Volker Jenderny vom Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein ist ein begeisterter Dampflokfan und einer der "Jäger der versunkenen Lok".
Volker Jenderny vom Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein ist ein begeisterter Dampflokfan und einer der "Jäger der versunkenen Lok". | Foto: Bernd Kamleitner

Lokjäger Volker Jenderny

Versunkene Lok im Rhein: Es hat nur einmal nicht funktioniert

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Er ist ein leidenschaftlicher Dampflokfan und einer der vier Männer, die seit Jahrzehnten unermüdlich nach der im Februar 1852 im Rhein bei Germersheim und Philippsburg-Rheinsheim versunkenen Dampflok forschen: Volker Jenderny ist zudem einer der tatkräftigen Mitarbeiter im Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein. Dort sollt die Lok „Rhein“ nach der geplanten Bergung am 21. Oktober 2018 später ausgestellt werden. Mit Jenderny, der Dampfloks auch fahren darf und das bei Sonderfahrten mit Begeisterung tut, sprach BNN-Redakteur Bernd Kamleitner.

Die im Februar 1852 im Rhein bei Germersheim versunkene Lok könnte so ausgesehen haben. Das Foto zeigt ein Modell im Maßstab 1.:10 der in Karlsruhe gebauten Lok.
Die im Februar 1852 im Rhein bei Germersheim versunkene Lok könnte so ausgesehen haben. Das Foto zeigt ein Modell im Maßstab 1.:10 der in Karlsruhe gebauten Lok. | Foto: Bernd Kamleitner

Wie war ihr erster persönlicher Kontakt zu Horst Müller, einem der Initiatoren bei der Loksuche?

Jenderny: Das war telefonisch. Wir hatten uns zu einer Messexpedition vor Ort am Rhein verabredet. Er aus Cochem, Professor Bernhard Forkmann aus Sachsen und ich aus Mainz, das war immer eine Sternfahrt nach Germersheim. Zu diesem Termin mussten dann auch alle Messgeräte verfügbar sein und Genehmigungen von Behörden vorliegen.

Manchmal hat der Rhein nicht mitgespielt

Manchmal hat dann der Rhein nicht mitgespielt und zu viel Wasser geführt oder zu wenig, je nachdem, was wir vorhatten. In den Anfangsjahren gab es noch eine Furt, so dass wir mit Fahrzeugen nahe an unsere Arbeitsstelle fahren konnten. Später hat sich der Rhein bei mehreren Hochwassern diese Furt zurückgeholt, so dass wir nur noch mit dem Boot über den Rhein an unsere Arbeitsstelle gelangen konnten.

Was hat den Durchbruch bei der Suche über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg gebracht?

Jenderny: Wir haben jahrelang an Land nach der Lok gesucht. Erst Nachforschungen von Horst Müller in Archiven haben uns Ostern und Weihnachten an einem Tag beschert, wie er es genannt hat. Diese Unterlagen und die zweite Schatzkarte, die er danach zeichnete, haben uns an die entsprechende Fundstelle gelotst. Schon die erste Übersichtsmessung, die wir dort im Wasser im Bereich der Buhnen durchgeführt haben, hat genau den Treffer gebracht.

Volker Jenderny vor dem Lokschuppen im Eisenbahnmuseum in Darmstadt-Kranichstein.
Volker Jenderny vor dem Lokschuppen im Eisenbahnmuseum in Darmstadt-Kranichstein. | Foto: Bernd Kamleitner

Natürlich haben wir dieses Ergebnis mehrfach verifiziert durch weitere Messungen – entweder vom Boot aus oder wir haben Niedrigwasser abgewartet und sind auf der Buhne bis vorne hin gelaufen, um Messungen vorzunehmen. Alle Ergebnisse führten letztendlich immer wieder zu diesem einen Punkt, an dem wir immer den Gegenstand mit dem gleichen magnetischen Fußabdruck geortet haben. Einen Fußabdruck, wie ihn auch unsere Lok abgeben würde.

Die versunkene Lok soll rund 50 Meter vom rheinland-pfälzischen Ufer unter Buhne 527 in Höhe von Germersheim und Philippsburg-Rheinsheim im Rhein liegen…

Jenderny: Genau die ist es – diese Buhnen sind erst nach dem Zeiten Weltkrieg errichtet worden, um dem Rhein in dieser Biegung etwas von seiner Strömung zu nehmen. Der Rhein fließt dort sehr schnell und ist rund 4,50 Meter tief.

Die Rhein liegt fünf Meter unter der Rheinsohle

Die Lok selbst haben wir fünf Meter unter der Rheinsohle geortet. Zur Unfallzeit 1852 war der Rhein an der Stelle etwa 400 Meter breit, also doppelt so breit wie heute. Durch die Rheinbegradigung durch Tulla hat der Fluss später sein heutiges Bett bekommen. Damals ist die Lok bei einer Wassertiefe von rund 9,5 Metern im Schlick versunken, deshalb liegt sie auch so tief unter dem Rheingrund.

Wie kam denn die Lok aus der Maschinenfabrik Kessler in Karlsruhe ans Rheinufer bei Leopoldshafen?

Jenderny: Die Lokfabrik in Karlsruhe hatte noch keinen eigenen Gleisanschluss. Die Loks wurden auf speziell dafür gebauten niedrigen Schwerlastfahrzeugen mit etlichen Pferden zum Hafen gebracht. Karlsruhe war damals auch noch nicht von allen Seiten ans öffentliche Eisenbahnnetz angeschlossen.

Die Lokfabrik hatte 1852 noch keinen eigenen Gleisanschluss

Zum Beispiel nach Norden Richtung Mainz gab es noch keine Verbindung. Von Karlsruhe aus wurden daher etwa 50 Loks mit dem Schiff transportiert. Das war damals das Transportmittel der Wahl für solche schweren Lasten. Es hat nur einmal nicht funktioniert. Ein anderer Fall, dass eine Lok in den Fluss stürzte, ist uns in Deutschland nicht bekannt.

An der Küste Großbritanniens soll mal ein Schiff mit Lokomotiven gesunken sein…

Jenderny: Das war an der Westküste Großbritanniens. An die Stelle kommt man nur an ein zwei Tagen im Jahr hin, weil ansonsten die Brandung zu stark ist. Was man aber da aus dem Salzwasser bergen konnte, das war vom Zustand her relativ gut, wobei diese Fahrzeuge auch nicht so lange unter Wasser lagen. Deswegen schließen wir, dass unsere Lokomotive vom Zustand her relativ gut erhalten ist.

Sie ist ja noch keinen Meter gefahren

Nach den Bergungsversuchen unmittelbar nach dem Unfall ist sie relativ schnell vom Rhein mit Geschiebe und Sandgemisch und Sediment überdeckt worden. Ich sage mal: Der Lack ist wohl ab, wenn wir sie rausholen, aber es ist noch Garantie drauf: Sie ist ja keinen Meter gefahren.

Der Fundort wurde erstmals in Karlsruhe bei einer Veranstaltung einer Gruppe des Verbandes der Ingenieure am 11. März 2014 öffentlich gemacht. Warum haben sie so lange dicht gehalten?

Jenderny: In Eisenbahnkreisen sickerte es schon durch, aber unser Wissenschaftler wollte erst seine Arbeit machen und mit einem vorzeigbaren Ergebnis an die Presse gehen. Als mir Professor Forkmann eines Tages sagte, jetzt können wir an die Öffentlichkeit gehen, da war ich mir sicher, dass wir sie gefunden haben. Schon damals waren viele Leute da, die sich für diese Geschichten interessierten.

Viele drücken uns die Daumen, dass die Bergung gelingt

Es waren an die 200 Besucher. Das Interesse ist bis heute ungebrochen. Viele Leute haben inzwischen von der Geschichte gehört und drücken uns die Daumen, dass die Bergung am 21. Oktober gelingt.

Bis dahin wird noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen. Wo soll die Lok restauriert werden – im Museum in Darmstadt-Kranichstein?

Jenderny: Ja, nach der Bergung wird sie nach Darmstadt-Kranichstein gebracht und aufgestellt. Dann ist es unsere Aufgabe, sie zu bewahren und weiteren Verfall zu verhindern. Da werden wir uns noch mit dem Eigentümer, dem Land Rheinland-Pfalz, abstimmen, genau mit der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz.

Hier soll die versunkene Lok Rhein mal ausgestellt werden. Wie genau, das ist im Eisenbahmuseum in Darmstadt-Kranichstein noch nicht abschließend entschieden.
Hier soll die versunkene Lok Rhein mal ausgestellt werden. Wie genau, das ist im Eisenbahmuseum in Darmstadt-Kranichstein noch nicht abschließend entschieden. | Foto: Bernd Kamleitner

Mit denen müssen wir beraten, was mit der Lok passiert, wenn sie aus dem Wasser kommt. Ich möchte da Plan A, B oder C parat haben – je nachdem, was wir vorfinden. Das wird man erst sehen, wenn die Lok am Haken hängt.

Welche Möglichkeiten sind denkbar?

Jenderny: Sie kann so aufbewahrt und konserviert werden, wie sie aus dem Wasser kommt. Sie könnte auch vorsichtig restauriert werden. Das sind aber im Moment noch Spekulationen.

Volker Jenderny (links) und Horst Müller, pensionierter Lokführer - zwei "Jäger der versunkenen Lok" in historischen Eisenbahneruniformen.
Volker Jenderny (links) und Horst Müller, pensionierter Lokführer – zwei „Jäger der versunkenen Lok“ in historischen Eisenbahneruniformen. | Foto: Bernd Kamleitner

Was würden Sie sich wünschen?

Jenderny: Eigentlich ist die Lok ein Stück technische Industriekultur und das müsste man so bewahren, wie es als Fund aus dem Boden kommt. Also den weiteren Verfall verhindern und den Zustand konservieren – so wie er ist. Wenn man eine Lokomotive haben möchte, die bunt angestrichen ist, dann sollte man das vielleicht mit einem Nachbau tun. Der könnte dann die Lok im fabrikneuen Zustand darstellen. Das ist aber für uns im Moment noch sehr weit weg. Derzeit sind wir mit der Bergung und der Überführung ins Museum ausgelastet.

Einzigartig ist die Uniformsammlung im Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein. Dazwischen steht Volker Jenderny.
Einzigartig ist die Uniformsammlung im Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein. Dazwischen steht
Volker Jenderny.
| Foto: Bernd Kamleitner

Gibt es schon einen Platz, an dem sie im Museum gezeigt werden soll?

Jenderny: Eine Halle haben wir im Moment noch nicht dafür. Das hängt alles noch von den Abstimmungen ab. Die Lok ist ja nicht mehr rollfähig, also wir können sie nicht auf ein Gleis setzen und hin- und her- oder in den Lokschuppen fahren. Sie wird mit dem Kran auf einen Platz gestellt werden.

Fahrtüchtig wird sie auf keinen Fall werden

Wir brauchen eine Stelle, an der wir sie präsentieren können, aber wir müssen auch Arbeiten an ihr ausführen können. Eventuell bauen wir eine Art Carport darüber oder sie muss komplett eingehaust werden. Vielleicht muss sie sogar klimatisiert werden. Fahrtüchtig wird sie auf keinen Fall werden.