Stefanies Streifzüge
„Alles künstlich“, sagt Werner Sachsenmaier und meint die vermeintlichen Berge auf der Freilichtbühne in Ötigheim. Die bestehen nicht aus Gestein, sondern aus Holz, Ziegeldraht und Farbe. | Foto: Stefanie Ender

Stefanies Streifzüge

Zwischen Schein und Sein um Ötigheim

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Die gebürtige Oberlausitzerin Stefanie Ender kennt Göttingen, Dresden und Mailand. Dort hat sie studiert. Sie kennt Hamburg, wo sie zuletzt gearbeitet hat. Seit 1. August ist die junge Frau nun Volontärin der BNN. Damit sie auch Baden kennenlernt, haben wir sie auf eine Sommertour geschickt. Vom Kloster Waghäusel zum Karlsruher Grat. Siebte Etappe: Von Ötigheim nach Seltz.

Zwischen unechten Bergen und Burgen startet mein siebter Streifzug durch das badische Land. Ich stehe auf Deutschlands größter Freilichtbühne in Ötigheim. Hier wird mit Schein und Sein gespielt. Die ehemalige Kiesgrube wurde vor mehr als 100 Jahren als Theater ausgebaut. Zweifelsohne real ist die Landschaftskulisse um den kleinen Ort Ötigheim. Von hier wandere ich durch die Rheinaue bis ins französische Seltz und hoffe, dort Schnecken zu probieren. Eine echte elsässische Spezialität.

„Alles künstlich“, sagt Werner Sachsenmaier, ehemaliger geschäftsführender Vorstand der Ötigheimer Volksschauspiele. Er klopft auf die vermeintlichen Berge am Rande der aktuell aufgebauten Bühnenkulisse. Sie klingen hohl, obwohl sie selbst aus der Nähe täuschend echt aussehen. „Eigentlich sind diese Berge Holzkonstruktionen, die mit Ziegeldraht und Farbe ihre Form bekommen haben“, erklärt der 73-jährige Hobbyschauspieler.

Seit 62 Jahren steht er bei den Volksschauspielen in Ötigheim auf der Bühne. In dieser Saison, die Sonntag endet, spielt er in „Im Namen der Rose“ mit. So kennt sich der Rentner bestens auf der gigantischen Bühne aus.

Wahrhaftig 175 Meter breit, 60 Meter tief und 20 Meter hoch ist die Bühne, auf der neben künstlichen Bergen auch Häuserkulissen und ein Teich aufgebaut sind. „Die Bäume sind echt. Darauf achten wir“, erklärt er weiter. So gibt der Verein jedes Jahr einige Tausend Euro aus, um aufzuforsten und den Baumbestand von einem professionellen Baumpfleger schneiden zu lassen.

Werner Sachsenmaier führt mich hinter die Kulissen und erklärt, wie diese gebaut sind, damit sie vom Zuschauerraum aus echt aussehen. Mir beginnt der Kopf zu schwirren. Der kleine Weg, der zu den Bergen führt, ist eigentlich eine bewegliche Brücke über einem Teich. Die wird verschoben, wenn ein Theaterstück einen größeren Teich als Bühnenbild braucht. Ansonsten sieht der Teich, so wie jetzt, wie ein Bergbächlein im Hintergrund aus. „Unfassbar, wie hier mit den Sinnen gespielt wird“, denke ich und versuche mir vorzustellen, dass hier früher eigentlich nach Kies gegraben wurde, bevor die Ötigheimer die Theaterlust packte. Das übersteigt nun wahrlich meine Vorstellungskraft.

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Ein Blick hinter die Kulissen des Ötigheimer Freilichttheaters überrascht und zeigt, wie hier mit den Sinnen gespielt wird. | Foto: Stefanie Ender

„Vor etwa 100 Jahren rief der katholische Pfarrer des Ortes, Joseph Saier, die Volksschauspiele ins Leben“, beginnt Sachsenmaier von der Geschichte der hiesigen Schauspielerei zu erzählen. Seit 1906 spielen vor allem viele Laienschauspieler aus Ötigheim mit. Etwa 700 Ötigheimer halfen in diesem Jahr mit, darunter bis zu 500, die als Schauspieler oder Statisten auf der Bühne standen. „Es ist wie ein Bazillus. Wer einmal infiziert ist, will weitermachen“, sagt Sachsenmaier schmunzelnd. Er selbst hatte sein erstes Lampenfieber als elfjähriger Junge. Genau hinter dieser Bühne.

An einer guten Gage kann das nicht liegen. Etwa zehn Euro bekommen die Darsteller für einen Spieltag, zwei Euro für eine Probe. „Nein, die Lust am Inszenieren muss quasi eine echte Ötigheimer Spezialität sein“, vermute ich vage. Zögerlich beschließe ich, die Ötigheimer Freilichtbühne zu verlassen und die Umgebung zu erkunden. Auch, um wieder „echten“ Boden unter die Füße zu bekommen.

Entlang der viel befahrenen Landstraße laufe ich über Steinmauern nach Plittersdorf. Eine übermannshohe Holzfigur auf einem Floß erinnert hier an die Murgschiffer. Die schipperten auf Flößen schon im späten Mittelalter Holz aus dem Schwarzwald über die Murg in den Rhein und von dort bis in die Niederlande.
Flach ziehen hier in der Rastatter Rheinaue die Felder und Wiesen an mir vorbei. Eine milde Brise weht, je näher ich dem Rhein komme. Hin und wieder sind Fischreiher, Schmetterlinge und Bienen zu sehen. Viele Fahrradfahrer sind in Richtung der Plittersdorfer Rheinfähre unterwegs.

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Mit der Fähre ist der Rhein und die deutsch-französische Grenze bei Plittersdorf schnell und mit angenehmer Brise überquert. | Foto: Stefanie Ender

Mit dieser setze auch ich direkt nach Frankreich über. An diesem warmen Tag sind viele Jugendliche mit Badesachen unter dem Arm unterwegs. Ich werde hier am anderen Rheinufer strahlend mit „Bonjour“ begrüßt, auch von den deutsch sprechenden Spaziergängern. Echte elsässische Spezialitäten, wie Flammkuchen oder Gerichte mit Schnecken, locken mich in die kleine französische Gemeinde Seltz. Hungrig laufe ich etwa eine Stunde durch das verlassen wirkende Seltz. Ein Restaurant bietet Flammkuchen an, lese ich an einem Werbeschild.

In freudiger Erwartung, nun endlich echt elsässisch speisen zu können, drücke ich auf die Klinke des Gasthauses. Nichts rührt sich. „Fermé“, zu deutsch geschlossen, ruft jemand aus der Ferne. Das Wirtshaus mache eine Art Siesta. Ich solle später wieder kommen, meint der freundliche Seltzer, der auf mich zu- kommt: „So verlassen, wie es jetzt aussieht, ist es am Nachmittag nicht. Das echte Seltz sehen Sie nur dann.“ Mit knurrendem Magen ziehe ich weiter.