Gedenken
Blumen und Kerzen: So sah es vor dem Drogeriemarkt in Kandel Ende Dezember 2017 aus nachdem die 15-jährige Mia ermordet wurde. | Foto: Andreas Arnold

Abdul D. in Zelle erhängt

Kandel: Mias Mörder galt nicht als depressiv

Anzeige

Alles deutet bisher auf Selbstmord hin: Der Mörder der 15-jährigen Mia aus Kandel hat sich offenbar selbst in seiner Einzelzelle erhängt. Aber letzte Klarheit müssen die Gerichtsmediziner schaffen. Dass der Häftling Abdul D. mehrfach Auseinandersetzungen mit Mithäftlingen hatte, war bei den Behörden bekannt. Eine Suizidgefahr sah die Justizvollzugsanstalt jedoch nicht.

Mit Schnürsenkel und Kissenbezug erhängt

Nein, auf Selbstmordabsichten habe nichts hingedeutet, erklärt Christoph Burmeister, Sprecher des rheinland-pfälzischen Justizministeriums. Der Mörder der 15-jährigen Mia aus Kandel sei nach Angaben des Jugendgefängnisses Schifferstadt nicht als depressiv aufgefallen: „Dafür gab es aktuell keine Anhaltspunkte.“ Doch in der Nacht zum Donnerstag nahm Abdul D. nach bisherigen Ermittlungsergebnissen seine Schnürsenkel und seinen Kissenbezug und erhängte sich damit. „Die Auffindesituation spricht sehr für Suizid“, sagt Burmeister im BNN-Gespräch, Hinweise auf Fremdeinwirkungen gebe es bislang nicht.
Am Mittwochabend um 21.30 Uhr sei Abdul D. noch lebend gesehen worden, erklärt der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Morgens um sechs Uhr fanden Justizbeamte den jungen Häftling tot auf, als sie die Zellentür öffneten.

Mehr zum Thema: Angeklagter zu acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt

Auseinandersetzungen mit Mithäftlingen

Die Staatsanwaltschaft bestätigt auch, dass es wiederholt Auseinandersetzungen zwischen Abdul D. und Mithäftlingen gegeben hatte. Klarheit über die Todesursache soll die Obduktion bereits an diesem Freitag in der Mainzer Gerichtsmedizin bringen. Noch am gleichen Tag wollen die Behörden das Ergebnis bekanntgeben. Während die Leiche des verurteilten Mörders Abdul D. in der Gerichtsmedizin seziert wird, wollen Demonstranten an diesem Freitag durch Landau ziehen – das ist seit längerem geplant. Denn der brutale Tod der jungen Mia hat im Dezember 2017 viele Menschen erschüttert – und neben Mitgefühl auch Wut, Hass und hitzige politische Auseinandersetzungen über die Flüchtlingspolitik und die Zuwanderer, insbesondere aus muslimisch-patriarchalisch geprägten Ländern, entzündet.

Mehr zum Thema: Angeklagter im Kandel-Mordprozess bekundet Reue

Ex-Freundin aus Eifersucht erstochen

Der verurteilte Abdul D. tötete seine 15-jährige Ex-Freundin offensichtlich aus Eifersucht mit acht Messerstichen. Er war als angeblich minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen. Zunehmend bestimmten rechtspopulistische Kräfte und linksautonome Gegendemonstranten die zahlreichen Protestmärsche nach Mias Tod – zunächst in deren Heimatstadt Kandel, in jüngerer Zeit im nahen Landau.

Häme und Jubel nach der Suizid-Nachricht

Im Umfeld der rechtspopulistischen Initiative „Kandel ist überall“ löste die Nachricht vom Tod des Häftlings Abdul D. Häme und Jubel aus. „Der innerbetriebliche Entsorgungsfachbetrieb des Gefängnisses hat gute Arbeit geleistet“, kommentiert jemand auf der Facebook-Seite der Gruppierung. „Tolle Nachricht“, „So kann es weitergehen“ oder „Kostengünstig…“, lauten weitere Reaktionen. Eine Kommentatorin lässt Zweifel am Tod des vielgehassten Häftlings aufkommen: „Hat jemand die Leiche gesehen?“, fragt sie.

Alter des Afghanen unklar

Wie alt Abdul D. bis zu seinem Tod in der Gefängniszelle tatsächlich wurde, ist ungeklärt. Er selbst hatte zum Zeitpunkt des Mordes sein Alter mit 15 Jahren angegeben – Gutachter hingegen schätzten es auf 17,5 bis 20 Jahre. Verurteilt wurde er nach Jugendstrafrecht. Seine Gefängnisstrafe verbüßte er in einer Einzelzelle. Das sei in Rheinland-Pfalz der Standard, erklärt Ministeriumssprecher Burmeister. Mit zwei Gefangenen werde eine Zelle nur in Ausnahmefällen und mit Zustimmung der Betroffenen belegt. Genügend Platz gebe es in den Gefängnissen: „Bei uns hat sich die Zahl der jugendlichen Häftlinge innerhalb von 15 Jahren halbiert.“ Dass Mias Mörder einen Schnürsenkel zur Verfügung hatte, ist ebenfalls nichts Außergewöhnliches, wie Burmeister erläutert. Sofern keine Suizidabsichten erkennbar sind, dürften Gefangene in ihrer Zelle „fast alles haben, was sie auch zuhause haben“ – abgesehen von den meisten Elektro- und Kommunikationsgeräten und natürlich von Waffen.

Extra-Zelle für Selbstmorgefährdete

„Wenn jemand einen Fernseher hat, wird er in einer Kiste versiegelt, damit man nichts manipulieren kann“, sagt der Ministeriumssprecher. Besteck gebe es in der Zelle, aber keine scharfen Messer. Rasierer werden als Plastik-Einweg-Produkte ausgehändigt. Im Grunde könne man beinahe jeden Gegenstand „in irgendeiner Weise zum Suizid gebrauchen“, sagt Burmeister. Offensichtlich selbstmordgefährdete Häftlinge würden in eine spezielle Zelle verlegt. „Sie ist rund um die Uhr videoüberwacht, es gibt keine losen Gegenstände – das Bett und die Toilette sind fest verschraubt“, erklärt Burmeister. „Es kann auch angeordnet werden, dass der Häftling keine normale Kleidung, sondern spezielle Kleidung aus Papier trägt.“ Aber all das seien Maßnahmen, die nur für einige Tage oder Wochen realistisch anzuwenden seien.

Demonstation in Landau

Möglich seien auch viertelstündliche Kontrollen in normalen Zellen – doch das führe zum Schlafentzug der Gefangenen und sei dadurch problematisch. Für solche Konzepte zum Schutz von Gefangenen haben die meisten Bürger, die hinter den – zahlenmäßig inzwischen geschrumpften – Protestzügen in Kandel und Landau stehen, kein Verständnis. Für diesen Freitag hat das „Frauenbündnis Kandel“ zur Demo in Landau aufgerufen. Die Nachricht vom Tod des Abdul D. hat aus Sicht der Polizei nichts geändert. „Wir bereiten uns vor“, sagt ein Sprecher, „aber es gibt keine neue Lagebewertung“.

(mit dpa)

Hinweis der Redaktion
Die Badischen Neuesten Nachrichten berichten üblicherweise nicht über Suizide. Grund dafür ist, dass die Berichterstattung über Selbsttötungen erwiesenermaßen zu vielen Nachahmern führen kann. Ausnahmen werden nur gemacht, wenn ein Fall durch bestimmte Umstände besonders relevant ist. Sollten Sie selbst Probleme haben oder über Suizid nachdenken, gibt es in Deutschland 104 Seelsorgestellen, die jederzeit eine anonyme Beratung anbieten. Die kostenlosen Rufnummern lauten 0800 – 1110111 oder 0800 – 1110222. In Karlsruhe bieten zudem der Kriseninterventionsdienst K.i.D. (0721 – 830 36 47) und der Arbeitskreis Leben Karlsruhe (0721 – 811424) Hilfe und Beratung an.

BNN/pol