Leergefegt: Die Warnungen vor Sturmtief Sabine hatten die Bahn dazu veranlasst, von Sonntagabend bis Montagfrüh fast den gesamten Schienenverkehr lahm zulegen. Eine Maßnahme, die am Tag darauf von vielen als übertrieben kritisiert wurde.
Leergefegt: Die Warnungen vor Sturmtief Sabine hatten die Bahn dazu veranlasst, von Sonntagabend bis Montagfrüh fast den gesamten Schienenverkehr lahm zulegen. Eine Maßnahme, die am Tag darauf von vielen als übertrieben kritisiert wurde. | Foto: dpa

Viel Lärm um nichts?

Kritik nach Sturmtief „Sabine“: Waren die Maßnahmen übertrieben?

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Der Wintersturm Sabine versetzte die Menschen in ganz Deutschland in helle Aufregung. Im Internet, im Fernsehen und in anderen Medien überschlugen sich die Warnungen vor dem Orkan, der in unserer Region glücklicherweise keine großen Schäden anrichtete. Waren die Einstellung des Bahnverkehrs und die Aufhebung der Schulpflicht für Schüler also übertriebene Maßnahmen? Nein, meinen Experten.

Der Bahnverkehr stand still, Flüge fielen aus, Fußballspiele und andere Großveranstaltungen wurden aus Sicherheitsgründen abgesagt. Eltern konnten selbst entscheiden, ob sie ihre Kinder zur Schule gehen lassen oder nicht. Selten zuvor wurde vor einem Wintersturm so eindringlich gewarnt, wie vor „Sabine“, die am Sonntag und Montag über ganz Europa hinwegfegte. In Baden-Württemberg hielten sich die Schäden dabei glücklicherweise in Grenzen.

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Kritik an den Maßnahmen

Doch Sabine lag noch in den letzten Zügen, da wurden über die Sozialen Medien schon die ersten kritischen Stimmen laut. Die Einstellung des gesamten Bahnverkehrs im Land sei unverhältnismäßig, twitterten aufgeregte Pendler und Promi-Meteorologe Jörg Kachelmann blies beim Interview mit dem Deutschlandfunk am frühem Morgen ins selbe Horn. „Wenn so ein durchschnittlicher Wintersturm schon solche Maßnahmen auslöst, was passiert dann erst bei einem Monsterorkan?“ fragte der Wetterexperte.

Sicherheit der Fahrgäste stand an erster Stelle

Reinhold Willing, Pressesprecher der Deutschen Bahn in Stuttgart, sieht das naturgemäß anders. Er verteidigte die schon am späten Sonntagnachmittag getroffene Entscheidung der Bahn, den Zugverkehr auf den Fernstrecken zu unterbrechen.

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Am späten Abend wurde dann auch der regionale Bahnverkehr in Baden-Württemberg eingestellt. „Wir hatten Wetterdaten vorliegen, die schwere Beeinträchtigungen für den Schienenverkehr hätten bringen können. Die haben uns veranlasst, unsere Entscheidung so zu treffen, wie wir sie getroffen haben.“ Der erste Ansatz sei stets die Sicherheit der Fahrgäste. „Wir wollten nicht, dass die Leute irgendwo auf freier Strecke liegen bleiben und dann nicht mehr wegkommen.“

Gegen Kyrill und Lothar ist Sabine ein laues Lüftchen

Eine präventive Unterbrechung des gesamten Schienenverkehrs in ganz Baden-Württemberg hatte es zuletzt beim Orkan Kyrill gegeben, der 2007 übers Land fegte. Bei Lothar, der 1999 wütete, hatte es fast keine Sturmwarnungen gegeben. Aber gegen die beiden nahm sich Sabine auch eher wie ein laues Lüftchen aus.

Trotzdem waren auch bei den Karlsruher Verkehrsbetrieben (KVV) am Montagvormittag noch fast alle Strecken außer Betrieb oder nur sehr stark eingeschränkt befahrbar. Die Frage, ob das nötig war, hört KVV-Sprecher Nicolaus Lutterbach nicht gern. „Das ist eine rein rhetorische Frage. Wir müssen immer den sicheren Betrieb im Blick haben. Die Wetterdaten ließen darauf schließen, dass wir den nicht gewährleisten können.“

Gratwanderung für die Schulbehörde

Ähnlich sieht das der Sprecher des Kultusministeriums Benedikt Reinhard. Die Schulbehörde hatte schon am Samstag bekannt gegeben, dass die Eltern selbst entscheiden können, ob ihr Kind am Montag die Schule besuchen soll, oder nicht. „Das zu entscheiden, war eine Gratwanderung“, sagt er. Niemand habe absehen können, wie sich der Sturm entwickelt. „Und wenn nur ein Kind nicht von einem Baum erschlagen worden ist, hat sich die Maßnahme doch schon gelohnt.“

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Die Böen sind das Problem

Joaquim Pinto, Experte für Winterstürme am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), hat Verständnis für die Maßnahmen. „Sie waren stark, aber nicht falsch. Denn Sabine war ein schwerer Orkan“, so der Professor für Meteorologie. Besonders problematisch seien die starken Böen, die ein solcher Sturm mit sich bringt. „Wir wissen nie genau, wo und wann sie auftreten.

Aber wenn sie entstehen, können sie leicht ein Unglück auslösen“, so Pinto. Am KIT arbeite man deshalb gerade an einem Projekt, das auch die Vorhersage solcher bislang unberechenbaren Böen zum Ziel habe. Eine übertriebene Panikmache im Vorfeld des Sturms sieht Pinto nicht. „Die Medien tendieren bei solchen Wetterereignissen gern mal dazu. Aber diesmal hielt es sich in Grenzen“, findet er.

Klimawandel verstärkt die Angst

Als „furchterregend“ empfand dagegen der Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger aus Mainz die Berichterstattung. „Das lag aber vor allem daran, dass ich am Sonntag von Hamburg nach Frankfurt fliegen musste.“ Die Sturmwarnungen im SWR hätten ihm regelrecht Angst eingejagt. Eine Angst, die – wie sich dann im Flugzeug herausstellte – völlig unnötig war.

Den emeritierten Professor brachte das ins Grübeln. Warum werden solche Stürme inzwischen zu medialen Ereignissen? „Sabine war ein großer Sturm, aber ihn als Katastrophe zu inszenieren, ist Unsinn“, kritisiert der Kommunikationsexperte. Dass das mittlerweile aber fast automatisch passiert, hat Kepplingers Ansicht nach einen Grund: „Gerade im Kontext vom Klimawandel verstärken sich die Sorgen der Menschen.“ Guter Journalismus könne dem mit echten Informationen entgegenwirken.