Eine Filmrolle, die den Super-8-Film von Volker und Gudrun Wittel enthält, zeigt Harald Katz (Mitte) im Stadtarchiv. | Foto: Ehmann

Deutschlands schlimmster Wirbelsturm

Tornado Pforzheim: Volker Wittel bannt Spuren auf Super-8

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„Wie wenn eine große schwarze Kugel über den Boden rollt“: So hat eine Bekannte, die auf dem Wartberg wohnte, gegenüber Gudrun und Volker Wittel den Durchzug des Tornados beschrieben, der am Abend des 10. Juli 1968 mit bis zu 350 Stundenkilometern durch Pforzheim fegte. Zwei Menschen kostete diese Naturgewalt das Leben. Mehrere hundert Personen wurden verletzt, unzählige Autos übereinander gewürfelt und reihenweise Häuser abgedeckt.

Kapitel in DVD-Reihe „Zurückgespult“

Am darauffolgenden Morgen wurden die Ausmaße der Zerstörung erst richtig sichtbar, in all ihren Einzelheiten. Volker Wittel hat sie in einem Super-8-Film festgehalten und damit ein wichtiges Zeitdokument geschaffen. Es bildet ein Kapitel in der von den BNN produzierten DVD-Reihe „Zurückgespult“ und wurde auch dem Pforzheimer Stadtarchiv zur Verfügung gestellt.

Streifen wirkt sehr professionell

„Wir sind sehr froh, es zu haben“, erklärt Harald Katz, der dort für die Sammlungsbestände zuständig ist. Es befinden sich zwar einige Filme zum Thema Tornado darunter, teilweise auch auf VHS-Kassetten. Doch Wittels Film ist der erste in Farbe. Der Archivar ist angetan von der qualitativ hochwertigen Arbeit des Pforzheimer Hobbyfilmers: Der Streifen wirke sehr professionell, wie mit ruhiger Hand aus dem Stand heraus gefilmt.

Durchs offene Schiebedach gefilmt

Der Eindruck täuscht: Entstanden ist er während einer Autofahrt durch die verwüstete Stadt. Die Wittels hatten sich am Morgen nach der Katastrophe spontan in ihren VW gesetzt, um Spuren eines Ereignisses einzufangen, das es in diesem Ausmaß hierzulande noch nie gegeben hatte. „Meine Frau fuhr, und ich habe durch das offene Schiebedach gefilmt“, erzählt Wittel.

Töchterchen schlummert im Kinderbett

Das Ehepaar selbst hatte sich am Abend der Katastrophe gar nicht in Pforzheim aufgehalten, sondern Verwandtschaft im Nachbarort Eisingen besucht. „Ganz gschwind“, denn eigentlich wollten sie gleich wieder zurück. Das einjährige Töchterchen schlummerte friedlich Zuhause im Kinderbett. Wegen des Unwetters verschob man dann den Aufbruch. Gudrun Wittel erinnert sich an schneeballgroße Hagelkörner, die vom Himmel stürzten. Der Tornado selbst raste an Eisingen vorbei. Auf dem Heimweg bemerkten die Wittels zwar die vielen abgebrochenen Äste auf den Straßen.

Erst aus dem Radio vom Tornado erfahren

Und sie wunderten sich über den Lärm der Martinshörner in der Nacht. Aber was wirklich geschehen war, erfuhren sie erst am nächsten Morgen aus dem Radio.
Gebildet hatte sich der Tornado, auch anderen Quellen zufolge, gegen 21 Uhr von Westen her über den Vogesen. Er nahm mehr und mehr Fahrt auf und tobte mit teilweise bis zu 350 Stundenkilometern über Ittersbach, Ottenhausen, Gräfenhausen und Birkenfeld. Etwa 21.45 Uhr erreichte er die südlichen Stadtteile Pforzheims.

27 Kilometer lange Schneise der Zerstörung

„Er zog eine 27 Kilometer lange Schneise der Zerstörung nach sich“, erzählt Volker Wittel.
Auf dem Pforzheimer Haidach hatte der Tornado einen Kran umgeworfen. Das Hochhaus der Firma Inovan im Brötzinger Tal stand unmittelbar im Auge des Sturms. Die Scheiben hatte der Tornado herausgerissen und das Büromaterial bis nach Heilbronn geweht.

„Eiserner Kanzler“ trotzt dem Tornado

Einzig der „Eiserne Kanzler“ trotzte dem Tornado: Die Bismarckstatue im Stadtpark stand aufrecht, während der alte Baumbestand stark gelichtet wurde. „Baumchirurgen“, die später nach Pforzheim geholt wurden, sorgten dafür, dass viele beschädigte Bäume erhalten blieben.

Gebäude sehen aus wie Puppenhäuser

Volker Wittel filmte Gebäude, in die man hineingucken konnte, wie in Puppenhäuser, weil der Tornado die Außenwände weggerissen hatte. Autos wurden in die Luft gewirbelt und landeten in Teilen, aufgespießt von schmiedeeisernen Gartentoren. Wittel hielt die Kamera auch auf die Menschen, die am Tag danach die Dächer wieder deckten und andere Aufräumarbeiten verrichteten. Das brachte den beiden viele Anfeindungen: Sie sollten gefälligst abhauen – oder wenigstens mit anpacken.

Sie waren keine Gaffer

Wittel kann den Zorn und das Unverständnis der Menschen verstehen. „Aber es war eine Sensation, und wir mussten sie festhalten.“ Heute würden er und seine Frau als Gaffer bezeichnet, meint er. Und es ist, als ob er sich noch 50 Jahre später dafür schäme, damals zur Kamera gegriffen und Bilder eingefangen zu haben, die den Zustand einer Stadt nach einer Katastrophe beschreiben. Archivar Katz hingegen weiß die Dinge einzuordnen in den natürlichen Lauf der Geschichte. „Sie waren keine Gaffer. Sie haben uns ein wichtiges Dokument hinterlassen.“

Weitere Artikel und Videos zum Pforzheimer Tornado vor 50 Jahren gibt es hier im Dossier.