In der WM-Kolumne "Privet Rossija!" (Hallo Russland!) stellt der gebürtige Russe Alexei Makartsev sein früheres Heimatland, dessen Kultur, Bräuche und Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln vor – mal ernst, mal augenzwinkernd.
In der WM-Kolumne "Privet Rossija!" (Hallo Russland!) stellt der gebürtige Russe Alexei Makartsev sein früheres Heimatland, dessen Kultur, Bräuche und Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln vor – mal ernst, mal augenzwinkernd. | Foto: Bodamer/Zemlianichenko/dpa/Montage: BNN

Privet Rossija!

Vom Schwitzen und Schwatzen im Dampfbad

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Es ist glühend heiß. Die Haare knistern, der Schweiß strömt wie ein sibirischer Fluss bei Hochwasser, der Atem ist flach wie nach einem 200-Meter-Sprint. Die keuchenden Männer in der „parilka“ (Dampfraum) sprechen kaum. Sie sparen Kräfte.

„Jungs, soll ich?“ Der dicke Walera mit der Strickmütze auf dem Kopf und mit einem Kübel in den Händen hat sich vor dem zwei Meter hohen Ziegelofen aufgebaut. Bevor jemand etwas sagen kann, schleudert Walera schwungvoll das Wasser hinein. Die Männer starren begeistert auf den Ofen in Erwartung der neuen Glutwelle und machen ihre „weniki“, die Birkenzweigbündel, bereit.

Das Bad ersetzt den Arztbesuch

Ach, Banja, du höllisches Vergnügen! Das Dampfbad dient den Russen als Ersatz für den Arztbesuch, als Debattierclub und Eheberatungsstelle. Man geht in die Banja, um über Fußball und Politik zu fachsimpeln, zu trinken und lachen, einen neuen Geschäftspartner besser kennenzulernen – und natürlich auch, um den Straßenstaub loszuwerden. In der spärlich beleuchteten „parilka“ dreschen die Männer mit den Birkenzweigen aufeinander ein, bis die abgerissenen Blätter wie in einem Herbststurm durch die Luft wirbeln.

„Zum leichten Dampf!“

Die Schläge massieren die Haut, die Gerbstoffe im Laub reinigen angeblich die Lunge und stärken die Gelenke. Wenig später sitzen sie, in weiße Laken eingewickelt und voller roter Flecken, auf Bänken im Ruheraum. Ein Haufen dampfender Shrimps kommt auf den Tisch, die beschlagenen Bierflaschen werden schnell geleert. Am Ende der mehrstündigen Hitzeprozedur gratuliert man einander mit dem traditionellen Banjawunsch: „Zum leichten Dampf!“

Russland hatte früher Tausende Banjas, viele mussten aus Geldnöten schließen. In Moskau gibt es heute noch etwa zwei Dutzend davon. Am berühmtesten sind die 200 Jahre alten Sanduny mit Marmor, Stuck, Blattgold und Edelholz, die eher an ein Palast denn an ein Schwitzbad erinnern.