hat Religionswissenschaftler und Antisemitismusbeauftragter Michael Blume zur Krise der Kirchen. Demnach folgt bei historischer Betrachtung auf die Austritte auch wieder eine starke Zuwendung zu den Kirchen. | Foto: dpa

Baden-Württemberg

Antisemitismus-Beauftragter Michael Blume: „Der Hass sammelt sich im Internet und kippt auf die Straße“

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Kirchen in der Krise, immer mehr Menschen treten aus – dem düsteren Bild hält Religionswissenschaftler Michael Blume eine eigene These entgegen. Der 43-Jährige sieht die Kirchen entgegen der derzeitigen Stimmung vor einem Aufschwung.

Die Kirchen müssen derzeit vor allem mit schlechten Nachrichten leben. Der Religionswissenschaftler und baden-württembergische Antisemitismus-Beauftragte Michael Blume sieht sowohl das Christentum, das Judentum als auch den Islam in der Krise. Der 43-Jährige erklärt im Gespräch mit Redakteur Sebastian Raviol, warum die Religionen seiner Meinung nach bald jedoch einen Aufwind verspüren könnten.

Herr Blume, wagen wir eine Bestandsaufnahme: Ist der Tiefpunkt der vergangenen Jahrzehnte für die Kirchen erreicht?

Michael Blume: Die Kirchen in der westlichen Welt werden in ihrer Demografie weiter schrumpfen. Aber nicht alles ist düster, es entstehen auch neue Formen. Zudem sind andere Religionen als das Christentum noch stärker betroffen, etwa der Islam.

Woran liegt das?

Im Christentum wird man durch die Taufe Mitglied, im Islam ist man es von Geburt an. Deswegen wird der Schwund im Christentum nur schneller sichtbar. In der muslimischen Welt gibt es aber eine massive Säkularisierung. Wir haben seit 1979 den politischen Islam. Manche werden dadurch erst recht radikal und wollen den wahren Islam leben, große Teile wenden sich aber komplett ab. Es ist ein stiller Rückzug, etwa wenn Muslime weniger beten.

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Christentum, Islam, Judentum – welche Religion ist von den Krisen stärker betroffen?

Alle Religionen stehen vor verschiedenen Herausforderungen. Der Islam hatte nach dem Buchdruckverbot ab 1485 eine Bildungskrise. Im Christentum gibt es ein Wohlstandsproblem. Wenn Menschen in Sicherheit, Wohlstand und Bildung leben, dann vergessen sie Religion. Das Judentum hat sich nach Jahrhunderten der massiven Verfolgung mit einem eigenen Staat reorganisiert, es gibt aber eine Auseinandersetzung zwischen orthodoxen und liberalen Kräften.

Und zunehmenden Hass und Hetze …

Das erleben wir mit den neuen Medien leider auch. Das Internet verroht manche Menschen. Es entsteht antisemitischer Hass, der sich vor allem digital organisiert.

Aber auch im öffentlichen Leben: Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung riet Juden davon ab, überall in Deutschland Kippa zu tragen.

Der Hass sammelt sich im Internet und kippt auf die Straße. Die Anzahl antisemitischer Straftaten ist in Baden-Württemberg im letzten Jahr um 40 Prozent gestiegen. Wenn wir das aber bei einer Religion dulden, wird es auch andere Religionen erreichen. Dann wird es als nächstes nicht mehr normal sein, Kopftuch oder ein Kreuz zu tragen.

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Sind Kirche und Religiosität heute überhaupt noch gleichzusetzen?

Es gibt keine einzige Religionsgemeinschaft mehr, die die ganze Gesellschaft durchdringen würde. Die großen Kirchen können dadurch aber auch wieder zur Orientierung werden. Es kann attraktiv sein, wenn sie Ruhe ausstrahlen. Eine volle Kirche zu Weihnachten würde ich nicht gering schätzen.

Ihre These ist, vereinfacht gesagt: Menschen orientieren sich weg von der Kirche, es gibt massenhafte Austritte, dann aber wieder eine Zuwendung zur Kirche. Sind Sie mit dieser These ein Mutmacher für die Kirchen heute?

Ich kann als Wissenschaftler nur auf Daten und die Geschichte schauen. Im 19. Jahrhundert hieß es: Die Kirchen sind leer, die Religion ist am Ende. Immer wieder haben sich Kirchen neu organisiert und auf ihre Stärken besonnen. Das oft angekündigte Ende der Religionen ist nie eingetreten.

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Wie kam es zu diesen Endzeit-Stimmungen?

Es gab eine Medienexplosion, technischen Fortschritt, Nationalismus, Kommunismus – man hat sich gefragt, ob man die Kirche noch braucht. Am Ende solcher Krisen in der Geschichte gab es die Reformation, katholische Gegen-Reformation, Neugründungen, jüngere Generationen kamen in Priesterämter. In der Summe ist es gelungen, nach vorne zu kommen.

Viele junge Menschen im Priesteramt – ist das heute noch realistisch?

Wir haben eine akute Krise, der Zölibat für alle wird kaum zu halten sein. Wenn spätere Generationen darauf zurückschauen, werden sie sagen: Die Krise war schneller und heftiger als die nach dem Buchdruck.

Die Missbrauchsfälle verstärken die Krisen …

Der Schock über den Missbrauch zeigt, dass Religion der Ort war, in der Kindheit und Jugend geprägt worden ist. Wenn Menschen ihre Kinder nicht mehr der Kirche anvertrauen können, ist das Problem schlimmer als eine finanzielle oder politische Krise.

Können Kirchen an Zustimmung gewinnen, wenn sie die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle gut bewältigen?

Kirchen müssen sich um Offenheit bemühen. Aber bei dieser Gewalt gibt es keine Chance auf ein positives Ergebnis. Die Menschen werden nicht beitreten, weil sich die Kirche ihren Fehlern stellt. Es ist eher anders: Kirchen werden Verluste erleiden, wenn sie die Aufklärung nicht gut bewältigen.

Fernab davon: Wie können die Kirchen ihre Krisen bewältigen?

Sie wären gut beraten, auf die Demografie zu achten. Wenn eine Gemeinschaft veraltet, wird sie unattraktiv für Menschen, die auf der Suche sind. Ich würde mir mehr Mut wünschen. Kirchen müssen überlegen, wie sie mehr Frauen beteiligen. Verteidigen sie eher alte Strukturen oder schaffen sie neue, die zur Lebenswirklichkeit der Menschen passen? So oder so sage ich, dass es auch im 21. Jahrhundert lebendige Religionsgeschichte geben wird.