In der WM-Kolumne "Privet Rossija!" (Hallo Russland!) stellt der gebürtige Russe Alexei Makartsev sein früheres Heimatland, dessen Kultur, Bräuche und Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln vor – mal ernst, mal augenzwinkernd.
In der WM-Kolumne "Privet Rossija!" (Hallo Russland!) stellt der gebürtige Russe Alexei Makartsev sein früheres Heimatland, dessen Kultur, Bräuche und Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln vor – mal ernst, mal augenzwinkernd. | Foto: Bodamer/Zemlianichenko/dpa/Montage: BNN

Privet Rossija!

Was vom Lesen übrig blieb

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Es gab einmal ein Land, in dem die Menschen Altpapier zu den Sammelstellen schleppten, um sich die begehrten und im freien Verkauf nicht erhältlichen Romane kaufen zu dürfen. Ein Land, in dem Vierjährige aus dem Kopf Puschkin zitierten und Verliebte sich mit Romeo-und-Julia-Zitaten näherkamen. Die Sowjetunion rühmte sich, das Land mit dem belesensten Volk der Welt zu sein.

Heute werden pro Kopf in Russland jährlich nur 3,2 Bücher gedruckt, die Zahl der Buchgeschäfte ist seit 1998 ums Achtfache geschrumpft. In einer Umfrage gaben 42 Prozent an, in einem Jahr kein einziges Buch gelesen zu haben.

Tanja Grotter statt Harry Potter

Ade, Gogol und Tolstoj. Im Heimatland der großen Schriftsteller interessieren sich viele Menschen kaum für Klassiker, höchstens für billige Liebesromane und simple Krimis aus der Massenproduktion. Hinter manchen Autorennamen verbergen sich Teams, die aus Textblöcken Fertiggeschichten basteln. Eine Mogelpackung sind auch die Tanja-Grotter-Romane, ein primitives Imitat der Harry-Potter-Romane von J.K. Rowling. Dmitrij Jemez, der „Erfinder“ der Hexenschülerin Tanja, dürfte ein Millionär sein. Dass ein Gericht ihn wegen Plagiats und Copyright-Verletzungen verurteilt hat, stört ihn nicht.

Bücher aus Keksen oder Eis

In der russischen Lesemisere werden die Autoren erfinderisch, um Interesse für ihre Werke zu wecken. Beispielsweise mit Büchern auf Keksen, die man knabbern kann. Mein Favorit ist ein Buch, dessen Seiten aus hauchdünnen Eisblättchen bestehen, auf denen der Text mit Farbe gepinselt ist. Die frostige Lektüre, die beim Lesen verschwindet, ist passenderweise ein Wintermärchen.