"Hexenkessel"-Unfall
Mit gravierenden Vorwürfen eröffnete die Verteidigung ihr Plädoyer am dritten Verhandlungstag im Hexenkesselprozess am Amtsgericht Heilbronn. | Foto: Christoph Schmidt

Heilbronn

Urteil im Hexenkesselprozess: Schuldig wegen fahrlässiger Körperverletzung

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Das Urteil im Hexenkesselprozess in Heilbronn ist gefallen. Es lautet auf schuldig wegen fahrlässiger Körperverletzung. Der Richter betrachtete die Indizienkette als geschlossen. Auf den 33-jährigen Angeklagten, Mitglied der Bohbrigga Hexenbroda, einer Bahnbrücker Fastnachtsgruppe, kommt nun eine Geldstrafe von 110 Tagessätzen von 60 Euro, also insgesamt 6600 Euro zu. Wie zuvor vermutet kündigte der Verteidiger Rechtsmittel an.

Mit gravierenden Vorwürfen hatte die Verteidigung ihr Plädoyer am dritten Verhandlungstag im Hexenkesselprozess am Amtsgericht Heilbronn, eröffnet.

Anwalt Manfred Zipper forderte Freispruch für den 33-Jährigen Versicherungskaufmann aus Graben-Neudorf. Sein Mandant habe die 18-Jährige beim Eppinger Nachtumzug am 3. Februar nicht über den dampfenden Kessel gehoben. Die Beweisaufnahme habe ihn nicht eindeutig identifiziert und fuße lediglich auf Indizien. Dagegen zeigte sich Staatsanwältin Patricia Münch vom Anklagevorwurf überzeugt. Zeugen hätten den 33-Jährigen als denjenigen im Fellmantel erkannt, durch den die Geschädigte schmerzhafte Verbrühungen davongetragen hatte, die sie wohl fürs Leben zeichnen. Die Staatsanwältin forderte eine angesichts dieser Folgenschwere hohe Geldstrafe von 7800 Euro. Der Anwalt der Nebenklägerin, Eduard Karabelnikov, schloss sich im Wesentlichen den Ausführungen der Staatsanwaltschaft an.

„Schwere Verfahrensfehler“

Das Gericht hat sich zurückgezogen. Das Urteil sei „nicht vor 15 Uhr“ zu erwarten, er brauche Zeit, sagte Richter Oliver Raschke und packte die Aktenstapel.

Verteidiger Zipper eröffnete seinen Schlussvortrag mit den Worten, er habe sich soeben vom Richtertisch bereits das Formular für Rechtsmittel geholt. Er warf der Ermittlungsbehörde schwere Verfahrensfehler vor und zitierte eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts dazu. Im Ermittlungsverfahren sei die Geschädigte noch keine Nebenklägerin gewesen, als bereits gegen 19 Beschuldigte ermittelt wurde. So erhielt sie Akteneinsicht, die für sie als Nebenklägerin anders von statten gegangen wäre. Und Akteneinsicht für Nebenkläger sei ohne Anhörung der Beschuldigten – die nicht erfolgt sei – ein schwerer Verfahrensfehler, so Zipper. Und so habe die 18-Jährige Einblick in Namen und Fotos erhalten, die dem Datenschutz unterlagen, gegebenenfalls andernfalls in Teilen geschwärzt worden wären.

Verteidiger: „Paradebeispiel für Beamtenwillkür“

Er warf der Polizei vor, einseitig und nicht zu Ende ermittelt zu haben. „Das ist ein Paradebeispiel für Beamtenwillkür“, so Zipper scharf. Er sprach wörtlich von einem „Versagen der Polizei“ und griff die Staatsanwaltschaft als Herrin des Ermittlungsverfahrens an. Er sei beinahe vom Glauben gefallen, als er der Akte entnahm, dass die Polizei den Zeugen eine Vorauswahl an Fotos vorgelegt hatte, diese gar namentlich bereits zugeordnet waren. „Das ist keine prozessgerechte Wahrlichtbildvorlage.“ Das sei ein weiteres Beispiel dafür, wie die „neutralste Behörde der Welt vorausschauend und objektiv ermittelt“ habe“, sagte er mit beißender Ironie. Die Staatsanwaltschaft ist gesetzlich verpflichtet be- wie entlastendes Material zu ermitteln. Zipper sezierte, so sein O-Ton, im Anschluss nahezu jede der über 30 Zeugenaussagen im Detail, um nach gut einstündigem Plädoyer zum genannten Schluss zu kommen: seiner Forderung nach einem Freispruch –  „nicht nur in dubio pro reo, sondern weil er`s nicht war.“ Er zeigte auf seinen Mandanten und wiederholte seine Worte vom Prozessbeginn: „Hier sitzt der Falsche auf der Anklagebank“. Sein Mandant schloss sich dem im eigenen Schlusswort an. „Ich war es nicht.“

„Einer muss es gewesen sein“

Staatsanwältin Patricia Münch wollte es so leicht nicht gelten lassen und reihte Schritt an Schritt in ihrer Beweisführung aneinander. Der Angeklagte selbst habe ja nichts gesagt, so Münch. „War es jemand aus der Gruppe?“, sei die erste Frage und sie bejahte sie. Auch der Frage „Wer aus der Gruppe war es?“ schloss sich eine akribische Indizienkette an, die Münch mit Aussagen vor allem dreier besonders glaubwürdiger Zeugen untermauerte. Denn diese Drei seien in vielen Details übereinstimmend zum gleichen Ergebnis gekommen, darunter eine 12-Jährige. „Kinder erinnern sich besser als Erwachsene“, sagte Münch. Die 12-Jährige erinnerte sich, wie auch zwei weitere erwachsene Zeugen, deutlich an den Fellmantel, die Maske, die Hände eines Mannes und auch eine männliche Stimme sowie an die Art und Weise, wie die Geschädigte angehoben wurde. Immer enger zog die Staatsanwältin den Kreis, auch anhand von Fotos, die keinerlei Vermischung verschiedener Hexengruppen miteinaner zeigten, wie es die Verteidigung nahegelegt hatte. Die Staatsanwältin betrachtete die Aussagen der Gruppe um die Hexen als merkwürdig übereinstimmend, wenig aussgekräftig bis gleichmäßig lückenhaft.