Ermittler
Bei dem Attentat in Großbritannien war das Nervengift Nowitschok verwendet worden. Aber durch wen? | Foto:  Andrew Matthews/PA Wire

Kommentar

Verspieltes Vertrauen

Wenn es wirklich stichhaltige Hinweise dafür gibt, dass Russlands Führung den Ex-Spion Sergej Skripal in Großbritannien mit einem hochwirksamen Nervengift töten wollte, dann sollte Premierministerin Theresa May sie öffentlich präsentieren. Und zwar sofort. Denn die Front ihrer Unterstützer im tiefen Konflikt mit Russland bröckelt. Die britische Regierung hat sich im Fall Skripal zuletzt einige peinliche Fehler geleistet, die nun von Moskaus Staatspropaganda genüsslich ausgeschlachtet werden – und die Großbritanniens Verbündete im Westen in eine schwierige Lage versetzen.

May will keinen Millimeter von ihrer Position abrücken, dass die toxische Spur von Nowitschok in ein russisches Labor führt. Doch diese Behauptung wird keineswegs von führenden Waffenexperten des Königreichs untermauert. Zudem macht sich Außenminister Boris Johnson lächerlich, der offenbar die bestehenden Zweifel der Militärs an der russischen Verwicklung in seinem Sinne uminterpretiert hat, um schwere Vorwürfe gegen Moskau zu erheben – und jetzt nicht mehr zu seinen Worten steht. Vertrauen ist ein sehr kostbares Gut, und die Regierung in London könnte es bei ihren Landsleuten und ihren Verbündeten allzu leicht verspielen, wenn sie so weitermacht. Zumal es in dem verworrenen Fall Skripal ohnehin noch viele Ungereimtheiten gibt, die es zu klären gilt.

Zunehmend heikel wird es auch für Deutschland und die anderen Staaten, die in einer einmaligen Strafaktion Russlands Diplomaten vor die Tür gesetzt hatten. Es war richtig, Solidarität mit den Briten zu zeigen. Aber die Bundesregierung hat sich damit in die Schusslinie von zahlreichen Kritikern im In- und Ausland gestellt. Und es dürfte nun auch ihr dringendes Anliegen sein, sie von Russlands möglicher Schuld zu überzeugen. Darum muss Berlin jetzt Druck auf May machen, zumindest einige Erkenntnisse und Beweise ihrer Geheimdienstler publik zu machen – wenn es die denn gibt.