Anja Wilken von der Firma Sensatec erklärt die Steuerungs- und Anlagentechnik. In dem schwarzen Behälter wird der „PFC-Schaum“ vom Grundwasser getrennt.
Anja Wilken von der Firma Sensatec erklärt die Steuerungs- und Anlagentechnik. In dem schwarzen Behälter wird der „PFC-Schaum“ vom Grundwasser getrennt. | Foto: Klatt

Anlass zur Hoffnung

Versuch: So sollen in Hügelsheim PFC aus dem Boden gefiltert werden

Anzeige

Ein weiteres Pilotprojekt auf einer weiteren PFC-belasteten Fläche bei Hügelsheim ist angelaufen. Am Mittwochmittag wurde an der Dieter-Rückle-Straße in der Nähe des Bauhofes Hügelsheim eine Sanierungsanlage zur Bodenreinigung im Pilotmaßstab in Betrieb genommen.

Von unserer Mitarbeiterin Patricia Klatt

Im Gegensatz zu dem Pilotprojekt im Sommer, bei dem untersucht wird, ob und wie man die PFC im Boden immobilisieren kann, ist der Ansatz des jetzigen Projektes genau anders herum.

Denn nun will man untersuchen, ob und wie man die PFC aus dem Boden herauslösen kann, um dann das aufgefangene Grundwasser mit den Stoffen weiter zu reinigen. Die Partner dieses vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Verbundprojektes BioKon sind die Firmen Sensatec GmbH Kiel, GEOlogik Wilbers & Oeder GmbH Münster und die Technische Universität Berlin.

Auch interessant: Trinkwasser überschreitet laut Bürgerinitiative neue europäische PFC-Leitwerte

Ölmischung versickert und umschließt PFC

Das Forschungs- und Entwicklungsprojekt BioKon erfährt vor Ort ebenfalls fachliche Unterstützung durch das Landratsamt Rastatt. Die Versuchsanlage auf dem Feld sieht nicht besonders spektakulär aus, gibt aber Anlass zur Hoffnung. Das Prinzip ist einfach erklärt. „Man gibt zunächst eine Biopolymer-Mischung auf den PFC-Boden. Die Biopolymere bestehen aus einer Mischung von Hefe und Pflanzenöl, sie sind biologisch abbaubar und unbedenklich für Mensch und Umwelt“, erklärt Anja Wilken von der Firma Sensatec und zeigt dabei auf eine Wanne auf dem Boden, in der ungefähr 280 Liter einer milchigen Lösung schwimmen.

Im viereckigen Feld rechts vorne befindet sich die Biopolymer-Lösung. Dahinter steht der Brunnen, der das Grundwasser mit der Biopolymer-PFC-Lösung hochpumpt. Die beiden schwarzen Behälter sind Aktivkohlefilter zum letzten Reinigen des Wassers, bevor es PFC-frei wieder aufs Feld geleitet wird.
In der viereckigen Wanne rechts vorne befindet sich die Biopolymer-Lösung. Dahinter steht der Brunnen, der das Grundwasser hochpumpt. Die beiden schwarzen Behälter sind Aktivkohlefilter zum letzten Reinigen des Wassers, bevor es PFC-frei wieder aufs Feld geleitet wird. | Foto: Klatt

Innerhalb von vier bis acht Stunden versickert die Mischung (der Behälter wird deswegen fortlaufend damit befüllt) und im Boden werden die PFC davon quasi „umschlossen“. Dieser PFC-Biopolymer-Komplex wird aus dem Boden ins Grundwasser ausgewaschen und alles zusammen in eine Aufbereitungsanlage hochgepumpt.

PFC-Konzentrat kann herausgefiltert und entsorgt werden

Man leitet Luft in das Gemisch, die PFC-Teilchen werden durch die feinen Gasbläschen in dem Schaumgemisch zum Aufschwimmen gebracht, können dann vom restlichen Wasser abgetrennt und als PFC-Konzentrat thermisch entsorgt werden.

Die Ergebnisse sind vielversprechend.

Anja Wilken (Sensatec)

In dem durchsichtigen Rohr kann man den PFC-Schaum erahnen, der abgepumpt und letztendlich thermisch entsorgt wird.
In dem durchsichtigen Rohr kann man den PFC-Schaum erahnen, der abgepumpt und letztendlich thermisch entsorgt wird. | Foto: Klatt

Das vorgereinigte Wasser wird über nachgeschaltete Aktivkohlefilter nochmals gereinigt und versickert dann auf dem Acker, PFC-frei. „Die Vorversuche laufen im kleinen Maßstab bereits seit zwei Jahren und die Ergebnisse sind vielversprechend“, so Wilken, denn nach aktuellem Kenntnisstand beziehungsweise Forschungsstand über die Biopolymere könne man damit die kurz- und langkettigen PFC sowie einige Vorläufersubstanzen abreinigen.

Mehr zum Thema: PFC sind überall – und bislang weiß niemand, wie man sie wieder los wird

Auch Carsten Jobelius, der das Projekt im Auftrag des BMBF am KIT betreut, begrüßt die „innovative Sanierungsmaßnahme, die hier in Hügelsheim entwickelt wird. Für einen flächendeckenden Einsatz ist es noch viel zu früh, es bedarf dafür weiterer Forschung“, so Jobelius.

Die Anlage ist nicht sonderlich groß.
Die Anlage ist nicht sonderlich groß. | Foto: Klatt

Noch kein großflächiger Einsatz möglich

Das sieht Reiner Söhlman von der PFC-Geschäftsstelle in Rastatt ähnlich, „bis zu einem großtechnischen Einsatz sind naturgemäß noch eine Reihe von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zu leisten“. Es wird auch bei diesem Pilotprojekt erneut deutlich, dass man in Sachen PFC viel Aufwand, viel Geld und viel Geduld braucht. „Beim BMBF gibt es zwar keinen eigenen Förderschwerpunkt „PFC““, aber Carsten Jobelius betont, dass PFC in verschiedenen Fördermaßnahmen berücksichtigt werden würden. In dieses Projekt in Hügelsheim seien bislang rund eine Million Euro geflossen.

PFC: Das Gift in uns
Die Geschichte des größten Umweltskandals Deutschlands – mit seinen Hintergründen, gesundheitlichen Risiken, juristischen Folgen und persönlichen Schicksalen – erzählt dieses multimediale BNN-Dossier. Alle Artikel gibt es auch einzeln auf bnn.de.