Stechmücken-Experte Norbert Becker, wissenschaftlicher Direktor der Schnakenbekämpfer, sagt vor allem nördlich von Rastatt sehr lästige Mückenanflüge voraus.
Stechmücken-Experte Norbert Becker, wissenschaftlicher Direktor der Schnakenbekämpfer, sagt vor allem nördlich von Rastatt sehr lästige Mückenanflüge voraus. | Foto: lie

Interview mit Kabs-Direktor

Gefühl der Schnakenplage „gebietsweise sehr unterschiedlich“

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Viele Bürger in den Rheinanliegergemeinden stöhnen schon über juckende Schnakenstiche. Wie heftig wird der Ansturm diesen Sommer, nachdem die Hubschrauber der Schnakenbekämpfer ausgefallen waren? Kann man von einer Plage sprechen? Und welche gesundheitliche Risiken sind mit den Stichen der Gemeinen Stechmücke oder Nördlichen Hausmücke mit dem lateinischen Namen „Culex pipiens“ verbunden?

BNN-Redakteurin Elvira Weisenburger befragte dazu den Biologen Norbert Becker, der als Wissenschaftlicher Direktor der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (Kabs) arbeitet und forscht.

Droht uns nun eine Schnaken-Plage oder nicht? Ihr Kabs-Präsident Hartwig Rihm hört den Begriff ja nicht gerne, wie er erklärt hat.

Becker: Für mich ist eine Plage dann da, wenn die Leute sich nicht mehr im Freien aufhalten können und die Flucht ergreifen. Mancherorts wird es in den Auen solche plagenähnlichen Zustände geben. Aber das persönliche Empfinden ist da sehr unterschiedlich. Manche Einheimische sind sehr abgehärtet und registrieren „ein paar Stiche“, Nachbarn sprechen hingegen von einer Plage. Eine schlimme Belästigung wird es vielerorts schon geben, wenn es in den nächsten Tagen wärmer wird. Aber die Situation ist gebietsweise sehr unterschiedlich.

Welche Gebiete der Kabs-Region sind am stärksten von der neuen Schnaken-Welle betroffen?

Becker: Es sind die Gebiete mit großen Überschwemmungsgebieten, die nicht mit dem Hubschrauber bekämpft werden konnten. Südlich von Rastatt haben wir noch den Hubschrauber einsetzen können. Nördlich wird man die Stechmücken sehr lästig bemerken, wenn es wärmer wird. In den vergangenen Tagen waren sie noch wenig flugaktiv, weil es noch kühl war. Sie sind aber sehr wanderfreudig, so dass man die Mücken in unterschiedlichem Maße in allen Gemeinden spüren wird, besonders natürlich in denen, die am Rhein liegen.

Manchen Sie systematisch Stichproben zu Anflughäufigkeit?

Becker: Ja wir machen jetzt Fallenfänge im gesamten Gebiet. Bis Ende der Woche wissen wir, wie die Unterschiede in den einzelnen Gebieten sind. Ich selbst habe im Auenwald Ende letzter Woche einige hundert Anflüge pro zwei Minuten gezählt.

Wann wird der Höhepunkt der Plage oder schlimmen Belästigung erreicht? Wann wird sie enden?

Becker: Die Stechaktivität hängt vom Wetter ab. Wenn es schwül und windstill ist, sind die Mücken flugaktiver. Zum Wochenende hin wird man sie stärker spüren. Dies wird bis zu sechs Wochen lang anhalten.

Wie heftig wird es im Vergleich zu den 70er-Jahren?

Becker: Es wird nicht so schlimm, wie in den 70er-Jahren. Wir haben noch sehr viel zu Fuß bekämpfen können. Leider waren viele Gebiete nicht begehbar beziehungsweise konnten sie aus ökologischen Gründen nicht betreten werden, zum Beispiel Schilfgebiete.

Kaninchenbesitzer lassen wegen des angekündigten Schnakeneinfalls derzeit gerne ihre Tiere gegen Myxomatose impfen. Gibt es neuere Erkenntnisse, welche Krankheiten die einheimischen Schnaken noch übertragen können?

Becker: Es ist bekannt, dass in Jahren mit vielen Stechmücken die Myxomatose sehr stark ansteigt. Man sollte die Zuchtkaninchen dringend impfen. Mit der Ansiedlung der Tigermücken steigt die Gefahr, dass Dengue oder Chiungunya-Viren auch in Deutschland übertragen werden können. Allerdings ist das Risiko sehr gering. Aus meiner Sicht ist die Gefahr einer bodenständigen Übertragung von West-Nil-Viren größer. Im letzten Jahr gab es in Europa mehr als 1 000 Infektionen und mehr als 100 Tote. Diese Viren werden von unseren Hausmücken Culex pipiens übertragen.

Wie viele dieser Krankheits- und Todesfälle betrafen Deutschland?

Becker: In Deutschland gibt es bisher nur infizierte Pferde und Vögel. West-Nil-Fieber ist eine Zoonose (*zwischen verschiedenen Arten übertragbare Infektionskrankheit*) zwischen Vögeln und Hausschnaken. Bisher gab es keine Infektionen bei Menschen in Deutschland. Es wird aber wahrscheinlich bald soweit sein.

Eine Erhebung der EU-Staaten von Ende vergangenen Jahres, auf die sich Norbert Becker bezieht, verzeichnet 1 491 Fälle von West-Nil-Fieber bei Menschen, die meisten in Italien (569), Griechenland (309), Rumänien (277), Ungarn (214), Kroatien (53), Frankreich (25), Österreich (20), Bulgarien (15), Tschechien (5), Slowenien (3) und Zypern (1). In nahen Nicht-EU-Staaten verzeichnete Serbien 415 Fälle, Israel (128) und Kosovo (14). Von insgesamt 171 Todesfällen vermeldete Griechenland 45, Italien 42, Rumänien (42), Serbien (35), Kosovo (3), Bulgarien (2), Tschechien (1) und Ungarn (1).