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Weniger arbeiten, Klima schützen und die Freizeit genießen. (Symbolbild) | Foto: ©opolja - stock-adobe.com

BNN-Interview

Warum wir weniger arbeiten sollten, um das Klima zu schützen

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Ein Karlsruher Doktorand fordert in einer aktuellen Studie, dass Menschen weniger arbeiten sollen, um das Klima zu schützen. Drei Länder betrachtet er in einer Zusammenarbeit mit der englischen Denkfabrik Autonomy und kommt zu dem Ergebnis, dass es das beste wäre, wenn die Deutschen nur noch sechs Stunden pro Woche arbeiten würden.

BNN-Redaktionsmitglied Tanja Starck hat mit Philipp Frey, der am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zum Thema „Wie man als Gesellschaft mit der zunehmenden Automatisierung von Arbeit und der damit verbundenen Produktivitätssteigerung umgeht“ promoviert, gesprochen.

Beschreiben Sie einmal, was aus ihrer Studie hervorgeht und was genau Sie untersucht haben.

Frey: Ich habe zunächst berechnet, wieviel CO2-Ausstoß man sich pro Kopf und pro Jahr leisten kann, um die Klimaerwärmung unter zwei Grad zu halten. Dafür habe ich zwei Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ins Verhältnis gesetzt: Die Produktivität einer Volkswirtschaft, also wieviel Wert des Bruttoinlandsprodukts pro Stunde Arbeit geschöpft wird, sowie die Kohlenstoff-Intensität, also wieviel Kilogramm CO2 ausgestoßen wird pro 1 000 Euro Bruttoinlandsprodukt.

Philipp Frey Doktorand am KIT.
Philipp Frey Doktorand am KIT. | Foto: Privat

Das klingt fruchtbar kompliziert, was kommt dabei heraus?

Frey: Zunächst einmal nur abstrakte Zahlen. Deshalb habe ich einen Wert gesucht, mit dem die meisten Menschen etwas anfangen können. Und so kam ich auf die Frage, wieviel Arbeit ökologisch ausgehend vom heutigen Niveau der Kohlenstoff-Intensität noch nachhaltig wäre. Das Ergebnis ist dann, dass man in Deutschland noch sechs Stunden pro Woche arbeiten dürfte. In Schweden wären es zwölf, in Großbritannien neun Stunden.

Sechs Stunden pro Woche? Das klingt aber nicht besonders realistisch.

Frey: Ja, das hätte weitreichende Konsequenzen. Der gesellschaftliche Reichtum würde auf etwa ein Drittel schrumpfen. Deshalb betone ich in meiner Studie auch, dass es natürlich zu eindimensional gedacht ist, einfach nur die Arbeitszeit zu verkürzen. Aber meine Untersuchung ist vor allem auch ein Beitrag, um den Zusammenhang von Arbeitszeiten und CO2-Emissionen auch in Deutschland auf die Tagesordnung zu heben. Wenn wir auf eine nachhaltigere Wirtschaft umsteigen wollen, müssen wir uns auch mit der Reduzierung der Arbeitszeit für alle Arbeitnehmer befassen. In Großbritannien ist man da zum Beispiel schon viel weiter. Dort gibt es seit Jahren eine intensive Debatte, wie eine zukunftsfähige Wirtschaft aussehen könnte. In diesem Kontext wird auch über die Vier-Tage-Woche nachgedacht.

Ihre Studie hat eine große Resonanz erfahren, haben Sie mit diesem Feedback gerechnet?

Frey: Wir hatten eine Exklusiveröffentlichung im Guardian und dadurch schon erwartet, dass es ein bisschen aufgegriffen wird. Aber speziell die Berichterstattung in den Boulevard-Medien war dann doch sehr überraschend. Wie die Titelstory im Daily Star, da dachten wir sogar, es will uns jemand einen Streich spielen. (lacht)

Twitter war auch sonst echt spannend, weil sehr prominente Figuren, wie Naomi Klein, eine bekannte kanadische Journalistin und Globalisierungskritikerin, oder der niederländische Autor Rutger Bregman, der mit einer Wutrede in Davos einige Bekanntheit erlangte, es an ihre zusammen fast eine Million Follower retweetet haben.

Was für die Öffentlichkeitswahrnehmung von so einer Studie ein Riesenvorteil ist. Ich bin froh, dadurch  einen Beitrag geleistet zu haben, dass das Thema auf die Tagesordnung kommt.

Können Sie sich selbst vorstellen, in Teilzeit zu arbeiten, oder ist das in der Wissenschaft ein Tabu?

Frey: Das werde ich sehen, wenn eine mögliche Perspektive an meinem Institut nach meinem jetzigen Stipendium ein Thema wird. Ich würde gerne nur vier Tage arbeiten. Auch in der Wissenschaft ist Teilzeit weit verbreitet, aus verschiedener Motivation heraus. Man ist da kein Paradiesvogel, wenn man 80 Prozent arbeiten will, so wie ich es mir vorstellen kann.