Deutschlands schlimmster Wirbelsturm

Tornado Pforzheim: Sturm der Superlative

Für Meteorologen wie Malter Neuper vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sind Wirbelstürme kein ganz ungewöhnliches Phänomen. Doch der Pforzheimer Tornado ist auch für Wetterprofis wie ihn in jeder Hinsicht bemerkenswert. Ein Interview mit dem Experten.

Der Pforzheimer Tornado gilt selbst in Expertenkreisen als ganz große Nummer. Warum?

Starke Tornados sind selten. Der Pforzheimer Tornado ordnet sich aber in etwa in die zweithöchste Tornado-Kategorie ein. Es war ein sogenannter F4 Tornado mit Windgeschwindigkeiten zwischen 333 und 418 Stundenkilometern. Dabei war zudem die lange Zugbahn von insgesamt knapp 30 Kilometern sehr beachtlich. Leider verursachte er auch immense Schäden und forderte zudem tragischerweise zwei Todesopfer.

Am Anfang meines Studiums – als die Tornadoforschung in Deutschland immer noch nicht allzu umfangreich war – wurde der Tornado von Pforzheim fast ehrfürchtig erwähnt, als im Rahmen der Grundvorlesung Tornados kurz angesprochen wurden und deutlich gemacht wurde, dass starke Tornados eben auch bei uns vorkommen.  Dazu ist zu erwähnen, dass in diesem Fall ein so starker Tornado auch eine Stadt getroffen hat. Das macht auch ein wenig seine Besonderheit aus.

 

Was kam damals zusammen, dass ein solch heftiger Wirbelsturm entstehen konnte?

Alle Zutaten waren an dem Tag reichlich vorhanden.  Letztlich hatten wir ein aufziehendes Tief mit einer Kaltfront westlich von uns. Auf der Vorderseite wurde zunächst sehr warme, feuchte und damit energiereiche Subtropik-Luft herangeführt, die sich bei meist noch sonnigen Verhältnissen tagsüber auf schwülheiße 30 Grad aufheizen konnte.

Neben dem heißen thermischen Charakter und dem hohen Feuchtegehalt erwies sich die Luft aber auch als sehr labil, also recht empfänglich für vertikale Umlagerungen und demnach prädestiniert für eine potenziell starke Gewitterbildung. Das Gewitter selbst entwickelte sich dann im Elsass im Bereich einer Zone, in der die Luft bodennah zusammenströmte. Dabei  war generell ein starke Windänderung mit der Höhe vorhanden, die bei der Gewitterbildung für eine Organisation der Gewitter sorgte und beim Tornado von Pforzheim, der sehr wahrscheinlich an ein sogenanntes Superzellengewitter gebunden war, dann auch erst einmal für eine Rotation der gesamten Gewitterzelle sorgte.

Obwohl die genauen Ursachen der Tornado-Entwicklung noch nicht eindeutig geklärt sind, scheint dann auch eine relativ trockene Schicht in 1500 Metern Höhe relevant für die Tornado-Bildung gewesen zu sein. Nach den neusten wissenschaftlichen Vermutungen sorgt diese, wenn sie von hinten um das Gewitter herumgeführt wird (in der Fachsprache als rear flank downdraft) für die konkrete Entwicklung des Tornados.

 

Wie kann es sein, dass der Tornado von 1968 zwischen dem nördlichen Elsass und dem Schwarzwald plötzlich für ein paar Momente verschwunden war?

Dieses Phänomen ist gar nicht so selten. Zum einen ist es immer möglich, dass ein Tornado vorübergehend Bodenkontakt verliert. Häufiger, in diesem Fall auch sehr wahrscheinlich, kommt es vor, dass sich einfach ein neuer Tornado bildet, nachdem sich der erste abgeschwächt, bzw. aufgelöst hat. Die Bedingungen für eine Tornado-Entstehung sind aber im Bereich der generell rotierenden Gewitterzelle noch weiter vorhanden und nach einer gewissen Zeit gebärt die Gewitterzelle dann einfach den nächsten Tornado.

Dabei ist es in diesem Fall  wahrscheinlich so gewesen, dass es – wie so oft – zu einer kurzen Abschwächung des Gewitters kam, als es von Frankreich in die Rheinebene zog um sich dann im Bereich des Nordschwarzwald wieder zu verstärken.  Denn durch die schmalere Zabener Senke fließt die Luft in die weitere Rheinebene, so dass es letztlich zu einem Ausbreiten der bodennahen Luft kommt und dann zu einem kompensierenden leichten Absinken, was eben für eine kurzzeitige Abschwächung der Gewitter sorgen kann.

 

Hätte man den Tornado damals voraussehen und die Bevölkerung entsprechend warnen können?

Das wage ich zu bezweifeln. Zum einen lag die Tornado-Forschung damals ein wenig brach und außerdem hatte man gar nicht die technischen Mittel, mit denen man eine etwas konkretere Warnung hätte aussprechen können.  Vor allem gab es damals noch keine Wetterradargeräte, mit denen zu einem gewissen Grad eine konkretere Vorwarnung möglich ist. Jedoch war das Potenzial für schwere Gewitter generell abzusehen und wurde so auch sehr gut  von den Kollegen des Deutschen Wetterdienstes vorhergesagt.

 

Könnte man es heute?

Teils, teils. Eine Vorwarnung ist recht gut möglich. Dabei kann man aufgrund des mittlerweile gesammelten Wissens das Tornado-Potenzial einer Wetterlage abschätzen.  Allerdings wird damit nur der Rahmen abgesteckt. Es gilt die Aussage, dass es an dem Tag in dieser größeren Region irgendwo zu einem Tornado kommen kann (aber eben auch nicht muss).  Zum anderen gibt es noch eine Akutwarnung bei einem bestimmten Tornado-Ereignis. Sofern man ihn nicht direkt (durch Augenbeobachtungen) sieht und dieses als Warnung weitergibt, kann man nur anhand von bestimmten Indizien abschätzen ob beispielsweise eine Gewitterwolken einen Tornado gebären kann oder geboren hat und dieses dann als Warnung ausgeben. Das beste Hilfsmittel ist das Wetterradar, wie am KIT beispielsweise eines der besten in Deutschland vorhanden ist.

 

Wann ist in Deutschland mit einem ähnlich heftigen Wirbelsturm zu rechnen?

Eigentlich jederzeit bei einer entsprechenden Wetterlage. In Bezug auf die Statistik ist nach den bisherigen Erkenntnissen ist in Deutschland etwa alle 20 Jahre mit einem Tornado der Stärke F4 zu rechnen. Allerdings ist dabei die Wahrscheinlichkeit höher, dass dieser in einem weniger bewohnten Gebiet auftritt.  Ein Tornado der höchsten Kategorie ist in Deutschland ein Jahrhundertereignis. Wobei der letzte bekannte und mehr oder weniger bestätigte F5 Tornado im Jahr 1800 auftrat. In diesem Sinne sind wir da überfällig.

Tornado Pforzheim
Dossier zu Deutschlands schlimmstem Wirbelsturm