Nachtbürgermeister Hendrik Meier unterhält sich während eines Rundgangs durch den Mannheimer Stadtteil Jungbusch mit Rene Gäng, Geschäftsführer der Kurzbar. | Foto: Deck

Seit August im Dienst

Unterwegs mit Mannheims Nachtbürgermeister

Anzeige

Von unserer Mitarbeiterin Julia Giertz

Hendrik Meier ist Deutschlands erster Nachtbürgermeister. Seit Anfang August ist er in Mannheim im Einsatz.

Gelangweilte Kinder fläzen sich auf Bänken einer Mannheimer Kneipe, stören Gäste oder verhindern, dass sie sich niederlassen. „Taproom“-Wirt Ben Vivell wendet sich deswegen an Nachtbürgermeister Hendrik Meier. Deutschlands erster „Night Mayor“ hat prompt eine Idee: Warum nicht die Kinder an einem Tisch beschäftigen, und zwar mit Ausmalbögen und Stiften? Als Meier am Tag nach dem Gespräch auch noch mit den nötigen Utensilien in der Bierbar erscheint, ist die anfängliche Skepsis des Gastronomen verflogen. „Saucool – damit hat er mich eingefangen.“

Vorbilder aus Amsterdam, London und Zürich

Meier ist der erste deutsche Nachtbürgermeister – und in der Funktion auch tagsüber unterwegs, wie das Beispiel zeigt. Vorbilder gibt es in anderen Städten weltweit, etwa in Amsterdam, London oder Zürich. Gespräche mit Clubbetreibern und Wirten werden vom „Night Mayor“ in der Regel allerdings nicht nachts geführt, sondern vorm Eintreffen der Gäste. Auch Anwohner bevorzugen Termine tagsüber. Immer dabei hat Meier eine Kladde, in der er die Probleme seiner Gesprächspartner festhält. In seinem Büro verarbeitet er die Notizen auf dem Computer, so dass er Entwicklungen nachvollziehen kann.

Fokus auf Stadtteil Jungbusch

Seit Anfang August ist er im Einsatz – vor allem im Stadtteil Jungbusch mit Bars, Restaurants und alternativer Kultur. Dort ist der blonde Mann mit Tätowierungen und einem Dutt, der an den isländischen Fußballspieler Rúrik Gíslason erinnert, bereits bekannt wie ein bunter Hund. Die Themen, die ihn beschäftigen: Lärm, Müll, Drogen, Sicherheit, Wildpinkeln. „Ich soll nicht alle Probleme lösen, sondern neutral und sachlich beiden Seiten zuhören und dann vermitteln“, sagt der 27-Jährige, der gerade sein Studium an der Pop-Akademie beendet hat. Nicht nur in der Nachtclubszene, sondern auch bei Polizei und Ordnungsamt hat er seine Fühler ausgestreckt – er ist das Scharnier zwischen allen Beteiligten.

Kommunikation muss stimmen

Gute Kommunikationsfähigkeit ist in dem Job das A und O. Meier beherrscht das bis hin zur Körpersprache. Seine Klientel begrüßt er mit High-Five-Handschlag und kurzer Umarmung. Als Erfolg verbucht er etwa, den Streit zwischen einer feiernden Burschenschaft und lärmgeplagten Anwohnern so geschlichtet zu haben, dass die jungen Männer ihren Nachbarn schließlich eine Flasche Sekt schickten. Meier wurde der Szene nicht einfach vor die Nase gesetzt. Der aus Nürnberg stammende Mann wurde in einer mehrstufigen Wahl mit Bürgerbeteiligung bestimmt (wir berichteten). Anfangs bewarben sich 40 Männer und Frauen um den Job, der auf 50 Stunden im Monat begrenzt ist. „Ich arbeite aber mehr als 20 Stunden pro Woche“, erzählt Meier.

Praktikum in San-Francisco sausen lassen

Sein zweites Standbein ist das Managen von Musik-Veranstaltungen. Ein Praktikum in San Francisco ließ er sausen, um die Stelle anzutreten. Was will Meier erreichen? Sicherheit liegt ihm besonders am Herzen. Die sieht er durch eine große Straße gefährdet, auf der die Autos durch den Jungbusch rasen. Eine Blitzeranlage, so ist er überzeugt, würde den Verkehr entschleunigen. Allerdings kostet die mehr als 20 000 Euro. Auch ein versenkbares Urinal, wie es Meier als Maßnahme gegen Wildpinkeln vorschwebt, ist nicht billig. Stadtsprecher Ralf Walther verspricht zumindest ein offenes Ohr der Verwaltung. Entscheidungen über solche Anschaffungen treffe aber der Gemeinderat.
Zurück zur Sicherh

Erste Erfolge

eit: In Kürze werden auf Meiers Initiative hin sechs Pfand-Getränkekisten im Kiez aufgestellt. Seine Hoffnung: Glasflaschen werden nicht mehr achtlos weggeworfen und womöglich zertreten, so dass sie Menschen gefährden können. Gerade in den zurückliegenden heißen Wochen forcierte Meier die sogenannte Refill-Aktion. Ein blauer Sticker an der Tür einer Bar oder Kneipe zeigt, dass Gäste ihre Flaschen dort kostenlos wieder mit Wasser auffüllen können. Auch das Projekt „Luisa“, das Clubgängerinnen vor Anmache schützen soll, will Meier unterstützen. Der Betreiber der Bar „kurz“, Rene Gäng, freut sich über den „Night Mayor“, den er gerne in Anspruch nehmen möchte. Einerseits gingen Lärmempfindliche schon mal auf die Palme, schildert er. Andererseits wolle er mehr Musikveranstaltungen in seinem Laden organisieren. „Wir sind mit den Problemen alleine gelassen worden“, sagt der 42-Jährige.

Gut angelaufen

Matthias Rauch von der Kulturellen Stadtentwicklung – einer Tochter der Stadt – hat wegen des Nachtbürgermeisters bereits mehrere Anrufe informationshungriger deutscher Städte erhalten. Er empfiehlt das zunächst bis Ende 2019 geplante Projekt weiter. „Es ist sehr gut angelaufen, und ich bin zuversichtlich, dass wir das auch weiterführen werden.“