"Es war Politik auf den ersten Blick": Saskia Esken kannte ihren Kandidatenpartner Norbert Walter-Borjans vorher nicht persönlich. Mit dem Ex-NRW-Finanzminister hat die Abgeordnete aus Calw aber eine große, politisch linke Schnittmenge. | Foto: dpa

Stichwahl

Saskia Esken: Abgeordnete aus Calw möchte SPD-Chefin werden

Anzeige

Auf der großen politischen Bühne galt Saskia Esken als unbekannt. Die Bundestagsabgeordnete aus Calw könnte aber bald 430 000 Sozialdemokraten anführen. Die 58-Jährige hat sich mit Norbert Walter-Borjans im Rennen um den SPD-Vorsitz gegen Olaf Scholz und Klara Geywitz gute Chancen erarbeitet. Ein Rückblick. 

Nach den Schlussworten von Generalsekretär Lars Klingbeil in der vollen Eingangshalle des Willy-Brandt-Hauses war für Saskia Esken am Samstagabend noch lange nicht Schluss. Zu viele Kameras und Genossen warteten auf die Bundestagsabgeordnete aus Calw, die den SPD-Vorsitz übernehmen möchte. Dann endlich: Nach zwei Monaten Wahlkampf das erste Mal Ruhe. Bei Currywurst und Bier konnte Esken mit ihrem Team durchatmen.

Die 58-Jährige hat es mit ihrem Kandidatenpartner Norbert Walter-Borjans in die Stichwahl geschafft. Ende November entscheiden die Sozialdemokraten zwischen diesem Duo und Finanzminister Olaf Scholz, der mit Klara Geywitz antritt. Für ein Gespräch mit Scholz sei noch keine Zeit gewesen, sagt Esken nun.

„Du musst es machen“

Der Wahlkampf geht weiter. Sie kündigt an: „Es wird sich zuspitzen – aber in der Sache.“ Wie wurde aus einer einfachen Bundestagsabgeordneten aus Calw eine Frau, die den Vizekanzler herausfordert – eine Frau, die schon bald 430 000 Sozialdemokraten im Land anführen könnte? Ein Rückblick.

Das Duo Esken und „NoWaBo“, wie Norbert Walter-Borjans auch genannt wird, taucht Ende August erst vier Tage vor Bewerbungsende auf. Nach dem Rücktritt von Parteichefin Andrea Nahles reifte in Esken die Idee für eine Kandidatur. „In meiner digitalen Blase hieß es: ’Das musst du machen’“. Durchaus prominente Unterstützer seien dabei gewesen.

Esken kannte Walter-Borjans nicht

Und der Partner? Manche Sozialdemokraten wollen nicht, mit anderen sieht Esken keine Siegeschance. Dann wählt sie die Nummer von Walter-Borjans. „Ich kannte ihn vorher nicht“, sagt Esken. „Es war Politik auf den ersten Blick.“

Auf 23 Regionalkonferenzen präsentierten sich Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. | Foto: dpa

Es fand sich ein Links-Duo. Walter-Borjans hat sich durch den Ankauf von CDs aus der Schweiz als Kämpfer gegen heimische Steuerhinterzieher einen Namen gemacht. Esken, auf der großen politischen Bühne wenig bekannt, konnte bei der europäischen Urheberrechtsreform durch ihr Votum gegen die Uploadfilter bei den jungen Sozialdemokraten punkten. Bei den 23 Regionalkonferenzen zeigt sich nach und nach, dass das Duo durchaus Erfolgschancen hat.

8 000 Kilometer in wenigen Wochen

Auf einen wunden Punkt spielen Gegner gerne an: die Große Koalition. Es brauche ein Investitionsprogramm und mehr Gerechtigkeit, sagt Esken. „Das wird mit CDU und CSU vermutlich nicht gehen.“ Eine solche Ansage konnte sich ihr Partner nicht abringen. Esken spricht von einem Unterschied in „Nuancen“ und legt nach: „Juniorpartner der Union – das ist ja kein Zustand.“

Mehr zum Thema: SPD-Regionalkonferenz in Ettlingen im Zeichen der Klimadebatte

8 000 Kilometer habe sie durch die Konferenzen zurückgelegt. „Das ist schon anstrengend.“ Nebenher ist Esken in den sozialen Medien sehr aktiv. Sie gilt als Digitalexpertin. Auf Twitter folgen ihr über 14 000 Menschen, sie hat mehr Follower als Geywitz und Walter-Borjans zusammen.

Gegenwind aus der Fraktion

Doch der Kampf wird härter. Aus der Bundestagsfraktion wird kolportiert, Genossen würden sich nicht von der unerfahrenen Esken führen lassen. „Man wächst ja in Aufgaben rein“, sagt sie. Sie legt Wert darauf, bei der Vorratsdatenspeicherung für die eigene Überzeugung und gegen die Parteilinie gestimmt zu haben. Der Gegenentwurf zu Scholz: eine kühle widerstandsfähige Frau.

Der Finanzminister sei schon lange in Regierungsverantwortung. „Dann für Veränderung zu stehen, ist ziemlich abwegig.“ Aber Esken möchte bei dem bleiben, was sich die Genossen von Anfang an versprochen haben – sich nicht gegenseitig öffentlich zu beschädigen.