Melanchthon-Experte Günter Frank erklärte den BNN-Leserinnen und -Lesern, wie sehr der Reformator aus Bretten durch den Humanismus geprägt wurde. Er muss zudem eine große Passion für das Schreiben gehabt haben: Knapp 10 000 Briefe von Melanchthon sind überliefert.
Melanchthon-Experte Günter Frank erklärte den BNN-Leserinnen und -Lesern, wie sehr der Reformator aus Bretten durch den Humanismus geprägt wurde. Er muss zudem eine große Passion für das Schreiben gehabt haben: Knapp 10 000 Briefe von Melanchthon sind überliefert. | Foto: Hora

„Brückenbauer“ aus Bretten

Philipp Melanchthon exklusiv

„Nachts im Museum“: Das ist der Titel einer Filmreihe, in der es um die Erlebnisse eines New Yorker Nachtwächters geht. So ähnlich haben sich wohl auch die über 30 BNN-Leser gefühlt, die für eine exklusive Führung im Melanchthonhaus in Bretten waren – eine Stunde, nachdem dieses eigentlich für Besucher geschlossen hatte.

Gastgeber an diesem Abend war der Reformations-Experte Günter Frank, Direktor der Europäischen Melanchthon-Akademie. Er beleuchtete in seinem Vortrag eine wenig bekannte Facette der Reformationszeit: die Katholizität des Augsburger Bekenntnisses. Generell war die Ökumene das vorherrschende Thema von Franks Rede.

Opulent: eine Statue Philipp Melanchthons in Bretten.
Opulent: eine Statue Philipp Melanchthons in Bretten. | Foto: Hora

Die Reformation sei die Frage nach Gott gewesen, zitierte Frank Papst Benedikt XVI., als dieser 2011 im Erfurter Augustinerkloster zu den Repräsentanten der evangelischen Kirche sprach. Diese Frage habe Luther so leidenschaftlich umgetrieben, dass er scheinbar neue Antworten gefunden habe, die schlussendlich zur Aufspaltung des Christentums geführt hätten. „In der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Karlsruhe haben wir alleine 21 Kirchen versammelt“, referierte Frank.

Frank hegt große Hoffnung

Aber er machte auch Mut: In den vergangenen Jahrhunderten hätten die Reformationsjubiläen nie unter derart günstigen Vorzeichen gestanden wie im Jahr 2017. So sei zwar das gemeinsame Abendmahl zwischen katholischer und lutherischer Kirche noch nicht möglich, aber Frank hegt eine große Hoffnung: „Wir werden es vielleicht noch in diesem Jahr erleben, dass es zu einer sogenannten eucharistischen Gastfreundschaft kommen wird.“

Für diese Entwicklung sei der „Brückenbauer“ Melanchthon enorm wichtig. „Hier ist eine ökumenische Figur, die es uns erlaubt, ein gemeinsames Fundament des christlichen Glaubens in einer auseinanderfallenden westlich-christlichen Kultur zu finden“, erklärte Frank.

„Schmuckstück am Marktplatz“

Nach dem Vortrag sprach der Direktor der Melanchthon-Akademie draußen über die Fassade des Gebäudes, nach Aussage von Brettens Oberbürgermeister Martin Wolff das „Schmuckstück am Marktplatz“. Dem pflichtete auch Hans-Joachim Reiber, Vorsitzender des Melanchthonvereins, bei: „Das ist ein Identifikationsgebäude für Bretten.“

Philipp Melanchthon wurde am 16. Februar 1497 als Philipp Schwartzerdt in Bretten geboren. Er wuchs unter anderem im Kraichgau und in Pforzheim auf. In der Stadt an der Enz festigte sich durch den Einfluss seines Verwandten Johannes Reuchlin Melanchthons Interesse an alten Sprachen. Reuchlin war von den Griechischkenntnissen des Jungen so angetan, dass er ihm den Namen „Melanchthon“ gab – die griechische Übersetzung seines Familiennamens.
Mit zwölf Jahren begann der Brettener, in Heidelberg zu studieren, später wurde er Professor an der Universität Wittenberg und einer der engsten Mitarbeiter Martin Luthers. Von seinen Bewunderern wurde er wegen seines Einsatzes für das Schul- und Universitätswesen „Praeceptor Germaniae“, Lehrer Deutschlands, genannt. Am 19. April 1560 starb Melanchthon in Wittenberg.

„Universalgelehrter“ Melanchthon

Im Anschluss zeigte Frank den BNN-Lesern das Obergeschoss, in dem sich auch das Städte- und das Fürstenzimmer befinden, zudem Tausende Bücher und Drucke aus dem 16. Jahrhundert. Dort dozierte er begeistert über den „Universalgelehrten“ Melanchthon und dessen Schaffenskraft. „Der Mann hat unglaublich viel geschrieben – knapp 10 000 Briefe sind überliefert von ihm“, berichtete Frank. Seine humanistische Prägung habe die Reformen der Schulen und Universitäten beeinflusst.

Spannungen zwischen Melanchthon und Luther

Gegen Ende der Veranstaltung beantwortete Frank noch die kritischen Fragen der BNN-Leser. Zwar habe es Spannungen zwischen Luther und Melanchthon gegeben, aber sie hätten sich stets respektiert. Als Grund, warum der Brettener Luthers Judenfeindlichkeit nicht geteilt habe, nannte Frank den berühmten Humanisten Johannes Reuchlin: „Melanchthon hat wahrscheinlich deshalb ein anderes Verhältnis zum Judentum – aber das ist nur eine Vermutung von mir–, weil er bei Reuchlin Hebräisch studiert hat.“

BNN-Leser begeistert

Die BNN-Leser waren sehr angetan von dem Abend in Bretten: Dieter Reißhauer aus Ettlingen fand die Führung „fantastisch“, weil sie ihn an seine Schulzeit erinnerte: „Ich war sechs Jahre auf einem humanistischen Gymnasium in Wertheim und habe in einem Melanchthonstift gewohnt.“ „Es war sehr interessant, und ich habe eine ganze Menge über Melanchthon gelernt“, sagte Renate Birkmann aus Gernsbach.

Der Grundstein des Melanchthonhauses wurde am 16. Februar 1897 gelegt, dem 400. Geburtstag des Reformators. Das Gebäude steht an der Stelle seines Geburtshauses, das 1689 von französischen Truppen während der Pfälzer Erbfolgekriege niedergebrannt wurde. Im Jahr 1903 wurde es feierlich eingeweiht. Der Neubau geht auf die Initiative des Berliner Kirchenhistorikers und Archäologen Nikolaus Müller zurück. Er wollte, dass „die protestantische Welt einem ihrer größten Wohltäter an dem Ort, an dem er geboren, ein würdiges Denkmal“ errichtet. Für sein Vorhaben hatte er in Baden Verbündete gesucht und gewann unter anderem Großherzog Friedrich I. für seine Sache.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Melanchthonhaus nur geringfügig zerstört und diente vorübergehend als Residenz eines Oberleutnants der US-Streitkräfte. Anschließend wurde es als Lagerhaus genutzt. Erst in den 1980er Jahren befasste sich die Stadt Bretten wieder in größerem Maße mit Melanchthon. Heute beherbergt das Haus neben dem Museum und der Forschungsstelle eine der umfangreichsten Melanchthon-Bibliotheken und eine Dokumentationsstelle der internationalen Melanchthon-Forschung.
Das Melanchthonhaus hat bis zum 30. November dienstags bis sonntags geöffnet: unter der Woche von 14 bis 17 Uhr, am Wochenende von 11 bis 13 Uhr sowie von 14 bis 17 Uhr. Der Eintritt beträgt zwei Euro für Erwachsene und 1,50 Euro für Schüler und Studierende. Im Internet können Sie zudem einen virtuellen Rundgang durch das Melanchthonhaus machen.