Ein Rhesus-Affe mit einem Implantat - die Bilder aus dem Institut sorgten für Aufsehen. | Foto: dpa

Hirnforschung

Nach Streit um Affen-Versuche: Top-Forscher verlässt Tübingen

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Nikos Logothetis hat die Hirnforschung entscheidend vorangebracht, sagen Experten. Der 70-Jährige war wegen Versuchen an Affen vor Jahren aber auch in die Schlagzeilen geraten. Nun verlässt er das Max-Planck-Institut Richtung China. Zurück bleiben Anschuldigungen. 

Die Bilder sind über fünf Jahre alt, ihre Wirkung haben sie bis heute nicht verloren. Affen mit Implantaten im Kopf, Wundsekret läuft aus, andere Labor-Affen irren in Käfigen im Kreis umher, immer und immer wieder. Was Tierschützer „Pawel“ Ende 2014 veröffentlichte, hatte Folgen für alle: Forscher, Institut und Tierschützer.

Ort des Geschehens ist das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen. Dessen Direktor Nikos Logothetis hat nun angekündigt, nach China zu gehen. Seit Jahren schweigt der Hirnforscher öffentlich zu den Vorfällen, auch das Institut möchte sich auf Anfrage zunächst nicht äußern – am Ende nehmen beide Seiten doch noch Stellung.

Verfahren gegen Logothetis eingestellt

Die rechtlichen Fragen nach den Versuchen an den Affen hat das Amtsgericht Tübingen bereits erklärt. Das Verfahren gegen Logothetis und zwei weitere Max-Planck-Forscher wegen Tier-Misshandlung wurde eingestellt.

Doch es geht um mehr: Mit dem 70-Jährigen verlässt eine weltweit anerkannter Top-Forscher Tübingen, so die Ansicht mehrerer Experten. Logothetis setzte auf eine ganzheitliche Hirnforschung, wie Marco Wehr erklärt. Der Physiker veröffentlichte in der „FAZ“ mehrere Gastbeiträge zu Logothetis. Demnach hat es der Forscher geschafft, Gehirne zugleich punktuell als auch umfassend zu untersuchen. Das sei aufgrund der Vielzahl der Gehirnströme ein Meilenstein.

„Elementarer Verlust für Deutschland“

Wehr nennt ein Beispiel: „Man versucht, Regentropfen zu zählen und bekommt einen Eimer Wasser ins Gesicht.“ Logothetis’ Verfahren „funktioniert bis heute weltweit nur in Tübingen“. Und das soll letztlich dazu führen, menschliches Verhalten und Störungen besser verstehen zu können.

Neue Ziele verfolgt Forscher Nikos Logothetis nun offenbar in China. | Foto: MPI

Nach der Veröffentlichung der Videos bekam Logothetis Drohungen und kündigte an, nicht mehr an Affen, sondern an Nagetieren zu forschen. „Das war eine bittere Pille für ihn, da er seine eigene Forschung nicht weiter fortführen konnte“, sagt Wehr. Er bezeichnet Logothetis’ Abgang als „elementaren Verlust für Deutschland“. Es gebe zwar eine exzellente Hirnforschung in Deutschland, Logothetis sei aber der Leuchtturm.

Nun in China: „Für die Tiere das Schlimmste“

Von dessen Abgang erfuhr Friedrich Mülln umgehend per E-Mail. Der Tierschützer lässt sich automatisiert informieren, sobald der Name „Logothetis“ bei Google auftaucht. Mülln setzt sich mit der „Soko Tierschutz“ für Tierrechte ein, auch „Pawel“ agierte für diese Gruppe. Mülln ist der Ansicht: „Tierversuche unter Logothetis haben rechtswidrig stattgefunden.“ So sei Freiwilligkeit der Affen eine Voraussetzung gewesen. „Wir konnten nachweisen, dass mit Gewalt gearbeitet wurde.“

Die Darstellungen des Physikers und Gast-Autoren Wehr kritisiert er, dieser sei ein Sprachrohr Logothetis’. Dass dieser Hass-Nachrichten erhielt, bedauert Mülln. „Unsere Kampagne lief sehr friedlich, aber es gibt auch Idioten.“

Mehr zum Thema: Max-Planck-Präsident hält an Affenversuchen fest

Der Wechsel nach China sei absehbar gewesen. Dort gebe es weder Pressefreiheit noch Tierschutzbewegung oder -gesetz. „Er macht das, um Narrenfreiheit zu haben. Das bedeutet für die Tiere das Schlimmste.“

Logothetis sieht seine Forschung zerstört

Logothetis selbst sieht den Wechsel als Flucht vor Hass und Chance auf Perspektive, wie er gegenüber den BNN erklärt: „Meine Forschung wurde zerstört, mit starken Effekten auf meine Gesundheit.“ Er halte die Max-Planck-Gesellschaft (MPG), Träger des Instituts, für eine „einzigartige Institution mit einer faszinierenden Vision“. Logothetis sieht aber mangelnde Rückendeckung seitens des Präsidiums der MPG. „Dessen Verhalten hat mich anfänglich völlig überrascht und hatte und hat desaströse Folgen für mich.“

Der 70-Jährige sieht nun eine neue Perspektive: „China befindet sich derzeit auf einem eindrücklichen wissenschaftlich-technischen Weg und unterstützt nachdrücklich die Grundlagenforschung.“ So sei es früher auch in Deutschland gewesen.

Institut wusste nichts von dem Abgang

Das MPG zeigt sich im Gespräch mit den BNN irritiert. „Er hat uns keinerlei Schreiben geschickt, ob und wann er geht“, so Sprecherin Christina Beck. Er habe Ende 2019 lediglich mitgeteilt, mit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Gesprächen zu sein.

Mehr zum Thema: Mehr Kenntnis über das Gehirn nötig

Rückendeckung habe es nach der Veröffentlichung der Bilder 2014 gegeben, so Beck. Demnach habe das Institut Droh-Mails und -Anrufe für den Forscher entgegengenommen, einen Krisenmanager und Personenschutz an die Seite gestellt, Anwaltskosten bezahlt.

MPG startet Nachfolger-Suche

„Er gehört auch zu einem der wenigen Fälle, denen man eine Beschäftigung bis zum 72. Lebensjahr zugestanden hat.“ Üblich sei die Grenze von 68 Jahren. Ein solches Entgegenkommen gebe es sonst nur bei Nobelpreisträgern. In den letzten Jahren dürften die Direktoren auch keine neuen Mitarbeiter anstellen, weil neue Direktoren ihre eigenen Experten mitbrächten.

Deswegen, so lässt das MPG durchblicken, soll der Fokus auf die Nachfolge gelenkt werden. „Wir schauen, welchen Top-Forscher wir identifizieren können“, sagt Beck. Auch sollen nach amerikanischem Vorbild künftig mehrere kleine Forscherteams arbeiten.

Es herrsche Aufbruchstimmung, ist vom Institut zu hören. Doch auch mit neuen Teams werden Tübingen und Logothetis mit den Affen-Versuchen in Erinnerung bleiben.