Handyvideo
Gaffer und Pöbler sind in Zeiten von Individualismus und Social Media für viele Einsatzkräfte ein wachsendes Problem. | Foto: Wolfram Kastl

Mehr Strafen helfen nicht

Gaffer und Pöbler: Unmenschliches Verhalten auf den Straßen nimmt zu

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Gaffer und Pöbler sind in Zeiten von Individualismus und Social Media für viele Einsatzkräfte ein wachsendes Problem. Strafen gibt es zwar, aber am Einsatzort hat die Polizei meistens nicht genügend Leute, um diese auch konsequent durchzusetzen.

Ein Lkw ist in das Stauende aufgefahren, der Fahrer liegt eingeklemmt im Führerhaus. Dort kämpft er um sein Leben. Feuerwehrleute bemühen sich, ihn herauszuschneiden – vorbeifahrende Autofahrer bemühen sich, das beste Video zu machen.

Exakt diesen Ablauf erlebt Lothar Batschauer mittlerweile häufig. Der Leiter der Karlsruher Autobahnpolizei sagt: „Die Leute halten mit ihren Handykameras drauf, da gibt es kein Pardon.“ Auch wenn Batschauer das schon häufig erlebt hat, klingt er fassungslos. „Dort liegt doch ein Mensch.“ Die Einsatzkräfte haben es mit vielen Problemen zu tun, wie auch die jüngsten Unfälle auf Autobahnen in der Region zeigen.

Keine Rettungsgasse, stattdessen Spuckattacken

Bei einem tödlichen Unfall auf der A6 bei Heilbronn bildeten über 100 Fahrer keine Rettungsgasse, ein Lkw-Fahrer bespuckte ein Feuerwehrauto und beschimpfte die Retter. Auch das Problem mit den Gaffern nimmt rasant zu, beobachten viele Einsatzkräfte. Schon vor zwei Jahren waren die Strafen gegen Gaffer vom Gesetzgeber verschärft worden – offenbar ohne ausreichende Wirkung.

Das ist an Respektlosigkeit nicht zu überbieten.

Lothar Batschauer, Leiter der Karlsruher Autobahnpolizei

Noch bevor Batschauer seinen Einsatzbericht in seinem Revier fertig geschrieben hat, kann er auf Online-Portalen Videos davon sehen. Auch sich selbst erkennt er auf vielen Videos: „Wir machen unsere Arbeit und wollen nicht als Laienschauspieler dastehen“, sagt er. Viel mehr stört er sich aber daran, dass hilflose Menschen gefilmt werden. „Möchte ich das mal erleben, wenn mein Kind da hilflos liegt? Das ist an Respektlosigkeit nicht zu überbieten.“

Eine Psychologin erklärt: Warum gaffen wir?

Gaffer sorgen für Staus und Unfälle

Manche beobachten das Unfallgeschehen im Vorbeifahren und verlangsamen so den Verkehr. „Damit vergrößern sie den Stau. In der Regel gibt es auch auf der Gegenspur, wo gar kein Unfall passiert ist, einen Stau.“ Manchmal gibt es wegen der Unachtsamkeit sogar Auffahrunfälle.

Wer fotografiert oder filmt, muss mit einer Strafe von 20 bis 1.000 Euro oder gar mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren rechnen. Das Problem ist die Strafverfolgung. Die Einsatzkräfte müssen den Unfallort absichern und Verletzten helfen. Erst, wenn genügend Polizisten vor Ort sind, können sich diese um Gaffer kümmern. „Die Beweisführung ist nicht einfach“, sagt Batschauer. Es reiche nicht, das Kennzeichen zu notieren, da es um den Fahrer und nicht um den Halter gehe. Man müsse dem Fahrer nachweisen, dass er einen hilflosen Menschen gefilmt hat. Eine Anhaltekontrolle hinter der Unfallstelle wäre die beste Lösung, sagt Batschauer. „Aber da steht in aller Regel nicht ausreichend Personal zur Verfügung.“

Innenminister Strobl sagt der Filmerei den Kampf an

Ab Oktober sollen alle 250 Fahrzeuge der Verkehrspolizei mit Autokameras, sogenannten Dashcams, ausgestattet werden. Innenminister Thomas Strobl (CDU) kündigte an: „Wir werden dann auch in der Breite prüfen, ob sie zur Verfolgung von Gaffern geeignet sind. Der widerwärtigen Filmerei von Leid, Verletzten und Toten möchte ich den Kampf ansagen.“ Die Karlsruher Autobahnpolizei setzt auf Sichtschutzzäune. „Wenn es nichts zu sehen gibt, fahren die Leute weiter“, sagt Leiter Batschauer.

Wir kannten das früher nicht. Da war klar, dass man uns Platz macht.

Notzarzt Christoph Nießner

Von der Polizeiarbeit vor Ort profitieren die Sanitäter, sagt Christoph Nießner. Der leitende Notarzt berichtet: „Wir nehmen Gaffer wahr, aber können uns bei der Anzahl noch glücklich schätzen.“ Nur wenige Male sei es eskaliert. „Dass sich Gaffer aufbauen, uns belästigen, sich kampfbereit zeigen, uns an der Kleidung anpacken.“ Viel häufiger erlebe man es, dass bei Einsätzen gehupt werde, weil das Rettungsfahrzeug die Straße blockiert. „Das ist der Individualismus“, sagt Nießner. „Es geht um die eigene Nase.“ Nach 30 Jahren im Rettungsdienst betont er: „Wir kannten das früher nicht. Da war klar, dass man uns Platz macht.“

Verkehrspsychologin plädiert für Sichtschutzwände

Für die Karlsruher Verkehrspsychologin Yvette Orlowski erklärt sich das Verhalten der Gaffer so: „Neugierverhalten an sich ist normal. Die Menschen schauen, ob es für sie eine Bedrohung gibt.“ Hinzu komme das alte Phänomen der Schaulust. Die habe sich durch soziale Medien noch verschärft. „Dadurch werden die Menschen distanzierter. Für sie geht es darum, möglichst viele Infos und Bilder zu bekommen.“ Die Gaffer seien „nun Regisseur dieser Geschichte“. Eine Erhöhung der Bußgelder würde das Problem nicht lösen, meint Orlowski. „Dann filmen die Menschen heimlich.“ Sichtschutzwände seien da sinnvoller.