An den Rand gedrängt fühlen sich Radfahrer, wenn ihnen Autos keinen Platz lassen. Kommt dann auch noch Gegenverkehr, wird’s schnell gefährlich, vor allem für den Radler. Ein neues Gesetz soll Autofahrer in ihre Schranken weisen. | Foto: Ehmann

Polizei reagiert genervt

Notorischer Meckerer? Radler aus Region Karlsruhe dokumentiert enge Überholmanöver

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Ein Radler aus der Region Karlsruhe dokumentiert brenzlige Situationen im Straßenverkehr per Video-Kamera. Regelmäßig legt er die Aufnahmen der Polizei vor. Die reagiert darauf allerdings auf ihre Weise: Dem Mann werden Datenschutzverstöße vorgeworfen und  teils notorischer „Belastungseifer“ unterstellt.

Manchmal ist es nur ein warmer Hauch, oft aber auch eine heftige Turbulenz, begleitet von genervtem Hupen. Wenn Andreas M. auf seinem Fahrrad sitzt, dann spürt er die Kraft und die Bedrohung hautnah, die von Autos und Lastwagen ausgehen. Dann fühlt es sich an, als wehte ihn gleich der Fahrtwind überholender Kraftfahrzeuge aus dem Sattel. Leicht könnte er mit ausgestreckter Hand die Autos berühren, die da an ihm vorbeirasen.

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Wer Fahrrad fährt, kennt diese Situationen. Doch anders als für die Allermeisten kommt für Andreas M. Ausweichen, Platz machen oder gar Absteigen nicht in Frage. „Die Straße gehört den Autos nicht alleine. Ich bin nicht bereit, auf mein Recht zu verzichten, nur weil die Autos breiter und schneller sind.“ Er hat sich eingestellt auf den täglichen Konflikt auf der Landstraße.

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Abstandshalter aus Schaumstoff

Ein Abstandhalter aus Schaumstoff soll die aufdringlichsten Annäherungsversuche abwehren, Videokameras nach vorne und nach hinten die tägliche Nötigung dokumentieren. Situationen, in denen er sich gefährdet fühlt, veröffentlicht er im Internet.

Unter dem Pseudonym „Natenom“ ist er inzwischen nicht nur hart gesottenen Allwetter-Radlern ein Begriff. Auch bei der Polizei kennt man ihn. Denn wenn er sein Leben bedroht sieht, will es der Radfahrer nicht mit einem Fluch und einem Achselzucken bewenden lassen.

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Regelmäßig geht der 39-Jährige auf die Wache und fordert die Polizei auf, sie solle was unternehmen. Doch regelmäßig blitzt er ab. „Die sagen, sie sehen in den Videos keine Gefährdung.“ Streitpunkt ist meist der Abstand zwischen Auto und Fahrrad. „Den Seitenabstand können wir auf den Videos nicht nachmessen“, erklärt eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Karlsruhe.

Polizei sieht keine Gefährdung

In der Straßenverkehrsordnung sei Verkehrsgefährdung sehr eng definiert. „Es gibt sieben Todsünden, darunter Vorfahrtsmissachtung oder Geisterfahrt. Bei allem anderen sind uns die Hände gebunden.“ In diesen Todsünden, festgehalten in Paragraf 315 der StVO, wird allerdings auch mit Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bedroht, wer „grob verkehrswidrig und rücksichtslos falsch überholt oder sonst bei Überholvorgängen falsch fährt“.

Doch nach der Logik der Polizei könnten sich allenfalls entgegenkommende Autofahrer bedroht fühlen, wenn ihnen der Überholende auf ihrer Seite begegnet.

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Zieht der Sünder dann nach rechts, kommt er dem überholten Radler mitunter zwar sehr nahe. Aber mehr als ein subjektives Gefährdungsempfinden kann die Polizeisprecherin beim Radler da nicht feststellen. „Einen Mindestabstand beim Überholen kennt das Gesetz nicht. Und solange der Radfahrer nicht bremsen muss oder gar stürzt, haben wir nichts in der Hand.“

Die Beamte auf den Revieren sind genervt

Im vergangenen Jahr verunglückten 88 850 Radfahrer auf deutschen Straßen. 445 starben – 63 mehr als im Jahr zuvor und so viele wie zuletzt 2009.

Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Karlsruhe sind die Zahlen stabil. Hier sterben alljährlich zwischen fünf und sieben Radfahrer bei Verkehrsunfällen: Eine starke Motivation für Natenom, sich zu wehren. „Eine Staatsanwältin hat mir geschrieben, auf meine subjektive Empfindung könne keine Verurteilungswahrscheinlichkeit gestützt werden und hat deshalb das Verfahren gegen einen Busfahrer eingestellt.“

Sein Bemühen, die Gefährdung auf Video festzuhalten, werde ihm immer wieder zum Vorwurf gemacht. „Eine Polizistin hat meinen Abstandhalter nachgemessen und zu den Videokameras gemeint, ich würde den Datenschutz verletzen.“ Weil Andreas M. regelmäßig auf Polizeirevieren auftaucht, unterstellt man ihm inzwischen einen „Belastungseifer“ – der Eifer eines notorischen Meckerers quasi, dem es ums Anschwärzen der Autofahrer gehe.

Umdenken im Verkehrsministerium zeichnet sich ab

Gudrun Zühlke kennt das Problem. Als Landesvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) stellt sie frustriert fest: „Angst machen ist keine Gefährdung.“ Nach ihrer Erfahrung, so Zühlke, gehe die Staatsanwaltschaft immer erst dann von einer Gefährdung aus, wenn der unterlegene Verkehrsteilnehmer zu einer Reaktion genötigt werde. Sturz oder wenigstens Vollbremsung seien schon nötig.

„Dass die Polizei so ignorant reagiert, frustriert die Radfahrer natürlich“, sagt die ADFC-Funktionärin. Doch sie sieht Licht am Ende eines langen Tunnels. Im Bundesverkehrsministerium brütet man derzeit über einer Verschärfung der Rechtslage. Überholabstände von bis zu zwei Metern sollen ins Gesetz geschrieben werden.

Fahrlehrer Matthias Henninger aus Karlsruhe bringt seinen Schülern diese Abstandsregel schon heute bei. „Mit mehr Abstand lebt sich’s besser“, rät er, wenn es um das Überholen von Radfahrern geht. „Meine Grundregel ist: ein Meter plus Geschwindigkeit. Wer 50 fährt, hält also 1,5 Meter Abstand. Und am allerbesten funktioniert es, wenn alle aufeinander Rücksicht nehmen“, verdeutlicht er.

„Bestehe nur auf meinem Recht“

Das sieht auch Andreas M. so und stellt nur einer Minderheit ein schlechtes Zeugnis aus. „Die allermeisten Autofahrer verhalten sich super“, sagt er. Doch Rücksicht heiße für ihn nicht, die Straße den Autofahrern zu überlassen. „Nur weil einige von ihnen nicht die Geduld hätten, auf eine ungefährliche Möglichkeit zum Überholen zu warten, werde ich nicht auf Waldwege ausweichen“, so Natenom. „Ich fahre 50 bis 80 Kilometer am Tag und die Landstraße ist meine bevorzugte Infrastruktur. Ich bestehe nur auf meinem Recht, das tun zu dürfen, ohne um mein Leben fürchten zu müssen.“