Die tägliche Insulinspritze gehört für Millionen Diabetiker zum Leben. In Zeiten der Corona-Krise gelten Diabetes-Patienten als Risikogruppe - doch es gibt da große Unterschiede. Foto: dpa

Gehören zu Risikogruppe

Mediziner warnt: Diabetiker sollen in Corona-Krise keine Medikamente eigenmächtig absetzen

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Das Etikett als Risiko-Patienten haftet hartnäckig an ihnen: Diabetiker gelten in Zeiten der Corona-Krise als besonders gefährdet, ebenso wie alte und geschwächte Menschen oder auch Bluthochdruck-Patienten. Was macht die „Zuckerkranken“ so anfällig? Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht, erklärt Mediziner Baptist Gallwitz.

„Man kann nicht alle Diabetes-Patienten über einen Kamm scheren“, sagt der Tübinger Professor, der auch Sprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) ist. Manche Zahlen und Theorien, die nun in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie kursieren, müssten nüchtern eingeordnet werden.

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„Menschen, die seit vielen Jahren Diabetes haben, leiden oft auch an Begleiterkrankungen und sind deshalb allgemein anfälliger“, stellt Gallwitz grundsätzlich fest. „Menschen, die noch nicht lange Diabetes haben sowie Patienten, die gut eingestellt und fit sind, haben nach unseren bisherigen Erkenntnissen kein höheres Infektionsrisiko als die Normalbevölkerung.“

Todesstatistik aus chinesischer Region hinterfragen

Aus einer kleinen Region Chinas hätten Ärzte gemeldet, dass die Diabetiker unter den Covid-19-Patienten häufiger an der Krankheit starben: In sieben Prozent der Fälle endete der Verlauf tödlich – im Gegensatz zu 2,3 Prozent bei den nicht zuckerkranken Corona-Patienten.

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Bei genauerem Hinsehen aber entpuppten sich diese Zahlen aus China als nicht sonderlich aussagekräftig, erklärt Gallwitz: „Diese Diabetes-Patienten waren im Durchschnitt 70 Jahre alt – und in dieser Altersklasse lag die Sterblichkeitsrate auch bei den anderen Erkrankten bei sieben bis acht Prozent.“

Wir haben noch nicht viele belastbare Zahlen. Jedes Land testet anders

Baptist Gallwitz, Medizin-Professor und Diabetes-Experte

Angesichts der Krisensituation sei die Datenlage ohnehin sehr lückenhaft, sagt Gallwitz. „Wir haben noch nicht viele belastbare Zahlen. Jedes Land testet anders und erfasst die Fälle anders.“ Eine neue Vermutung wurde gerade erst in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ diskutiert: Öffnen bestimmte Medikamente, die Millionen Diabetes- und Hochdruck-Patienten einnehmen, womöglich den Corona-Viren die Türen? Führen sie zu einem schwereren Verlauf der Erkrankung?

Debatte um ACE-Hemmer verunsichert Patienten

Im Fokus sind Sartane und ACE-Hemmer (ACE steht für Angiotensin Converting Enzyme). Sie sollen zur Vermehrung sogenannter ACE2-Rezeptoren beitragen – und über diese gelangten zumindest frühere Sars-Erreger in die Zellen der Erkrankten.

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„Das sind Andockstellen, um bestimmte Informationen über Blutdruck und Entzündungsprozesse aufzunehmen“, erklärt Gallwitz die Funktion der ACE2-Rezeptoren. „Viren brauchen ja Wirtszellen, um sich zu vermehren. Wenn sie über solche Andockstellen eindringen, ist das ähnlich, wie wenn man mit einem nachgemachten Schlüssel in ein Haus einbricht.“

Experte: Reine Hypothese – bewiesen ist nichts

Ob die Zahl dieser Andockstellen für eine Infektion und die Schwere der Covid-19-Erkrankung überhaupt irgendeine Rolle spielt, sei allerdings „völlig unklar“, betont Gallwitz, der am Uniklinikum Tübingen stellvertretender Direktor der Klinik für Diabetologie ist. „Das ist erst einmal eine Hypothese, die wenige Autoren geäußert haben. Es ist ein Denkansatz von vielen – aber es ist nichts bewiesen.“

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Eindringlich warnt Gallwitz die Patienten davor, eigenmächtig ihre Medikamente abzusetzen: Sie erhöhten ihr Risiko für einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt, wenn ihr Blutdruck nicht richtig eingestellt sei.

Auch die Deutsche Herzstiftung und die Deutsche Hochdruck-Liga appellieren an die Patienten: Auf keinen Fall die Medikamente aus Angst vor dem Corona-Virus absetzen! Zumal chinesische Wissenschaftler eine gegenläufige Beobachtung melden: Sie stellten gerade bei jüngeren, wenig anfälligen Menschen eine erhöhte Zahl der Rezeptoren fest.

Gute Blutzucker-Einstellung entscheidend für Immunabwehr

„Für Menschen mit Diabetes ist es entscheidend, dass sie sich um eine normnahe Einstellung ihrer Blutzuckerwerte kümmern“, rät Experte Gallwitz. „Denn ein hoher Blutzuckerwert schwächt allgemein die Immunabwehr.“

Höchstens bei hohem Fieber könnte es unter Umständen sinnvoll sein, dass Diabetes-Typ2-Patienten mit der Einnahme bestimmter Tabletten pausieren – um einer Übersäuerung und Dehydrierung vorzubeugen. Es geht dabei um SGLT-2-Hemmer, die zur vermehrten Zuckerausscheidung über den Harn führen. „Aber nur in Absprache mit dem Arzt!“, betont Gallwitz.

Wir müssen vorsichtig sein. Wir gehören zu den Risikogruppen.

Renate Immesberger, Vorsitzende der Diabetiker-Selbsthilfe Karlsruhe 

Sein Tipp an Diabetiker in Zeiten der Pandemie: Bewusst mit der Krankheit umgehen, für genügend Bewegung sorgen – und Medikamente, Insulin und Test-Utensilien rechtzeitig besorgen. Das kann Renate Immesberger unterstreichen. „Ich habe Nadeln und alles daheim, damit ich nicht unnötig aus dem Haus muss“, sagt die Vorsitzende der Karlsruher Selbsthilfegruppe der Diabetiker Baden-Württemberg.

„Denn wir müssen schon vorsichtig sein. Wir gehören zu den Risikogruppen.“ Immesberger denkt da weniger an die fitten, gut eingestellten Patienten. „Ich kenne viele Diabetiker, die ihr Augenlicht oder einen Fuß verloren haben oder die zur Dialyse müssen“, sagt sie. „Wenn dann noch etwas dazukommt…“.

Immesberger ist Typ1-Diabetikerin. Seit 45 Jahren lebe sie mit der ererbten Krankheit. „Heute ist alles viel einfacher, mit den Schnelltests und Fertigspritzen“, sagt die 69-Jährige. „Man kann sich wunderbar einstellen.“ Und darauf komme es nicht nur in Pandemie-Zeiten an.

Diabetiker
Schätzungen von Fachverbänden gehen von sieben bis 9,5 Millionen Diabetikern in Deutschland aus – doch etwa zwei Millionen wüssten nichts von ihrer Krankheit. Rund 90 Prozent der Patienten, leiden an Diabetes Typ 2. Die Erkrankung ist genetisch bedingt, aber Bewegungsmangel und zu fette und zu süße Ernährung spielen eine wichtige Rolle dafür, dass die Insulinproduktion gestört ist und der Blutzuckerspiegel steigt. Typ-1-Diabetiker leiden an einer Autoimmunerkrankung, die insulinproduzierende Zellen der Bauchspeicheldrüse angreift. Sie benötigen lebenslang Insulin. Bei den Typ2-Patienten braucht höchstens ein Drittel die Insulinspritze, die Mehrheit kommt mit Tabletten und Verhaltensänderungen zurecht. Im Alter steigt die Diabetiker-Quote. Doch auch bei Jüngeren gilt: Das Problem nimmt stetig zu.