Schild mit der Aufschrift «Landgericht»
Das Schild mit der Aufschrift «Landgericht» hängt am Landgerichtsgebäude in Ravensburg. | Foto: Felix Kästle/Archiv

Ravensburg

Supermarkt-Erpresser gesteht Gift in Babybrei

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Ausgerechnet in Babybrei mischt ein Supermarkt-Erpresser vor einem Jahr Gift und hofft auf Millionenbeute. Der 54-Jährige gibt das am Montag in seinem Prozess vor dem Landgericht Ravensburg zu. «Ich möchte mich aber nicht zum Mörder machen lassen», mit diesen Worten beendet der Mann sein Geständnis. In der schriftlichen Einlassung, die sein Verteidiger vorlas, gibt der 54-Jährige an, fünf Gläser Babynahrung mit Gift versetzt und diese in Geschäften platziert zu haben.

«Was allerdings nicht stimmt, ist der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, dass ich jemanden töten wollte oder einen Tod billigend in Kauf genommen hätte», betont der Angeklagte. (Az: 1 Ks 31 Js 20283/17).

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 54-Jährigen versuchten Mord in fünf Fällen vor – außerdem versuchte besonders schwere räuberische Erpressung in sieben Fällen und gemeingefährliche Vergiftung. Laut Ermittlern wäre die beigemischte Menge Ethylenglykol in jedem Glas für Säuglinge oder Kleinkinder tödlich gewesen.

Der mutmaßliche Erpresser hatte sich nach eigenen Aussage für Babynahrung entschieden, «um größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzeugen». Er sei aber sicher gewesen, dass niemand die Produkte kaufen würde. Wie sein Rechtsanwalt Manuel Reiger betonte, habe der Angeklagte in einer E-Mail unter anderem an das Bundeskriminalamt die betroffenen Unternehmen und Produkte benannt – am selben Tag, an dem er die Gläser in fünf Supermärkten in Friedrichshafen ausgelegt hatte.

Das sehen die Ermittler anders. Ob ein Glas verkauft worden wäre oder nicht, habe der Täter nicht ausschließen können, erklärte der Hauptsachbearbeiter bei der Polizei, Walter Butsche. Zwei Gläser seien sogar erst Tage später gefunden und aus dem Verkauf gezogen worden. «Für mich war alles ein großer Bluff», formulierte der Angeklagte. Der Hartz-IV-Empfänger habe demnach lediglich Geld von den Unternehmen erpressen wollen. Im Nachhinein bereue er dies zutiefst: «Eine einfache Entschuldigung wird der Angst, die ich bei Eltern ausgelöst habe, nicht gerecht.»

Der Fall hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt, weil der Erpresser in seiner E-Mail gedroht hatte, 20 weitere vergiftete Lebensmittel in Geschäften im In- und Ausland in Umlauf zu bringen. Seine Forderung an Lebensmittelkonzerne und Drogeriemärkte: 11,75 Millionen Euro. Zur Verhandlung ein Jahr später sind zahlreiche interessierte Bürger als Zuhörer erschienen. Sie wollen sehen, wer der Erpresser ist, den die Ermittler seinerzeit als «sehr skrupellos» und «ausgesprochen gefährlich» eingestuft hatten.

Der 54-Jährige richtete seinen Blick am Montag kaum nach oben, mit zitternden Händen saß er auf der Anklagebank. Am Morgen hatte sein Rechtsanwalt verkündet, der Mandant habe seit einigen Tagen nichts gegessen, sei extrem geschwächt. Reiger beantragte, nur einen halben Tag zu verhandeln. Der psychiatrische Sachverständige sprach in diesem Zusammenhang von einer Belohnung unerwünschten Verhaltens – der Antrag wurde abgelehnt. Der Sachverständige meinet damit, dass der Angeklagte mit seinem Hungern und auch dem Suizidversuch Zeit und Rahmen der Verhandlung beeinflussen will – und man ihm dafür nicht zu viel Raum geben sollte. In der Nacht vor dem Prozessauftakt vor einer Woche hatte sich der Angeklagte in seiner Zelle Schnittwunden am Unterarm zugefügt. Die Verhandlung wurde deshalb vertagt. (dpa/lsw)