Kinder suchtkranker Eltern werden Experten zufolge mit ihrem Problem zu oft allein gelassen.

Sucht in der Familie

Verbände: Bessere Hilfe für Kinder suchtkranker Eltern

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Stuttgart (dpa/lsw) – Kinder suchtkranker Eltern werden Experten zufolge mit ihrem Problem zu häufig allein gelassen. Man müsse die Hilfsangebote systematisieren und das Umfeld stärker sensibilisieren, forderte Elke Wallenwein von der Landesstelle für Suchtfragen der Liga der freien Wohlfahrtspflege am Freitag in Stuttgart. Hilfsangebote erreichten die Betroffenen oft nicht. Selbst da, wo die Eltern sich in Behandlung begeben, würden die Kinder nicht immer automatisch unterstützt.

Bundesweit leben nach Schätzungen von Experten mehr als 2,6 Millionen Kinder unter 18 Jahren mit alkoholkranken Eltern zusammen. Vom 10. bis 16. Februar läuft eine bundesweite Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien. Allein in Baden-Württemberg seien schätzungsweise 150 000 Kinder unter 15 Jahren betroffen, das sei jedes siebte Kind, sagte Wallenwein. Bei den Suchtberatungsstellen im Land seien rund 7000 bis 8000 Kinder aktenkundig. «Das ist nur die Spitze des Eisbergs.» 15,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen seien zumindest zeitweise von einer Alkoholstörung der Eltern betroffen. Ein Drittel der Kinder mit Sucht in der Familie entwickle später selbst eine Abhängigkeit, ein Drittel psychische oder soziale Störungen.

Jugendhilfe und Suchthilfe müssten enger zusammenrücken, forderte die Referentin für Suchtprävention der Landesstelle, Christa Niemeier. Die Suchtberatungsstelle müsse automatisch immer mit einbezogen werden. Nicht nur Familienmitglieder, Freunde oder Nachbarn schauen weg, sondern auch professionelle Helfer übersehen Suchtprobleme häufig, wie die Liga mitteilte.

Sucht sei nach wie vor ein Tabuthema, sagte Wallenwein. Selbst Erzieher und Lehrer hätten oft Scheu, Probleme zu sehen und anzugehen, selbst wenn die Belastung der Kinder sehr deutlich sei. Wissen und Sicherheit im Umgang mit dem Problem fehle.

Sabine Sturm berichtete als Psychologin in der Sucht-Fachklinik Haus Kraichtalblick von den teils erheblichen Belastungen der Kinder. «Jede Mutter will eine gute Mutter sein, aber Sucht bringt solche Wechsel in der Stimmung mit sich, dass sich das auf die Kinder auswirkt.» Die Folge laut Sturm: Die Kinder übernehmen oft viel zu früh Verantwortung und scheitern damit. Die Suchtkrankheit der Eltern sei mit Stigmatisierung und Isolation verbunden. Die Arbeit mit den sogenannten Begleitkindern einer Reha-Maßnahme werde bis heute nicht von den Kostenträgern finanziert.

Die Wohlfahrtsverbände kritisierten auch, dass bisher erst ein Anspruch auf Jugendhilfe existiere, wenn Kinder Auffälligkeiten zeigten. Kindern müsse aber bereits vorher geholfen werden – eben sobald es ein Suchtproblem in der Familie gebe. Die Gesellschaft habe eine Verantwortung, Hilfsangebote flächendeckend zur Verfügung zu stellen.