Unterricht am Gymnasium
Ich weiß was: Fast 20 Jahre nach dem „Pisa-Schock“ und dem anschließenden Aufwärtstrend zeigt die Leistungskurve der deutschen Schüler wieder nach unten. | Foto: Marijan Murat/dpa

Pisa-Studie

Deutsche Schüler schneiden wieder schlechter ab – Die wichtigsten Fragen und Antworten

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Nach 2016 haben Deutschlands Schüler im internationalen Vergleichstest Pisa zum zweiten Mal infolge Punkte verloren. Sowohl beim Lesen als auch in Mathematik und Naturwissenschaften haben sich die Werte in der aktuellen Pisa-Studie, die am Dienstag vorgelegt wurde, leicht verschlechtert. Unser Mitarbeiter Jörg Ratzsch hat Fragen und Antworten zusammengetragen.

Was kam für Deutschland konkret raus?

Im Bereich Lesen erreichten die deutschen Schüler einen Punktwert von 498 (2016: 509), in Mathematik 500 (2016: 506) und in Naturwissenschaften 503 (2016: 509). Zum Vergleich: Die Spitzengruppe mit mehreren chinesischen Regionen und Singapur kam auf Werte zwischen 550 und 590, Länder am Ende der Skala wie die Dominikanische Republik und die Philippinen auf Werte zwischen 325 und 340.

Deutschland liegt weiterhin über dem OECD-Durchschnitt. Allerdings ist das keine Leistung, die „mit Glanz und Gloria vollbracht“ wurde, wie Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagt. Deutschland sei auch deshalb überdurchschnittlich, weil der OECD-Durchschnitt gesunken sei. Zudem wurde ein alter Befund erneut bestätigt: Schulerfolg hängt in Deutschland stark von der sozialen Herkunft ab.

Wie werden die Ergebnisse bewertet?

Unterschiedlich. Die deutsche Pisa-Koordinatorin Kristina Reiss vom Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) an der Technischen Universität München stellt das Positive heraus und verweist darauf, dass Deutschland innerhalb einer relativ starken Gruppe mit Ländern wie Belgien und Frankreich liege. Der Chef des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, zeigt sich in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ überrascht, dass die Bundesrepublik angesichts von Lehrermangel, Unterrichtsausfall und verstärkter Zuwanderung nicht schlechter abgeschnitten hat.

Warum liegt eigentlich China mit mehreren Provinzen ganz vorn?

China hat sich nicht als ganzes Land an Pisa beteiligt, sondern nur mit einigen großen und eher wohlhabenden Metropolregionen. Im ländlichen Raum ist das Bildungssystem des Landes nicht so gut entwickelt. Das dürfte eine Erklärung sein. Außerdem gibt es in China einen großen Leistungsdruck. Kinder stecken schon früh in einem harten Konkurrenzkampf und müssen extrem viel für die Schule tun.

Wie wird bei Pisa überhaupt getestet?

Alle drei Jahre werden stichprobenartig Schüler ausgewählt – in Deutschland waren es diesmal knapp 5 500. Tester gehen mit USB-Sticks an die Schulen, wo sich die Schüler am Computer durch die mitgebrachten Aufgaben in Lesen, Mathe und Naturwissenschaften klicken. Der Test dauert rund zwei Stunden und besteht hauptsächlich aus „Multiple Choice“, also einer Auswahl unter vorgegebenen Antwortmöglichkeiten. Zusätzlich gibt es Fragebögen zum persönlichen Hintergrund, zu Einstellungen und Wertvorstellungen, die die Schüler ausfüllen müssen.

Sind die Tests überhaupt international vergleichbar?

„Defintiv ja“, sagt Deutschlands Pisa-Koordinatorin Kristina Reiss. Die Aufgaben werden ihren Angaben zufolge vorher in einem langwierigen Prozess international abgestimmt, sodass sie überall funktionieren. Zum Beispiel wird dabei auf kulturelle Besonderheiten Rücksicht genommen. Dennoch gibt es auch Kritik. So fragt der Verband Deutscher Realschullehrer, wie sinnvoll eigentlich Vergleiche mit Staaten wie China sein sollen, die nicht gerade durch demokratische Grundstrukturen glänzten.

Warum spielen Pisa-Studien in Deutschland immer so eine große Rolle?

Das liegt am sogenannten „Pisa-Schock“ von 2001. In der ersten Vergleichsstudie hatten damals deut-sche 15-Jährige schlecht abgeschnitten, zudem stand ein beschämend enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen im Pisa-Zeugnis. Beides hatte eine heftige Bildungsdebatte ausgelöst.

Kultusministerin erkennt trotz Studie auch Fortschritte

Natürlich gebe es weiteren Handlungsbedarf in der Bildungspolitik des Landes, räumt Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) angesichts der Pisa-Studie ein. Sie erkennt . Man habe „erhebliche Verbesserungen“ beim Bildungserfolg von Kindern mit Zuwanderungshintergrund erreicht. Den Schulen im Land gelinge trotz der gewachsenen Heterogenität in den Klassen ein gutes Ergebnis, sagt die Ministerin. Neben der Förderung leistungsschwacher Schüler müsse man sich aber auch um die Starken und Hochbegabten kümmern. Dass die Landesregierung die Studie ernst nehme, unterstrich auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Zugleich wandte er sich gegen die Darstellung seiner Parteifreundin aus der grünen Bundestagsfraktion, Margit Stumpp. Die Bildungspolitikerin hatte das Ergebnis mit dem sogenannten Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in Zusammenhang gebracht. Dass es laut der Pisa-Studie im Vergleich zu den Vorjahren noch immer keinen deutlichen Fortschritt gibt, erklärt der Premier mit dem enormen Vorlauf entsprechender Weichenstellungen: „Im Bildungswesen wirken Reformen nur sehr langsam.“ Die Probleme seien aber längst identifiziert. Der weitere Fortschritt im Bildungssektor hängt nach Kretschmanns Ansicht vor allem auch von durchdachten Digitalisierungskonzepten für den Schulunterricht ab. Oppositionsführer und Ex-Kultusminister Andreas Stoch (SPD) machte seiner Nachfolgerin im Amt „bildungspolitische Rezepte von vorgestern“ zum Vorwurf. Die Bildungsexpertin der Landtags-Grünen, Sandra Bose, sagte: Für uns bleibt die individuelle Förderung die zentrale Stellschraube im Bildungssystem. Die Einführung der Gemeinschaftsschule nannte sie „eine wichtige Reform“. Stärkere Anstrengungen forderte der Landesverband Bildung und Erziehung (VBE). Wenn die Politik den Schulen nicht die nötigen Ressourcen gebe, werde die Schule zur „Sozialfalle“, erklärte VBE-Landeschef Gerhard Brand mit Blick auf die Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Bildungserfolg.

BNN/dpa