Treffen sich zwei Forscher aus Karlsruhe in der Antarktis: Mitte Januar war KIT-Präsident Holger Hanselka (rechts) in der Neumayer-Station III und begegnete auch seinem Studenten Konstantin Krüger.
Treffen sich zwei Forscher aus Karlsruhe in der Antarktis: Mitte Januar war KIT-Präsident Holger Hanselka (rechts) in der Neumayer-Station III und begegnete auch seinem Studenten Konstantin Krüger. | Foto: Alfred-Wegener-Institut/Esther Horvath

Konstantin Krüger im Interview

KIT-Student in der Antarktis: „Ich vermisse Pflanzen und Regen ganz besonders“

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Konstantin Krüger hat seit Mitte November tierisch niedliche Nachbarn. Der 24-Jährige, der am KIT Meteorologie studiert, forscht insgesamt drei Monate in der Neumayer-Station III in der Antarktis. In der Nähe lebt eine Kaiserpinguinkolonie. BNN-Redaktionsmitglied Julius Sandmann hat mit Krüger ein Interview geführt über unberührte Natur und fehlende Privatsphäre. Wegen der eingeschränkten Kommunikation wurden die Fragen per E-Mail übermittelt.

Herr Krüger, was vermissen Sie in der Antarktis am meisten?

Krüger: Abgesehen von Familie und Freunden vermisse ich zwei Sachen ganz besonders: Pflanzen und Regen. Das letzte Mal, dass ich einen Baum gesehen oder einen Regenschauer gespürt habe, ist schon mehr als zwei Monate her.

Wie sind Sie von Karlsruhe überhaupt in die Antarktis gekommen? Es geht ja kein Flug vom Baden-Airport zur Neumayer-Station III.

Krüger: Ich bin von Frankfurt nach Kapstadt geflogen und von dort zur russischen Nowolasarewskaja-Station in der Antarktis. Von dort ging es dann innerhalb von etwa drei Stunden mit einem Kleinflugzeug auf Skiern zur Neumayer III.

Das klingt nach einem Abenteuer. Warum sind Sie diese Reise angetreten?

Krüger: Es gibt viele einzigartige und spektakuläre Regionen auf der Welt, doch die Antarktis ist einfach unvergleichbar. An keinem anderem Ort gibt es eine so reine Natur was Tiere, Wetter und Landschaft angeht, gepaart mit einer extremen Isolation vom Rest der Welt. Darüber hinaus hat mich die mentale Herausforderung gereizt, unter diesen Bedingungen mit internationalen Forschern zu arbeiten und zu leben.

Was sind Ihre Aufgaben?

Krüger: Generell bin ich hier, um im Rahmen des „Year of Polar Prediction“ drei Mal am Tag Wetterballonmessungen durchzuführen, mit denen ich meteorologische Informationen von der unteren bis zur mittleren Atmosphäre gewinne. Darüber hinaus helfe ich im Meteorologie-Observatorium bei Wetterbeobachtungen, der Instandhaltung und der Reparatur von Messgeräten sowie bei Meereisexpeditionen mit.

Wie sieht Ihr Tagesablauf genau aus?

Krüger: Mein Tagesablauf wird durch meine Messungen bestimmt. Ich starte meine Ballons um fünf, 17 und 23 Uhr koordinierter Weltzeit, auch UTC genannt. Pro Ballon brauche ich etwa drei Stunden für Vorbereitung, eigentliche Messung und Übermittlung der Daten an Wetterzentren wie etwa den Deutschen Wetterdienst. Nach dem Ausprobieren verschiedener Schlafrhythmen – drei Mal täglich für zweieinhalb Stunden und zwei Mal täglich für vier Stunden – hat es sich für mich als sinnvoll herausgestellt, quasi nach kalifornischer Zeit zu leben und zwischen acht und 15 Uhr UTC zu schlafen. Ansonsten mache ich viel Sport, werte meine Messungen aus oder unternehme Dinge mit meinen Kollegen.

Wo müssen Sie sich im Alltag besonders einschränken?

Krüger: Privatsphäre ist hier ein Fremdwort. Man teilt sich ein Viererzimmer für mehrere Monate am Stück mit im Prinzip fremden Leuten, die mitunter aus anderen Kulturen kommen, an die man sich gewöhnen muss. Zudem ist ständig irgendetwas los: Egal in welchen Raum ich gehe, ich bin nie alleine. Der Alltag wird außerdem sehr vom Wetter bestimmt – etwa, wenn ich in der Umgebung etwas unternehmen möchte. Es gibt Phasen, in denen Schneestürme mehrere Tage andauern. Dann ist man meist an die Station gebunden, da es draußen zu gefährlich ist.

Und wie werden Sie für diese Entbehrungen belohnt?

Krüger: Direkt der Tag meiner Ankunft auf Neumayer war der Beginn des Polartages. Das bedeutet, dass die Sonne nicht mehr untergeht, sondern immer am Himmel steht. Das Zeitgefühl geht dadurch sofort verloren, weil man 24 Stunden täglich mehr oder weniger ein ähnliches Sonnenlicht hat und dadurch Tageszeiten nicht mehr einschätzen kann. Besonders spektakulär sind die kleinen Expeditionen auf dem Meereis, wo wir Messungen von Schneedicken oder Bohrungen durchführen. Dort sieht man Pinguine, Weddellrobben, die Schelfeiskante und Tafeleisberge. Als wir Messungen direkt an Eisbergen durchgeführt haben, war schon ein gewisser Nervenkitzel dabei, da wir über diverse Risse und Spalten im Meereis fahren mussten und unter uns Schnee und Eis gekracht haben – und darunter war das Wasser etwa 200 Meter tief. Spektakulär sind auch die verschiedenen Wetterphänomene, die man hier beobachten kann: Diamond Dust, Whiteout, Halos, Fata Morganas oder Schneestürme.

Konnten Sie denn Pinguine auch schon aus der Nähe betrachten?

Krüger: Ja. Definitiv mein schönstes Erlebnis war an Heiligabend, als ich mit einem französischen Forscherteam direkt zur Kaiserpinguinkolonie, die rund acht Kilometer von uns entfernt in der Atka-Bucht lebt, fahren und dort Jungtiere untersuchen durfte. Normalerweise sind alle Tierarten durch den Antarktis-Vertrag geschützt. So darf man sich etwa Pinguinen normalerweise nur bis auf 15 Meter nähern. Ich durfte die Pinguine jedoch festhalten, damit die Forscher ihre Untersuchungen machen konnten. Jedes Tier wurde gewogen, Flügel- und Schnabellängen vermessen und Blutproben genommen. Es war ein einzigartiges Gefühl, den Pinguinen so nah sein zu können. Dazu gibt es auf dem Meereis an Eislöchern und Spalten verschiedene Robbenarten. Da ich in der Brutzeit da war, habe ich auch Jungtiere gesehen.

Wie kalt ist es bei Ihnen?

Krüger: Da sich die Neumayer-Station an der antarktischen Küste befindet, herrscht hier ein einigermaßen erträgliches Klima. Als ich im November ankam, war meine niedrigste Messung bei minus 26 Grad Celsius. Mitten im Sommer liegen die Temperaturen meist zwischen minus zwei bis minus zehn Grad; wenn es stürmt sogar teilweise nur bei knapp unter null Grad.

Von Kapstadt aus finden einmal pro Jahr Versorgungsfahrten per Schiff statt

Wie müssen Sie sich anziehen, um die Station verlassen zu können?

Krüger: Das kommt vor allem auf die Windverhältnisse an und darauf, wie lange man sich außerhalb der Station befinden wird. Wir haben hier spezielle Polarausrüstung, die in jedem Fall warm genug ist. Auf mehrstündigen Meereisausflügen habe ich meistens Thermounterwäsche, zwei Sockenpaare und einen Skipullover an, darüber dann eine Skihose und einen Polar-Anorak.

Und wie sieht es mit der Verpflegung aus?

Krüger: Von Kapstadt aus finden einmal pro Jahr Versorgungsfahrten per Schiff statt, die einen Vorrat an Lebensmitteln und Diesel bringen. Während der antarktischen Sommersaison, also von November bis Februar, werden mit den Personenflügen auch immer wieder Lebensmittel wie Obst und Gemüse mitgeliefert. Generell ist die Auswahl in der Sommersaison sehr groß. Nur wenn es hier für ein, zwei Wochen am Stück stürmt, muss man auch mal auf Salat und Co verzichten.

Gibt es ein Gericht, das Sie sofort bestellen, wenn Sie wieder in Karlsruhe sind?

Krüger: Ja: Badisches Filetpfännle.

Wie sieht denn Ihre Freizeit aus, und wie verhindern Sie einen Lagerkoller?

Krüger: Auch nach zwei Monaten ist mir noch nicht langweilig geworden. Es gibt zwei Sporträume, einen Tischkicker, eine Tischtennisplatte und einen Billardtisch. Außerdem kann man bei gutem Wetter draußen eine Runde laufen. Es gibt sogar eine Sauna. Abends sind die meisten Leute dann im Wohnzimmer und trinken ein Feierabend-Bier, spielen Gesellschaftsspiele oder schauen einen Film.

Es ist wie in einer großen WG

Mit wie vielen Menschen teilen Sie sich die Station?

Krüger: Ich lebe in der Station mit etwa 60 Leuten. Es ist wie in einer großen WG, in der ständig Leute ein- und ausziehen. Viele Wissenschaftler sind nur wenige Wochen hier für ihre Messkampagne und werden von anderen abgelöst. Die meisten sind Deutsche, jedoch habe ich unter anderem auch amerikanische, südafrikanische, chinesische und isländische Kollegen. Dazu kommen noch die meist kanadischen Piloten. Der Umgang untereinander ist sehr harmonisch, da alle Menschen hier ähnliche Leidenschaften haben.

Was passiert denn, wenn es einen medizinischen Notfall gibt?

Krüger: Unser Stationsleiter ist Chirurg und kann im schlimmsten Fall überlebenswichtige Maßnahmen durchführen. Es gibt sogar einen kleinen Operationssaal. Gerade im Winter ist es besonders kritisch, da keine Flüge stattfinden können und die Station verkehrstechnisch völlig von der Außenwelt abgeschnitten ist. Kleinere Beschwerden werden vor Ort behandelt.

Mitte Januar war der KIT-Präsident zu Besuch in der Antarktis. Wie war es, Holger Hanselka dort zu sehen und nicht in Karlsruhe?

Krüger: Es ist natürlich kurios, wenn sich zwei Menschen aus derselben Stadt und von derselben Universität ausgerechnet in der Antarktis zum ersten Mal über den Weg laufen. Herr Hanselka war mit einer großen Delegation und einem eng gestrickten Zeitplan den ganzen Tag in der Stationsumgebung unterwegs. Ich hatte dennoch ein kurzes, aber sehr nettes Gespräch mit ihm, in dem wir uns über meine Messungen, mein Leben in der Antarktis und mein Studium unterhalten haben.

Das Internet vor Ort ist stark begrenzt

Können Sie denn mit Ihrer Familie und Ihren Freunden daheim kommunizieren?

Krüger: Es gibt in jedem Büro ein Telefon, die man mehr oder weniger frei benutzen kann. Ich telefoniere hin und wieder mit meiner Familie, meinen Freunden oder meinen Mitbewohnerinnen. Da es Internet gibt, besteht auch die Möglichkeit, über soziale Medien zu kommunizieren.

Warum ist Skypen nicht möglich?

Krüger: Das Internet vor Ort ist stark begrenzt und vor allem für die Übermittlung wissenschaftlicher Daten gedacht. Um die Arbeitsfähigkeit der Observatorien zu gewährleisten, sind größere Prozesse, unter anderem Skypen, gesperrt.

Wie wird es nach Ihrer Zeit auf Neumayer für Sie weitergehen?

Krüger: Ich werde die Messdaten, die ich hier erhoben habe, für meine Masterarbeit verwenden. Ende Oktober habe ich hoffentlich meinen Masterabschluss in Meteorologie und werde dann entweder promovieren oder direkt in den Beruf einsteigen.

Was werden Sie nach Ihrer Rückkehr aus der Antarktis am meisten vermissen?

Krüger: Diese Frage werde ich wahrscheinlich erst nächsten Monat richtig beantworten können. Mir sind vor Ort sehr viele Dinge ans Herz gewachsen. Vor allem Eisberge und Pinguine werde ich bestimmt vermissen. Eines weiß ich schon jetzt: Wenn es irgendwie möglich ist, möchte ich unbedingt noch einmal zurückkehren.

Die Neumayer-Station III ist benannt nach Georg von Neumayer, Geophysiker und Hydrograph (1826 – 1909). Er ist vor allem für sein Engagement in der Südpolarforschung bekannt.