Im Hymer-Werk in Bad Waldsee entstehen 11 000 Fahrzeuge pro Jahr. Vor fünf Jahren waren es noch rund 6 000
Im Hymer-Werk in Bad Waldsee entstehen 11 000 Fahrzeuge pro Jahr. Vor fünf Jahren waren es noch rund 6 000 | Foto: din

Wohnmobil-Hersteller

Neuer US-Eigner Thor bei Hymer: „Lange Leine statt Durchregieren“

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Max Rothenhäusler ist längst Rentner, kommt aber gerne zurück zu seinem früheren Arbeitgeber, für den er jahrzehntelang gearbeitet hat: Rothenhäusler führt dann Besuchergruppen durch das Werk der Hymer GmbH & Co KG in Bad Waldsee bei Ravensburg. Er preist in der Fräserei die Holzqualitäten an, schwärmt in der Schäumerei vom patentierten Seitenwandsystem und sagt in der Endmontage: „Wir geben dem Mitarbeiter die Zeit, eine saubere Arbeit zu machen.“

Die heutige Erwin Hymer Group SE, 1957 gegründet, ist der Inbegriff von Premium-Reisemobilen und Caravans, hergestellt in Deutschland. 2,3 Milliarden Euro erlöste die Gruppe mit ihren 6 400 Mitarbeitern im Geschäftsjahr 2017/18. Seit kurzem gehört das einstige deutsche Familienunternehmen aber dem US-Wohnmobilriesen Thor. Nun fragen sich viele bei der Erwin Hymer Group mit ihren Töchtern wie Bürstner in Kehl oder Dethleffs, wie es weitergeht. So positiv, dass ein Hymer-Urgestein wie Max Rothenhäusler auch künftig gerne mehrmals in der Woche ins Werk zurück kehrt, um stolz Besuchergruppen zu führen?

Hymer profitiert von Fünf-Sterne-Camping

Jochen Hein, Geschäftsführer der Hymer GmbH & Co KG, ist guter Dinge: „Die Philosophie von Thor ist nicht die des Durchregierens, sondern die der ,langen Leine‘. Das gilt so lange, wie die Ergebnisse stimmen.“
Dabei können Hymer, Bürstner & Co darauf aufbauen, dass die Camping-Branche boomt. Vor allem junge Familien hätten zunehmend Spaß am komfortablen Übernachten auf dem Campingplatz. „Der Fünf-Sterne-Campingplatz ist keine Besonderheit mehr“, sagt Hein, sondern oft Standard. Hymer profitiere als Premiumanbieter davon. Mittlerweile stelle man 11 000 Fahrzeuge pro Jahr her – vor fünf Jahren waren es gerade einmal 6 000.

Eigene Chassis-Produktion wird ausgebaut

Bei den Umsatzerlösen werde man weiter wachsen – wenn auch sicherlich nicht mehr zweistellig, wie es jeweils in den vergangenen drei Jahren der Fall gewesen war.
Damit die Wirtschaftlichkeit auch künftig stimmt, wird nun kräftig investiert: beispielsweise über zehn Millionen Euro in eine eigene Chassis-Produktion, die ab Frühjahr 2021 anlaufen soll. Laut Hein sollen bei Hymer einmal 12 000 Chassis in zwei Schichten produziert werden – für die gesamte Unternehmensgruppe. 8 000 Chassis sollen an Schwesterfirmen wie Bürstner gehen, die sich dann um den Aufbau kümmern.

Thor-Effekt: Internationale Zulieferer

Profitieren werde man nach der Übernahme durch Thor sicherlich von einem weiteren Effekt: Man hat internationale Zulieferer und kann nun vereint mit diesen über die Konditionen verhandeln. Der nordamerikanische und der europäische Reisemobil-Markt unterscheiden sich zwar laut Hein. Er schließt jedoch nicht aus, dass künftig Hymer-Fahrzeuge auch in den USA fahren.

Schwäbisches Flagschiff

Neues Flaggschiff der Schwaben ist das „Hymermobil B-Klasse Master Line“. Hier sei die Zusammenarbeit mit der Daimler AG besonders fruchtbar gewesen, heißt es. Kombiniert wird ein Mercedes-Benz Sprinter-Triebkopf mit dem von Hymer entwickelten SLC-Chassis. Man habe bei dieser Kooperation sehr viel voneinander gelernt, sagt auch Max Rothenhäusler seinen Besuchergruppen stolz – der Rentner, der seinem langjährigen Arbeitgeber immer wieder gerne zu Diensten ist.