Salafisten bei einer Demonstration in Frankfurt.

Radikalisierung

Wenn der Hass den Blick verschleiert

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Plötzlich ändern sich Kleidung, Freunde und Verhalten, und mancher ist von heute auf morgen gar ganz verschwunden: Auf die islamistische Radikalisierung einer rasch steigenden Zahl junger Menschen und die Ausreise einiger zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reagierten Eltern, Bekannte oder Lehrer zunächst oft überrascht und völlig ratlos.

So wie im Fall des am Mittwoch in Karlsruhe festgenommenen Terrorverdächtigen Dasbar W. Nach Angaben der Badischen Zeitung (BZ) war die Nachricht von den vereitelten Anschlagplänen des gebürtigen Freiburgers für dessen Familie und Freunde ein Schock. „Das kann gar nicht sein, dass Dasbar beim IS ist. Das ist völlig absurd. Ich war mit ihm zusammen im Irak. Er war der erste, der aus Angst vor dem IS abgehauen und nach Deutschland zurückgekehrt ist“, zitiert das Blatt den Bruder des 29-jährigen Deutschen, dessen kurdische Eltern im Nordirak leben sollen. Er befindet sich zurzeit in Untersuchungshaft.

Laut der BZ hat W. in Freiburg eine Berufsaubsildung absolviert und wollte ursprünglich ein Informatikstudium beginnen. Vor etwa fünf Jahren sei er jedoch religiöser geworden und habe sich einen Bart wachsen lassen, erzählen Bekannte. W. soll die auch von Islamisten frequentierte Ibad-ur-Rahman-Moschee in Freiburg besucht haben, die seit einiger Zeit vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Nach Darstellung der Bundesanwaltschaft fiel der junge Mann den Behörden erstmals als Unterstützer von Salafisten auf, die im Auftrag der inzwischen verbotenen Organisation „Wahre Religion“ in verschiedenen Städten den Koran verteilt haben. Als der Islamist später IS-Propagandavideos im Netz verbreitete und in den Irak reiste, um für die Terrormiliz zu kämpfen, wurde er offenbar in Deutschland als ein Gefährder eingestuft.

Die meisten Experten sind sich einig, dass die wachsende terroristische Bedrohung für die Bundesrepublik eine koordinierte, breite und gut finanzierte Gegenstrategie erfordert, die über verschärfte Polizeigesetze und einen besseren Nachrichtenfluss zwischen den Sicherheitsbehörden hinausgeht. Aus ihrer Sicht müssen vor allem Prävention gegen den religiösen Extremismus und die Deradikalisierung ausgebaut werden.

In den meisten Bundesländern gibt es heute Präventionsangebote, die der Propaganda radikaler Salafisten Paroli bieten und Betroffene beraten. Aussteigerprogramme zielen auch auf Rückkehrer aus Kampfgebieten, die die Behörden als großes Sicherheitsrisiko sehen. Vielleicht hätte man die Gefahr, die vom IS-Sympathisanten Dasbar W. ausging, auf diese Weise senken können.

Ein Patentrezept gegen die Radikalisierung ist allerdings noch nicht gefunden. “Da die Radikalisierung nicht immer in eine Richtung läuft, braucht es unterschiedliche Ansätze“, sagt der Geschäftsführer des unter anderem in Baden-Württemberg und Bayern aktiven Violence Prevention Network (VPN), Thomas Mücke. Wichtig sei es, die Themen der islamistischen Szene zu kennen. „Man braucht theologische Kenntnisse, sonst wird man nicht akzeptiert.“ Da Salafisten oft junge Menschen seien, gebe es gute Erfolgschancen.

In Niedersachsen arbeitet VPN mit über 30 Inhaftierten aus der Islamistenszene. Das Weltbild der Islamisten lasse sich nicht mit Gewalt knacken, vielmehr müsse gewartet werden, bis ein Häftling sich für ein Gespräch öffnet, sagt Mücke. „Wir sagen nicht: ,Du hast Unrecht’. Wir wollen, dass die Leute wieder anfangen, selbstständig zu denken.“ Wichtig sei es, den Kontakt zum Elternhaus zu stabilisieren. Die Handlungsempfehlungen an Eltern ähnelten denen beim Rechtsextremismus: „Kontakt behalten, ein Abkapseln vermeiden.“

Auf viel Zuspruch stößt die vor zwei Jahren in Stuttgart eröffnete VPN-Beratungsstelle Baden-Württemberg. In dieser Zeit hat sie nach eigenen Angaben mehr als 100 Betroffenen und Angehörigen geholfen. Das Ziel der Beratung sei es, Kontakt zu extremistisch gefährdeten jungen Menschen aufzubauen, um einen „Ablösungsprozess von extremistischen Gruppierungen“ zu initiieren sowie auf das „Hinterfragen gewalttätiger und extremistischer Ideologiefragmente“ hinzuwirken. Laut dem aktuellen Jahresbericht betrafen die meisten Beratungsfälle Jugendliche unter 20 Jahren. 40 Prozent von ihnen seien Schüler gewesen.