Vollzeit-Papa: Die Zahl der Männer, die Elterngeld beanspruchen, steigt. Dennoch bleibt der Großteil der Männer maximal zwei Monate daheim. Nach der Geburt von Kindern machen meist die Mütter eine längere Pause vom Job. | Foto: dpa

Familie

Wickeltisch statt Karrieresprung? Männer können Elternzeit oft schwer durchsetzen

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Zum Vatertag, so sagt es zumindest das Klischee, spannt Mann sich vor den mit Bier beladenen Bollerwagen und feiert. Mit Verantwortung hat das wenig zu tun. Dabei übernehmen genau die in Deutschland immer mehr Väter: Die Zahl der Männer, die Elterngeld beantragen, steigt. Jeder dritte Vater nimmt Elternzeit. Hat sich das Blatt in Sachen Betreuung also gedreht?

Dominik Bär ist im dritten Jahr seiner Elternzeit. In Deutschland ist das ungewöhnlich lange. Seine Söhne sind 2,5 Jahre und zwei Monate alt. Die Betreuung teilt sich der Heidelberger mit seiner Frau Anna, er tröstet, wickelt, erzieht, kauft ein, schmeißt den Haushalt. Damit ist der 31-Jährige etwas Besonderes. 60 Prozent der Eltern mit Kindern unter drei Jahren fänden es dem Väterreport des Bundesfamilienministeriums (2018) zufolge ideal, wenn sich beide Partner gleichermaßen einbringen könnten. Verwirklicht wird so ein Modell jedoch nur von 14 Prozent der Eltern. Die meisten Männer nehmen lediglich zwei Monate Elternzeit.

Große Sprünge kaum möglich

Für Bär und seine Frau kam das nie in Frage. Dafür muss die Familie Abstriche machen: „Es reicht einigermaßen zum Leben und zum Essen“, sagt er und lacht. Große Sprünge könne die Familie aber nicht machen. Leisten kann sie sich die gleichberechtigte Aufteilung auch nur, weil beide einen Nebenverdienst haben. Bär ist Musiker, seine Frau Anna macht abstrakte Kunst. Vor der Elternzeit waren beide Lehrer.

Negative Reaktionen der Chefs

Auch wenn es sie gibt, die Ausnahmen – ein großer Durchbruch in Sachen Gleichberechtigung ist bei der Elternzeit nicht in Sicht, sagt die Wirtschaftspsychologin Kristin Pogorzelski. Schuld sind daran aber oft nicht die Väter selbst. Pogorzelski hat sich in einer qualitativen Studie mit dem Thema auseinandergesetzt. Befragt hat die 27-Jährige etwa Ärzte, Sozialarbeiter, Piloten, IT-Spezialisten – sowohl mit Mitarbeiterverantwortung als auch ohne. Alle nahmen mindestens zwei und maximal elf Monate Elternzeit. Pogorzelskis Erfahrung: Dass viele Väter kaum oder gar keine Elternzeit nehmen, obwohl sie einen gesetzlichen Anspruch haben, ist eng verknüpft mit negativen Reaktionen der Chefs. „Wenn Sie das machen, müssen Sie gar nicht wiederkommen. Dass ihre Stelle dann noch da ist, kann ich nicht garantieren.“ Sätze, die Pogorzelski in ihren Gesprächen zuhauf gehört hat. Oft seien solche Aussagen leere, aber wirksame Drohungen. Abgesehen davon, dass solch ein Verhalten unsozial und unsympathisch sei, schade es dem Arbeitgeber. Denn Unternehmen profitieren, wenn sie die Elternzeit von Müttern wie Vätern unterstützen: Sie erhalten Loyalität.

Ich habe mich schon gefragt, ob ich das überhaupt machen kann

In seinem Fall hätten Schuldirektor und Kollegen zwar überrascht, aber positiv reagiert, erinnert sich Bär. Dennoch sei er mehrmals gefragt worden, ob er nicht zumindest in Teilzeit an der Schule bleiben wolle. Seiner Frau sei das nicht passiert. „Ich habe mich schon gefragt, ob ich das überhaupt machen kann – aus Verantwortungsgefühl gegenüber meinen Kollegen und Schülern. Die Frage stellt man sich einfach, wenn man seinen Job gut machen will.“

Gesellschaftliches Problem

Dass tendenziell mehr Männer Elternzeit nehmen möchten, befürwortet auch Volker Baisch. Der zweifache Familienvater gründete die „Väter gGmbH“. Die Unternehmensberatung mit Sitz in Hamburg hilft Arbeitgebern, Lösungen für Väter zu finden, damit der Wunsch der Väter öfter Realität wird – und Karrierechancen nicht erstickt werden. Er schult in Workshops vor allem Führungskräfte. Junge Paare seien heutzutage meist gleich gut ausgebildet. „Warum soll dann nur die Frau zuhause bleiben? Führungskräfte müssen auf Stereotype sensibilisiert werden.“ Dennoch sagt auch Baisch: Dass viele Väter nur kurz in Elternzeit gingen, sei vorrangig noch immer ein gesellschaftliches Problem. „Vätermonate sind kein Garant für Chancengleichheit.“ Nur weil die rechtliche Grundlage geschaffen sei, lösten sich starre Rollenbilder nicht in Luft auf. „Was Mütter die letzten zehn, 20 Jahre erlebt haben, das erleben jetzt die Männer“, sagt Baisch.

„Spitzenvater des Jahres“ sorgt für Diskussionsstoff

Generell birgt das Thema gesellschaftlichen Zündstoff. Dass etwa der Mann der angehenden Astronautin Insa Thiele-Eich Anfang diesen Jahres mit der Auszeichnung „Spitzenvater des Jahres“ bedacht wurde, weil er ein Jahr Elternzeit genommen hatte, sorgte in den sozialen Medien für Eskalationen. Die Quintessenz: Warum erhält ein Mann 5 000 Euro Preisgeld, weil er tut, was Mütter schon immer tun? „Die Belastung für die Väter ist nicht zu unterschätzen“, sagt Pogorzelski, die sich in mehr Unternehmen Väterbeauftragte wünscht. „Die Aufteilung muss erst einmal ins Gleichgewicht kommen, dann tut das auch etwas für die Emanzipation. Dass statt Frauen Männer diskriminiert werden, ist sicher keine Lösung.“ Dazu komme, dass Männer auch von Kollegen oft belächelt werden, wenn sie die Hauptlast der Erziehung für eine Zeit schultern. Dabei sei die Zeit zuhause auch ein harter Job. Auch Bär kennt das: „Du kommst manchmal zu gar nichts, das kann frustrierend sein.“

Blicke der Mütter auf dem Spielplatz

Sitzt der Familienvater auf dem Spielplatz, spürt er bisweilen die Blicke der anderen – der Mütter könnte man sagen. Andere Väter trifft er dort selten an. Ihn stört das nicht. Dass im ersten Jahr oft die Mutter zuhause bleibt, hat auch eine biologische Komponente, wie er betont – wenn die Frau stillt. „Allerdings gibt es auch hierfür Lösungen“, sagt Bär. Seine Frau pumpt die Muttermilch ab. „So kann ich mich auch jetzt schon einen ganzen Tag um beide Kinder kümmern. Aber man muss schon gut organisiert sein.“

Geteiltes Model bringt Vorteile

Richtig oder falsch, das gibt es in Sachen Elternzeit in seinen Augen letztlich nicht. Dafür seien Familienmodelle zu unterschiedlich. „Ich persönlich hoffe aber, dass meine Kinder von der Zeit mit uns beiden profitieren. Dass sie selbstständige und selbstsichere Menschen werden.“ Auch der Beziehung tue das 50:50-Modell gut: „Meine Frau dankt mir immer wieder, dass wir so entschieden haben, owohl es hierzulande nicht selbstverständlich ist.“