Für ihre offene und direkte Art ist Saskia Esken auch im Bundestag bekannt. | Foto: dpa

Portrait

Saskia Esken: Die linke Schafferin aus Calw an der SPD-Spitze

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Saskia Esken soll künftig mit Norbert Walter-Borjans die SPD führen. Die 58-jährige Württembergerin muss die Sozialdemokraten nun einen. Der Werdegang der bislang eher unbekannten Bundestagsabgeordneten lässt sich in zwei Versionen erzählen.

Die Karlsruher Sozialdemokraten haben den perfekten Termin gewählt. Zu ihrer Mitgliederversammlung in einem Café im Alten Schlachthof ist ein Fernsehteam angereist, auch eine Berliner Zeitung will die Stimmung der Genossen wenige Tage vor dem Parteitag aufschnappen. Wie kommt der Linksruck des neuen Führungsduos bei der Basis an?

Die Journalisten müssen eine Stunde lang warten, bis das erste Mal die Rede von Saskia Esken ist. Dann heißt es nur, die verbalen Angriffe auf die neue SPD-Chefin müssten enden. Der Abend bildet die Stimmung der Genossen im Südwesten ab: Jubelschreie sind angesichts des neuen Spitzenduos Esken und Norbert Walter-Borjans nicht zu hören.

Kühler Gegenwind der Genossen

Und doch gilt deren Bestätigung auf dem Parteitag ab diesem Freitag in Berlin als sicher. Auch fernab des linken Flügels wissen die Genossen, dass nun Einigkeit her muss. Eine Parteifreundin sieht viele Stärken bei Esken. „Aber dass sie Menschen zusammenführt, habe ich noch nie gesehen.“

Spätestens als es mit ihrer Kandidatur ernst wurde, hat die 58-Jährige den kühlen Gegenwind mancher Genossen zu spüren bekommen. Von der lasse man sich nicht führen, ließen Fraktionskollegen über die Medien verbreiten. Kritiker betonten, ihre Erfahrung im Ehrenamt des Landeselternbeirats reiche nicht aus, um über 400 000 Mitglieder zu führen.

Es gibt zwei Versionen ihres Werdegangs

Dabei lässt sich der Werdegang von Esken in zwei Versionen erzählen: Eine Frau, die recht ziellos als Kellnerin und Informatikerin arbeitete, dann daheim drei Kinder aufzog und das Glück hatte, für eine Bundestags-Kandidatur im Wahlkreis Calw angefragt zu werden.

Das Kandidatenpaar Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken ging nicht als Favorit in die Stichwahl, setzte sich dann aber durch. | Foto: dpa

Die andere Version: Eine Württembergerin mit sozialdemokratischem Elternhaus, die sich über die Kommunalpolitik nach oben kämpfte. Doch die sozialdemokratisch romantische Geschichte möchte selbst bei den Genossen niemand so recht erzählen.

Starke Unterstützung der Jusos

Ohne die Unterstützung der Jusos hätten es Esken und Walter-Borjans nicht an die Spitze geschafft. Juso-Chef Kevin Kühnert gilt als großer Befürworter, einige Landesverbände zogen mit – nicht aber der baden-württembergische. Die Jusos hier sind heterogener aufgestellt, wollten keine Empfehlung aussprechen.
Landesvorsitzender Pavlos Wacker sieht in Esken aber eine Chance für die SPD. Sie gehört zu den führenden Digital-Expertinnen im Bundestag. Fachgespräch statt Small Talk.

Esken sieht man in Berlin eher auf einer Tagung als auf einem Sektempfang. „Digitalisierung ist ein sehr wichtiges Thema, da sind wir bislang ein bisschen blank“, sagt Wacker. Und er sieht in Esken Bodenständigkeit. „Sie vermeidet Floskeln.“ Für die Jusos sei es auch wichtig, dass Esken eine klare Haltung zeigt, auch wenn sie gegen die Parteilinie sein sollte. „Sie hat im Bundestag eher im Sinne ihrer Werte gestimmt.“

Esken schwächte ihre Position ab

Eines hat Esken bei allen Stationen bewiesen: Sie verstellt sich nicht. Die gebürtige Stuttgarterin steht weiter links als der Hauptstrom der Partei – und stimmt in Migrationsfragen oder beim Uploadfilter dann eben auch mal gegen die Mehrheit. Für Murren in der Partei sorgte auch, dass Esken Klimabeschlüsse der GroKo als „Klimapaketchen“ abkanzelte – und damit die eigenen Verhandler kritisierte.

Doch Esken hat auch gezeigt, dass sie anpassungsfähig ist. Am Anfang der SPD-Suche stand sie für das GroKo-Aus, am Ende für Nachverhandlungen – nun sollen nur noch Gespräche mit der Union geführt werden, heißt es im Leitantrag zum Bundesparteitag.

„Sie ist richtig, richtig fleißig“

Wenig Jubel in Berlin – und im Südwesten? Bundestagsabgeordnete Gabriele Katzmarek (Rastatt) lobt, Esken habe sich als Digital-Expertin einen Namen gemacht. Abgeordnete Katja Mast (Pforzheim) sieht in ihr „eine sehr engagierte Sozialdemokratin“. Immerhin. Die Freiburger Landtagsabgeordnete Gabi Rolland hatte aber schon betont, der Heimatbezug Eskens spiele für sie „Nullkommanull eine Rolle“.

Für den unterlegenen Finanzminister Olaf Scholz (l.) ist es eine bitter Niederlage. | Foto: dpa

Auch für die Genossen im Südwesten gilt: Esken muss sich als Chefin erst beweisen. Das sagt auch ihre ehemalige Bundestagswahlkampf-Managerin, Viviana Weschenmoser: „Ich warte mal ab.“ Die SPD-Kreisvorsitzende aus Freudenstadt weiß aber: „Mit ihr zu arbeiten heißt, eng am Kalender zu sein. Sie ist richtig, richtig fleißig, eine Schafferin.“

Nächtliche Telefonkonferenzen

Mit Stolz hat Esken auf ihre Zeit als stellvertretende Landeselternbeirätin verwiesen – und wurde dafür eher belächelt. Zu Unrecht, sagt der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Carsten Rees. Sie habe das einst zerstrittene Gremium mit ihm neu aufgestellt und sich dabei nicht geschont. „Das war Knochenarbeit“, sagt Rees, spricht von nächtlichen Telefonkonferenzen.

Esken hatte wie so oft das Gefühl, verantwortlich zu sein, sich um ein Problem kümmern zu müssen. „Sie kann strukturiert denken und zulangen, wenn Arbeit ansteht. Und sie kann klare Kante zeigen“, so Rees. Als Elternbeirätin kritisierte Esken auch sozialdemokratische Kultusminister.

Esken twittert weiter selbst

Die Schlagzahl hat sich für Esken deutlich erhöht – trotzdem twittert die Württembergerin weiter selbst. Einen Mutmacher, einen irischen Segensspruch, hat sie getwittert: „Am Ende des Tages hülle dich der Mantel der Liebe und des Friedens ein“.

Auch am Ende der Karlsruher Mitgliederversammlung im Café im Alten Schlachthof gibt es noch einen Mutmacher für Esken. „Hört auf mit Selbstdarstellung und Eitelkeit“, ruft ein Mitglied mit Blick Richtung Berlin. Eitelkeit kann Esken den Genossen nicht bieten.