Das Physik-Hochhaus auf dem KIT-Campus ist auch mit PCB belastet.
Das Physik-Hochhaus auf dem KIT-Campus ist auch mit PCB belastet. | Foto: Sandmann

Belastete Gebäude

PCB-Streit am KIT: Unter Mitarbeitern regt sich Protest

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Die Aufregung um schadstoffbelastete Gebäude am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zieht weitere Kreise. Nach der Berichterstattung in den Badischen Neuesten Nachrichten und im „Laborjournal“ haben Mitarbeiter nun eine Petition gestartet. In dem offenen Brief an KIT-Präsident Holger Hanselka äußern sie ihren „Unmut“ über die bisherige Informationspolitik. Und sie fordern einen besseren Gesundheitsschutz vor den Belastungen durch die polychlorierten Biphenyle (PCB) an Deutschlands größter Forschungsstätte.

„Es ist nicht akzeptabel, dass die Universität, obwohl sie seit 1999 Kenntnis von der Kontamination verschiedener Universitätsgebäude durch polychlorierte Biphenyle hat, die Arbeitnehmer und die Studentenschaft nicht ausreichend über das Problem informiert hat“, heißt es in dem Schreiben. „Darüber hinaus ist es unverständlich, dass bisher nicht alle notwendigen und möglichen Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit der betroffenen Gebäudenutzer getroffen wurden, wobei gerade diese das wichtigste Gut der Universität sind.“

Forderung nach regelmäßigen Kontrollen

Klare Forderung der Initiatoren: Regelmäßige und systematische PCB-Messungen sollten in den betroffenen KIT-Gebäuden durchgeführt werden. Die Ergebnisse sollten den Mitarbeitern und Studenten „kontinuierlich, transparent und schnell zugänglich sein“.

Die Universitätsangehörigen wollen nun einige Tage lang Unterschriften sammeln und die Petition dann an den Präsidenten übergeben. Sie zweifeln an der Aussagekraft der bisherigen Messreihen, die noch unter den gesetzlich zulässigen Jahresdurchschnittswerten liegen: Die Tests führten „den Gesundheitsschutz ad absurdum“, weil vor allem an kühlen Tagen gemessen wurde, an denen die Thermometersäule in den KIT-Räumen kaum über 20 Grad kletterte.

„Im Sommer liegt die Raumtemperatur oft über 30 Grad Celsius“, schreiben die Autoren der Petition. „Und PCB dünstet bei Hitze aus“, betont ein KIT-Wissenschaftler im BNN-Gespräch. „Je fünf Grad erhöht sich der Wert um den Faktor 2, bei den dioxinähnlichen PCBs sogar um den Faktor 3.“

Mangelndes Fingerspitzengefühl – besonders im Bezug auf Schwangere

Stein des Anstoßes ist auch die Anzahl der Messungen. „Bisher werden pro Stockwerk jeweils nur in einzelnen Räumen die Belastungen gemessen – wir wollen aber, dass flächendeckend regelmäßig gemessen wird“, sagt ein Dozent im BNN-Gespräch. „Dann könnten wir auch reagieren. Menschen, die den ganzen Tag in einem Raum arbeiten müssen, könnte man in wenig belastete Räume setzen, kurzzeitige Tätigkeiten in höher belastete Räume verlegen.“ Es gebe zum Beispiel Abteilungen, in denen ein Professorenbüro niedrige PCB-Werte aufweise, das Sekretariat oder Seminarräume direkt nebenan hingegen hohe.

Mit PCB-Problemen haben und hatten auch andere Universitäten, Schulen und öffentliche Einrichtungen in Deutschland zu kämpfen. Was manche Mitarbeiter und Studenten am KIT auf die Palme bringt, ist ganz offensichtlich aber nicht nur die Sorge vor den Schadstoffen an sich: Die Art, wie Repräsentanten des KIT damit umgehen, lässt aus Sicht der Kritiker an Fingerspitzengefühl und Klarheit fehlen – vor allem in Bezug auf Schwangere.

Karriereknick oder Gesundheitsrisiko?

Ein Warnhinweis hängt an Türen und Schaukästen des Chemie-Flachbaus: Der Sicherheitsbevollmächtigte der Uni empfiehlt, Schwangere sollten ihren Aufenthalt dort „auf das Nötigste“ beschränken. „Was ist denn das Nötigste?“, fragen Frauen am KIT. „Ist ein zweistündiges Seminar schon zuviel – oder ein Acht-Stunden-Tag?“

Empört berichten mehrere Uni-Angehörige von einer Info-Veranstaltung zum Thema PCB und Gesundheitsgefahren: Ein Beauftragter des KIT habe erklärt, Schwangere müssten sich eben entscheiden, ob sie einen Karriereknick in Kauf nehmen oder lieber in den Gebäuden arbeiten und studieren. Das KIT distanziert sich von solchen Äußerungen: „Sollten in einem Einzelfall solche Aussagen erfolgt sein, entspricht dies nicht der offiziellen Linie des KIT“, lässt das Präsidium mitteilen.

KIT: Keine Gesundheitsgefährdung

Man verstehe die „Bedenken und Unsicherheiten“ aufgrund der Warnungen, erklärt die KIT-Sprecherin. Aber: „Unsere Fürsorgepflicht gebietet uns, Schwangere auf das Vorhandensein von Gefahrstoffen hinzuweisen.“ Außerdem habe die Uni gemeinsam mit dem Gesundheitsamt zusätzlich „eingehende und individuelle“ Beratungen angeboten. Für das KIT steht nach eigenen Angaben derzeit fest: „In keinem der Gebäude liegt eine Gesundheitsgefährdung von Schwangeren vor, die sich in den Gebäuden aufhalten.“