Wacken Open Air - Festivalauftakt
Die Zehnerjahre haben einiges mit sich gebracht: Tinder und Terror - aber auch einen seltsamen Hype um Einhörner. | Foto: Axel Heimken

Ein „krasses“ Jahrzehnt endet

Terror und Tinder: Was haben die Jahre 2010 bis 2019 mit uns gemacht?

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„Krass“, sagt der junge Mensch heute, wenn er nicht so richtig weiß, wie er was finden soll. Wie war der Film? Krass. Wie ist das Wetter? Krass. Krass geht immer. Es bedeutet alles und nichts und trotzdem weiß jeder irgendwie, was gemeint ist. Krass eben. „Besonders intensiv“ bietet das Internet als Bedeutung an. Als erste Bilanz passt das für das nun zu Ende gehende Jahrzehnt. Intensiv – das waren die Zehner, wie dieser kleiner Rückblick (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) zeigen will:

iPhone, Emojis, Selfies, Sprachnachrichten, Instagram – plötzlich wissen alle, was das ist und sogar die Oma ist Teil einer WhatsApp-Gruppe. Die digitale Revolution ist angekommen und krempelt die Gesellschaft um. Influencer sind die neuen Stars, die klassischen Medien kämpfen um Glaubwürdigkeit und jeder Einzelne muss lernen, die Technologie zu beherrschen bevor sie ihn beherrscht.

Zwischen Wohlstand und Existenzangst

Die Zehnerjahre oszillieren zwischen Wohlstand und Existenzangst. Wirtschaftlich hat die Dekade ein langes Konjunkturhoch gebracht, andererseits schüren die Terroranschläge von Paris, Nizza und Berlin konkrete Ängste. In ihrem toten Winkel wachsen die diffusen gleich mit. Historisch werden die Tage des 11. März 2011 (Tsunami in Japan) oder des 4. September 2015, als Flüchtlinge mit Erlaubnis der Bundeskanzlerin aus Ungarn nach Deutschland kommen. Außerdem der 23. Juni 2016 als Tag des Brexit-Votums oder der 9. November 2016, als Donald Trump die Präsidentenwahl gewinnt.
Im Fernsehen steigt ausgerechnet der gute alte „Tatort“ in Quotenhöhen. Ganz neu und ganz anders sind die vielen US-Serien, die zum neuen Erzählmedium schlechthin werden. Streaming-Dienste wie Netflix machen Binge-Watching (viele Folgen am Stück gucken) zum neuen Volkssport. Das Fernseh-Lagerfeuer „Wetten, dass..?“ verlischt (2014).
Auch beim Essen und Trinken werden die Leute wählerischer. Laktose, Gluten, Fleisch, Zucker, Alkohol – alles hoch umstritten. Einerseits wird viel über vegetarische Ernährung oder Veganismus gesprochen, andererseits boomen Burger-Lokale und Mega-Grillgeräte. Craft Beer wird zum Trend, auch alkoholfreies Bier löscht den Durst, in Bars wird Gin Tonic bestellt.

„Hygge“ muss es sein

In den eigenen vier Wänden sind die Zehner simpel, clean und ohne Chichi. „Hygge“ muss es sein. Marie Kondo hilft beim Aufräumen. Wer verreist, bucht seine Unterkunft bei Airbnb und schläft lieber in Privatwohnungen statt Hotels. Beim Urlaub boomen aber auch dreckige Kreuzfahrtschiffe und kurze Städtetrips per Flugzeug, andererseits steigt die „Flugscham“ und Wandern wird zum Hype. Gesundheit ist ein Megathema. Fitness-Tracker zählen Schritte, Puls und Schlafstunden. Rauchen wird immer uncooler, auf den Zigarettenpackungen tauchen Ekelbilder auf. Manchen helfen Dampf- oder E-Zigaretten über den Trennungsschmerz. Musikalisch sind die Zehner atemlos. Der Helene-Fischer-Hit wird zum Ohrwurm des Jahrzehnts. Schlager boomt, Hip-Hop auch.

Und was sollte das mit den Einhörnern?

Terrorangst und Technologiedominanz zum Trotz springen plötzlich Einhörner über Kindergeburtstage, Popfestivals, Anti-Nazi-Demos. Der Trend – so sagen Experten – hat etwas mit Realitätsflucht zu tun: Einhörner stehen für Friede und Freude.
Die Evolution bringt den neuen Menschentypus Hipster hervor. Großstadtmänner zeigen sich mit männlichem Bart. Conchita Wurst als bärtige Dragqueen lässt Geschlechtergrenzen verschwimmen. Gesellschaftspolitisch durchbricht Deutschland die Heteronormativität. Die Ehe für alle kommt.
Auch die Partnersuche wird technologiebasiert. Tinder ist nur ein Beispiel. Dort sortiert man Flirt-Vorschläge nach Attraktivität. Jemand uninteressant? Foto nach links! Jemand sexy? Foto nach rechts wischen!

Bleibt die Frage: Wohin wischen wir dieses Jahrzehnt? Was werden Historiker einmal über die Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts sagen? Werden sie als „golden“, „wild“ oder „kultig“ in die Geschichtsbücher eingehen? Oder reicht erst mal krass?

(Mit Material von der dpa)