Die Werte von KIT-Mitarbeitern hat Medizin-Professor Thomas Kraus von der Uniklinik RWTH Aachen untersucht. Kraus ist ein PCB-Experte. | Foto: pr

Professor erklärt Folgen

„PCB kann sehr gefährlich sein“

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Medizin-Professor Thomas Kraus (56) hat 2017 das Blut von KIT-Mitarbeitern auf PCB-Belastung untersucht. Der Leiter des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Uniklinik der RWTH Aachen erklärt im Gespräch mit Redakteur Sebastian Raviol, ob die Belastung am Campus gesundheitsgefährend ist und welche Folgen der Gefahrenstoff für den Menschen haben kann.

Wie bedenklich war die PCB-Belastung der KIT-Mitarbeiter 2017?
Kraus: Wir haben das Blut von 101 Mitarbeitern untersucht – Dreiviertel von ihnen hatten erhöhte PCB-Belastungen durch die Luft. Sie hatten den gesundheitlichen Grenzwert aber nicht überschritten und kein erhöhtes Risiko, krank zu werden.

Wie gefährlich kann PCB sein?
Kraus: Je nach Dosis kann PCB sehr gefährlich sein. Der schwarze Hautkrebs wird damit in Verbindung gebracht, PCB kann einen Beitrag zur Diabetes-Erkrankung leisten oder auch zu Hautveränderungen, der Chlorakne, führen. Es kann auch das ungeborene Leben beeinträchtigen bis hin zu Entwicklungsstörungen des Kindes.

"In diesen Etagen der Muff von 1.000 Tagen": Studierende haben Protestplakate gegen den Umgang mit PCB am KIT-Campus aufgehängt.
„In diesen Etagen der Muff von 1.000 Tagen“: Studierende haben Protestplakate gegen den Umgang mit PCB am KIT-Campus aufgehängt. | Foto: pr

Ab welchem Wert wird es kritisch?
Kraus: Ab 3,5 Mikrogramm pro Liter Blut ist es für ungeborenes Leben kritisch, bei gesunden Erwachsenen ab 15µg/l. Der höchste Wert am KIT lag 2017 bei 4,2µg/l. Den höchsten Wert habe ich bei einem früheren Mitarbeiter des Entsorgungsunternehmens Envio gemessen: 280µg/l. Der Skandal kam 2010 auf.

Wann ist zwingend von einer Erkrankung auszugehen?
Kraus: Nie. Man kann nicht sagen, ab einem Wert von z.B. 50µg/l bekommt man Krebs. Hautveränderungen und Schilddrüsenprobleme werden erst bei deutlichen Überschreitungen des gesundheitsbasierten Grenzwerts für gesunde Erwachsene (derzeit 15µg/l) hervorgerufen. Diabetes wurde bei niedrigeren Konzentrationen mit beinflusst. Aber PCB ist nie der alleinige Faktor, nur Mitverursacher.

PCBs können durch Nahrung oder auch Luft aufgenommen werden. Was ist häufiger, was schlimmer?
Kraus: Quantitativ wird wesentlich mehr aus der Nahrung als aus der Luft aufgenommen. Die PCBs aus der Luft sind aber nicht weniger gefährlich.

Wie baut sich PCB wieder ab?
Kraus: Die durch Nahrung aufgenommenen PCBs setzen sich im Körper ab. Je älter man ist, desto mehr hat man im Blut und in den Organen. Andere PCBs nimmt der Körper durch die Luft auf, verstoffwechselt sie und scheidet sie wieder aus. Diese haben eine Halbwertszeit von ein bis fünf Jahren. Menschen in belasteten Räumen müssen also keine Angst haben, dass sie die PCBs, die sie über die Luft aufgenommen haben, ein Leben lang in sich haben.

Wie viel ist beim Thema PCB unklar?
Kraus: Noch ziemlich viel. Man weiß nichts Genaues über das Verhältnis von Dosis und Wirkung bei Diabetes, ebenso die Entstehung von Krebs durch PCB. Wir planen gerade eine große Studie dazu. Seit langem sind PCB in der Industrie verboten, viele Wissenschaftler hatten sich nicht mehr damit befasst – bis zum Envio-Skandal 2010.

Der KIT-Fall hat nicht das Ausmaß wie der Envio-Skandal – dafür könnte es bundesweit viele KIT-ähnliche Fälle geben.
Kraus: Viele Gebäude aus den Sechzigern und Siebzigern – Schulen, Unis, Amtsgebäude – sind PCB-belastet. Manche Gemeinden und Städte haben sich dem in den Neunzigern schon gestellt. Es gibt aber Gebäude, die die Luftgrenzwerte drastisch überschreiten. Wenn in einem solchen Gebäude, z.B. in einer Schule auch Kinder sind, sehe ich das besonders kritisch. Es wird aber oft nur bei einer anstehenden Renovierung oder Sanierung geprüft – es wird zu wenig mit System an die Sache herangegangen.