den 117 000 Lehrern an öffentlichen Schulen nur wenige betroffen. Unbefristet angestellte oder verbeamtete Lehrer sowie Pensionäre, die noch aushelfen, zählen nicht dazu. „Zahlreiche“ hätten auch eine unbefristete Stelle ausgeschlagen, „weil dies ihrem Ortswunsch nicht entsprach“. Heruntergerechnet beträfe das Sommerloch also maximal 1 700 Lehrer.
Dem entgegnet Becker: „Wenn es so wenige sind: Warum beschäftigen wir sie dann nicht?“ Tepe sagt:. „Ich könnte mir vorstellen, dass man seine Haltung ändert, wenn der Lehrkräftemangel so dramatisch wird wie in anderen Bundesländern.“