Das Trinkwasser ist im Land von hoher Qualität. Im Grundwasser allerdings finden sich oft Pflanzenschutzmittel, die aufwendig beseitigt werden müssen. | Foto: Oliver Berg

Glyphosat weit verbreitet

Experten warnen: Zu viel Pflanzenschutzmitttel im Wasser in Baden-Württemberg

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Zu viele Landwirte im Südwesten setzen noch immer auf chemische Pflanzenschutzmittel. Dieser Ansicht ist jedenfalls Frieder Haakh, Geschäftsführer des Zweckverbands Landeswasserversorgung. Er fordert, dass das Land Baden-Württemberg mehr durchgreift und Verbote durchsetzt.

In über 60 Prozent der baden-württembergischen Wasserschutzgebiete finden sich entsprechende chemische Verunreinigungen, mitunter ist es ein Cocktail der unterschiedlichsten Wirkstoffe. Selbst das 1991 verbotene Herbizid Atrazin ist noch in 2,1 Prozent aller untersuchten Messstellen nachweisbar. Insgesamt haben die Wasserexperten 47 verschiedene Wirkstoffe von Pflanzenschutzmitteln nachgewiesen. Elf von zwölf Wasserproben aus der Donau enthielten Glyphosat.

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Landwirtschaft spritzt häufiger als erlaubt

Torsten Höck, Chef des Verbandes für Energie- und Wasserwirtschaft Baden-Württemberg, spricht von einer „konkreten Bedrohung der Ressource Wasser“. Zumindest steige im Zweifelsfall der Aufwand für die Behandlung des kontaminierten Grundwassers. Und Johann-Martin Rogg, Vorsitzender des Beirats Grundwasserdatenbank, berichtet, dass an 5,3 Prozent der Messstellen die einschlägigen Grenzwerte überschritten worden seien. Aus Sicht der Experten werden beim Landbau im Südwesten vielfach EU-Vorgaben missachtet.

Gemäß den entsprechenden Normen hat nämlich so-genannter integrierter Pflanzenschutz Vorfahrt. Bevor in Wasserschutzgebieten also chemische Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden können, müssen andere Optionen ausgeschöpft sein.

Aber die Landwirtschaft greift von vornherein zur Spritze

Chef des Zweckverbands Frieder Haakh.

Ist Baden-Württemberg nicht konsequent genug?

Ein schlechtes Zeugnis stellt er dafür der Landesregierung aus. Sie verfolge den Weg einer ökologischen Landwirtschaft nicht mit der nötigen Konsequenz. Zudem habe das Land offenkundig keine Ahnung, wieviel chemische Pflanzenschutzmittel zwischen Wertheim und Waldshut gespritzt würden.

Die durch übermäßigen Chemie-Einsatz entstehenden Kosten für die Aufbereitung des Wassers gingen zulasten der Allgemeinheit und würden nicht von den Verursachern getragen, kritisiert der Zweckverband.

Der Verband für Energie- und Wasserwirtschaft fordert zur Entschärfung der Lage gezielte Kontrollen der Bestände von chemischen Pflanzenschutzmitteln bei den Landwirten sowie Auflagen bei Lagerung und Anwendung der Pestizide. Generell verboten werden sollten die noch jungen Wirkstoffe Metolachlor, Metazachlor und Metalaxyl. Sie würden ansonsten in der Zukunft zum Problem.

Zweckverband fordert Chemie-Verbot in Wasserschutzgebieten

Generell sollten bereits stark betroffene Wasserschutzgebiete nach EU-Recht als sensible Gebiete ausgewiesen werden, regen der Zweckverband, der Verband für Energie- und Wasserwirtschaft sowie der BUND an. In solchen sensiblen Gebieten müsse der chemische Pflanzenschutz durch die vorsorgenden Maßnahmen des sogenannten integrierten Pflanzenschutzes ersetzt werden. Unkraut müsste dann im Zweifel mechanisch anstatt chemisch beseitigt werden.

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Eine Schlüsselfunktion im Kampf gegen Chemie im Grundwasser kommt nach Ansicht der Verbände Fördermaßnahmen zur Betriebsumstellung auf ökologische Landwirtschaft zu. Damit könne zugleich etwas für mehr Artenschutz und Biodiversität getan werden, heißt es.

In Baden-Württemberg werden jährlich rund 680 Millionen Kubikmeter Trinkwasser gewonnen, davon stammen rund 70 Prozent aus Grund- und Quellwasser. Laut der in Karlsruhe ansässigen Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) gibt es im Südwesten 2554 Wasserschutzgebiete.

Probleme beim Grundwasser sind seit Ende der 1970er Jahre bekannt. Sowohl für Nitrat als auch für Pestizide gibt es in der Trinkwasserverordnung Grenzwerte, die die Wasserversorger einhalten müssen. Technisch ist die entsprechende Behandlung nach Expertenmeinung kein Problem, je nach Aufwand variieren allerdings die Kosten. Die Rede ist von bis zu einem Euro je 1000 Liter. Nach Schätzungen des Verbands für Energie- und Wasserwirtschaft verspritzen die Landwirte jährlich etwa 700 Tonnen Pflanzenschutzmittel über den Trinkwasservorräten im Land.

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