Gewitterjäger kennen kein schlechtes Wetter. Nur spannendes Wetter. | Foto: facebook.com/IngoBertramPhotography

Deutschlands schlimmster Wirbelsturm

Tornado Pforzheim: Stormchaser jagen Gewitter

 

An seinen ersten Gewittersturm kann Ingo Bertram sich noch genau erinnern. Er war sechs Jahre alt und mit seinen Eltern am Badesee bei Speyer als der Himmel sich von Osten her plötzlich verdunkelte. Quellwolken schossen in die Höhe und ein von jetzt auf gleich aufkommender scharfer Wind blies streng die letzten Schwimmer aus dem Wasser. Familie Bertram hatte gerade noch Zeit, die Badesachen zu raffen, schon zuckten die ersten Blitze. Wenig später platschten fette Regentropfen auf den See. In der „Anglerstubb“ am Ufer fanden die Bertrams in letzter Sekunde Unterschlupf und während drinnen bange Stimmung herrschte, beobachtete Klein-Ingo durch die schützenden Scheiben fasziniert das tosende Unwetter draußen. Damals hat der Sturm ihn gepackt und nie wieder losgelassen. Nur jetzt, wo Ingo erwachsen ist, lässt er sich nicht mehr verjagen. Im Gegenteil: Heute ist er es, der den Sturm jagt.

Erwischt: Diesen Tornado hat Ingo Bertram in Kansas aufgenommen. Foto: facebook.com/Ingo Bertram Photography

Herr Bertram rast dem Sturm entgegen

Ingo Bertram ist Gewitterjäger. Wann immer ein schweres Unwetter mit heftigen Winden, Hagel und – allerhöchstes Jagdglück – vielleicht sogar einem Tornado drohen, setzt sich der 44-Jährige in sein Auto und rast dem Sturm entgegen. Von Speyer oder Frankfurt aus geht es nach Crailsheim, Fulda, Augsburg – Entfernungen spielen keine Rolle und auch Zeit ist relativ. Für ein einziges scharfes Blitz-Foto oder das Video eines riesigen, grau-schwarzen Wolkenquirls am Horizont lohnt sich der Aufwand allemal. Solche Bilder sind die Beute der Windsucher. Ihre Trophäen stellen sie im Internet aus, wo sie tausendfach geteilt werden. Wer das besonders eindrucksvolle Porträt einer Superzelle aufweisen kann, der wird in der Szene gefeiert.

„Oh my god, it’s coming“

Stormchaser kennt man vor allem aus Nordamerika. Das Netz ist voll mit Videos von mittelalten, ein bisschen langweilig aussehenden Typen in karierten Hemden, die mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera starren und „oh my god, oh my god, it’s coming“ brüllen. Der Himmel hinter ihnen brodelt wild und bedrohlich und irgendwo am Horizont ragt ein Rüssel aus der Wolke. Tornado! Großwild der Windfänger.

Gewitter für alle: Seine Fotos zeigt Ingo Bertram über Facebook der Welt. | Foto: facebook.com/Ingo Bertram Photography

Kleine, eingeschworene Gemeinschaft

Tornados gibt es auch in Deutschland relativ häufig. Trotzdem ist die Gemeinschaft der Sturmjäger hierzulande viel kleiner. Etwas über 100 gibt es. Unter ihnen ist Ingo Bertram kein ganz Unbekannter. Seit über 30 Jahren dokumentiert er schwere Unwetter. Seit 2011 jagt er sie auch. Als Kind nahm er mit dem Kassettenrekorder Donnergeräusche auf. Heute ist seine Ausrüstung ungleich professioneller. Aus seiner Leidenschaft fürs Wetter hat er seinen Beruf gemacht und arbeitet als Meteorologe für den Hessischen Rundfunk.

Von Sturmjäger Bertram gibt es nicht viele Fotos. Stürme sind viel fotogener, findet er. Foto: facebook.com / Ingo Bertram Photography

 

Das Wetter auf dem Schirm

Das Wetter hat er also ständig auf dem Schirm.  Für erfahrene Jäger wie ihn genügt der flüchtige Blick auf Radar- und Satelittenbilder um zu erkennen, was genau sich wo am Himmel zusammenbraut. Ein normales kleines Sommergewitter, bei dem der Schwimmmeister die Badegäste auffordert, das Becken zu verlassen, lässt Sturmjäger kalt. Nur Superzellen elektrisieren die Community. Im Innern dieses extremen Gewittertyps toben gewaltige, rotierende Winde. Am Himmel zeichnen die schwarz-grauen Wolkengebilde die unglaublichsten Bilder. Schwarze Platten, die sich wie die rotierenden Teller auf den Stäben eines chinesischen Zirkusartisten immer höher in den Himmel schrauben, schwebende, schwarze Wände, über denen Wolken kilometerhoch aufquellen.

Zellen mit Zerstörungswut

Superzellen sehen nicht nur gefährlich aus, sie sind es auch. Sie bergen ein Zerstörungspotenzial, das Existenzen vernichten und manchmal sogar Menschenleben kosten kann. Wo sie sich entladen, werden Bäume wie Streichhölzer abgeknickt und Dächer abgedeckt, Keller laufen voll und die manchmal bis zu über vier Zentimeter großen Hagelkörner hauen in wenigen Minuten alles zusammen, was Landwirte und Gärtner monatelang gehegt und gepflegt haben. Nach dem Durchzug einer Superzelle können die Schäden locker in die Milliardenhöhe gehen wie beispielweise am 28. Juli 2013 in Reutlingen Baden-Württemberg. Die dramatischen Folgen lassen Ingo Bertram nicht kalt. „Das tut mir für die Betroffenen sehr leid.“  Trotzdem  ist er von der Kraft dieser Naturgewalten fasziniert. Er hat sie schon oft erlebt und versteht sie deshalb vielleicht sogar besser, als viele andere. Aber das ist wohl das Dilemma aller Jäger. Je größer und gefährlicher die Beute, desto attraktiver und begehrenswerter.

Kilometer fressen und Radarbilder sichten

Eine Jagd, auch die auf Stürme, will gut geplant sein. „Ein Chasing besteht aus zwei Phasen“, erklärt Bertram. Während der Fahrt ins Zielgebiet, im Chaser-Jargon „Target-Area“ genannt, werden Kilometer gefressen. Anhand von Modellrechnungen wissen die Jäger genau, wo sie hinmüssen. Oft bleibt genug Zeit, um sich zu Teams zusammen zu tun. „Dann macht das Jagen mehr Spaß“, sagt Bertram. Es ist auch praktischer, einen Kopiloten an Bord zu haben, der außer der Straße und dem Himmel auch noch Google Maps im Auge behalten kann. Sobald die Superzelle in Sichtweite kommt, beginnt die zweite Phase des Chasings. Dann ist es gut, wenn man auf freier Strecke ist und auf Sicht navigieren kann. Kurvige Bergstraßen durch bewaldetes Gebiet sind schlecht. Besser sind schnelle, gerade Straßen in weiter Landschaft. Ziel ist es, so nah wie möglich an den äußeren Rand Sturms heranzukommen. Da hin, wo er in seiner ganzen Pracht zu sehen ist.

Die Naturgewalt treiben

Dort suchen sich Stormchaser einen exponierten Aussichtspunkt und stellen ihre Kameras auf. Gelingt der Abschuss oder zieht die Lage Zelle zu schnell und in einer unfotogenen Konstellation, heißt es einpacken und schnell weiterfahren zum nächsten Punkt. Zum Kick bei den Chasings gehört es auch, die Zelle zu verfolgen oder ihr vorauszufahren. Im Idealfall erwischt man sie mehrmals, kann ihre Entwicklung beobachten und ihr den Weg abzuschneiden. Manchmal hat die Truppe das Gefühl, sie könne die Naturgewalt wie ein Tier treiben.

Jäger des luftigen Großwilds

Die Jäger des luftigen Großwilds brauchen viel Geduld. In Deutschland gehört auch noch eine gehörige Portion Glück dazu. Superzellen sind hierzulande zwar nicht superselten, aber sie einzufangen, ist in dichtbesiedelten und bergigen Gebieten oft schwierig. Ganz anders in den USA. Für Sturmjäger Bertram ein Traumziel. Seit sechs Jahren fährt er jährlich zum Chasen in die berühmt-berüchtigte Tornado-Alley. In einer Schneise, die durch Texas, Oklahoma, Kansas und andere Staaten des Mittleren Westens führt, bilden sich Superzellen in schöner Regelmäßigkeit. Manchmal – und das ist für Stormchaser das höchste Glück – ist sogar ein Tornado dabei. Am 24. Mai 2016 bei Dodge City hatte der Wettergott ein Herz für Bertrams kleine Jagdgruppe. Fast eine Stunde lang konnten sie den Windtrichter beobachten, der wie ein riesiger Saugrüssel in zehn Kilometern Entfernung den Boden entlang fegte. Jäger-Pech gibt es auch. Wie damals, als die Mobilfunkkarte versagte. Als der Tornado vorbeirauschte, standen Bertram und seine Kollegen gerade in einem Handy-Laden, um eine neue Karte fürs iPad zu erstehen. Tornadofotos an diesem Tag? Pustekuchen.

Im Dienste der Wetterprofis

Ganz ohne Nutzen ist Bertrams Hobby nicht. Immerhin sammelt der Meteorologe bei jedem Einsatz Daten und Beobachtungen, die Wetterdiensten und Umweltzentralen nützlich sind. Sie helfen beim Verständnis der Entstehung von schweren Unwettern und dienen der Schadensvorsorge. Je mehr Beobachtungen zusammengetragen werden können, desto akkurater und verlässlicher werden die Wettervorhersagen. Der Deutsche Wetterdienst unterstützt deshalb die Sturmjäger. Viele davon sind im Wetterbeobachter-Verein skywarn zusammengeschlossen.

Wetter nicht als Smalltalk

„Als Kind dachte ich, ich sei allein mit meinem Hobby“, sagt Bertram. Ein wenig wunderlich kam er den anderen schon vor, wenn er mit seinem Kassettenrekorder versuchte, den Donnerhall auf Band zu bannen. Heute gehört er einer Gemeinschaft von Menschen an, denen er seine Leidenschaft nicht zu erklären braucht. Menschen, die wie er nichts langweiliger finden als blauen Himmel und für die Gespräche über das Wetter niemals Smalltalk sind.

Weitere Artikel und Videos zum Tornado in Pforzheim gibt es hier im Dossier.