HULDIGUNG FÜR HOUSTON: Aisata Blackman spielt die Rachel und Jadran Malkovich den Bodyguard im gleichnamigen Musical, das jetzt in Stuttgart Premiere hatte. | Foto: Jan Potente

Musical Bodyguard in Stuttgart

Whitneys Wundertüte

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Der Kassenschlager aus den frühen 90ern beginnt mit einem Knall. Mit vier Metern pro Sekunde werden die Tänzer auf die Bühne katapultiert, direkt neben den Weltstar. Und schon sind da diese verflixten Kino-Klischees. Die Bilder aus dem Blockbuster: Von der jungen Whitney Houston, der Unnahbaren mit der Drei-Oktaven-Stimme, die den Weltstar Rachel Marron in der Hollywood-Schmonzette Bodyguard spielte. Zickig, sexy und schutzbedürftig zugleich. Aisata Blackman unternimmt im Stuttgarter Musical erst gar nicht den Versuch, sie eins zu eins imitieren zu wollen. Und das ist auch gut so. Sie sieht nicht nur – komplett – anders aus. Auch ihre Stimme steht für sich.

Mehrere Kinder spielen  im Musical den kleinen Fletcher, hier Fabian neben Aisata Blackman (rechts) und Zodwa Zelene (links). Foto: Jan Potente

Auch andere Protagonisten passen nicht in die Bilder von damals: Nicki Marron, Rachels Schwester etwa, oder der Bodyguard Frank Farmer, den einst Kevin Kostner mimte. Der Stalker, der für die Diva zur Gefahr wird, ist im Musical gar ein Beau. Ihm fehlt die Kälte, der Wahn in den eisigen blauen Augen des Film-Bösewichts.

 

Der eigenständige Musical-Bodyguard begeistert aber dennoch. Schon allein, weil er eine Hommage an Houston ist. Whitneys Wundertüte. Ein Welthit nach dem anderen interpretieren Blackman und Zodwa Zelene, die der Nicki eine besonders charaktervolle Stimme verleiht, für das Stuttgarter Publikum. Darunter sind viele Frauen. „Ich habe schon über 25 Musicals gesehen, aber noch nie so viele Frauen im Publikum“, staunt ein Anzugträger bei der Medienpremiere. Zu Beginn der Pause, als gerade die legendäre Bettszene vorüber ist und das Licht in den Zuschauerrängen angeht, wischen sich die Damen noch flugs die Tränchen aus den Augen, bevor es an die Sektbar geht.

 

310 LED-Paneele sorgen im Bodyguard-Musical für Lichteffekte. | Foto: Jan Potente

Erinnerungen werden wach an die große Liebe, mit der im Kino zu den Liebesszenen von Rachel und ihrem Bodyguard Frank Farmer geknutscht wurde. Auch an das bittere Ende von Houston: früher Tod nach Drogenexzessen und einem zuschlagenden Ehemann. An eine Weltstimme, die zum Schluss kaputt war. So brutal kann Hollywood sein. Hier im Film gibt es aber das Happy End. Wäre ja auch noch schöner.

 

Dazwischen liegen Glamour und Spannung. Zeitweise wird das Theater zur Diskothek, allein 310 LED-Paneele sorgen für Lichteffekte. Die Wandelemente der Bühne sind quer und hochkant fixiert. Wie bei der Blende eines Fotoapparates sind so kleine Ausschnitte für intime Momente möglich – und kurz darauf ist die komplette Bühne für eine der knallig-bunten Tanzszenen frei. Behutsam werden Filmsequenzen, die etwa Rachels Stalker zeigen, eingespielt. Das ist schon großes Kino, was der Künstlerische Leiter Alexander Grünwald da im Palladium-Theater bietet.

And the Oscar goes to – Rachel Marron. | Foto: Jan Potente

 

Anders als im Film ist die Handlung in dem Zwei-Stunden-Musical nicht nur gestrafft, sondern auch abgeändert. Es fehlt zum Beispiel der Part des Profikillers Greg Portman, der Rachel bei der Oscar-Verleihung töten will. Stattdessen entwickelt sich der Stalker zu dem Mann, der sie zu eliminieren versucht – weil er gepostete Fotos im Netz sah von einer mit ihrem Bodyguard schmusenden Rachel. Aufgenommen sind die Smartphone-Shots ausgerechnet in einer Karaoke-Bar, in der der Held aus Leinwand und Musical sogar versucht zu singen. Dazu blinken Emojis und werden Selfies geschossen. Herrlich, diese Ironie.

 

Instagram und Facebook waren 1992, als der Streifen in die Kinos kam, natürlich noch nicht erfunden, und die DJs nutzten noch keine MP3-Player. Und so ist „Bodyguard – Das Musical“ beides, ein Flashback in die 90er und eine Glamour-Gala im Social Media-Zeitalter. Was im Film und Musical gleich ist: Natürlich gibt Rachel noch diesen besonderen Welthit. „I will always love you“, global hunderttausendfach auf Hochzeiten und auf Beerdigungen gespielt, wie im Film ist er auch hier der krönende Abschluss. Die geläuterte Diva steigt im Swarovski-Kleid aus Nebelschwaden empor in den Sternenhimmel. Dazu rieseln güldene Glitzerstreifen ins stehend applaudierende Publikum. Und wieder werden Tränen weggewischt. Schluchz!

 

 

 

Wussten Sie, dass

… allein für die Erstellung von Rachels Gala-Kleid zum Song „I will always love you“ 92 Arbeitsstunden nötig waren? Denn es ist über und über mit Swarovski-Elementen, Pailletten-Applikationen und Spitzenmotiven benäht. Die dazugehörige Federschleppe hat einen Umfang von vier Metern.

… für die Rolle von Rachels Sohn „Fletcher“ zahlreiche Kinderdarsteller im Einsatz sind? Für sie ist eigens eine Kinderabteilung mit der „Fletcher School“ eingerichtet. Die Kinder sind zwischen neun und 13 Jahren alt.

… Rachels silberne Leder-Korsage aus dem Nachtklub-Auftritt eine Hommage an den Entwurf einer Metall-Korsage des französischen Modedesigners Thierry Mugler ist?

… die Soul-Diva Rachel sich neun Mal während der Show umziehen muss? Jeder dritte ihrer Kostümwechsel ist ein sogenannter „Quick Change“ – für den schnellsten Wechsel bleiben gerade einmal 15 Sekunden Zeit.

… die Echthaar-Perücken in stundenlanger Handarbeit geknüpft wurden? Die Bordüre des Oscar-Haarteils von Rachel ist rund 1,5 Meter lang.