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Mitten in das Herz der Donaustadt

Wien am Tag nach dem Anschlag - auch eine Deutsche unter den Opfern

Einen Tag nach dem Anschlag in der Wiener Innenstadt herrschte gespenstige Ruhe. Die Zahl der Opfer ist auf vier gestiegen - darunter auch eine Deutsche

Wien: Rosen liegen unter einem Einschussloch in einer Scheibe im Bereich des Tatorts einer Terror-Attacke in der Nähe einer Synagoge. Foto: Matthias Schrader picture alliance/dpa

Am Schwedenplatz, üblicherweise ein lärmender Verkehrsknotenpunkt im Zentrum Wiens, herrschte am Dienstagmorgen gespenstische Ruhe. Am Tatort sind mehr Journalisten mit ihren Kamerateams unterwegs als Schaulustige. Die Wiener hielten sich offenbar diszipliniert an die Aufforderung der Polizei, zu Hause zu bleiben.

Am Montagabend zuvor waren in den Seitengassen, im so genannten „Bermuda-Dreieck“, Massen von Menschen unterwegs, die bei einem Glas Bier oder Wein die milden Novembertemperaturen genießen wollten, ehe die Lockdown-Ausgangssperre Dienstag Mitternacht in Kraft trat. Den Namen verdankt das Vergnügungsviertel den Nachtschwärmern, die hier normalerweise, wie der Wiener Schmäh erzählt, bis in die Morgenstunden „untertauchen“.

Auf Tempel wurde nicht geschossen

Doch regierten diesmal Angst und Panik, als gegen 20 Uhr in der Seitenstettengasse die ersten Schüsse zu hören waren. Dort befindet sich auch die Hauptsynagoge der Jüdischen Gemeinde Wien, die bereits 1981 Ziel eines Anschlags von palästinensischen Terroristen war. Weshalb sofort Mutmaßungen kursierten, es könnte sich erneut um einen judenfeindlichen Anschlag handeln. Doch dies wollten gestern weder die Polizei noch die Kultusgemeinde bestätigen. Auf den Tempel jedenfalls wurde nicht geschossen, dennoch wurden gestern aus Sicherheitsgründen sämtliche jüdische Stätten in Österreich geschlossen.

Augenzeugen berichten, dass ein junger Mann mit einem Sturmgewehr wie wild in die Lokale gefeuert und willkürlich auf Passanten geschossen habe. Er sei zusätzlich mit einer Pistole und einer Machete bewaffnet gewesen und habe einen Sprengstoffgürtel getragen, der sich jedoch später als Attrappe entpuppte. Ein 28-jähriger Polizist, der den Weg des Attentäters kreuzte, blieb kurz danach schwer verwundet auf der Straße liegen. Die Selbstlosigkeit zweier türkischstämmiger Männer, die den Polizisten aus der Gefahrenzone zerrten und ihm damit das Leben gerettet haben dürften, war ein unerwartet beschämender Kontrapunkt zur migrationsfeindlichen Politik der Regierung unter Kanzler Sebastian Kurz.

Rabbi Schlomo Hofmeister erzählte als Augenzeuge einer Wiener Zeitung: „Der Täter hat … direkt auf die Leute geschossen, die im Schanigarten (Gastgarten) in der Judengasse und der Seitenstettengasse gesessen sind.“ Ein Geschäftsmann erzählt der Austria Presse Agentur, er sei mit Freunden in einem Lokal beim Abendessen gesessen: „Wir haben die Schüsse gehört“, kurz danach seien Polizisten gekommen, die gerufen hätten: „Licht aus, Türen zu!“ Darauf hätten sich alle Gäste auf den Boden gelegt. Niemand sei verletzt worden, „aber die Angst war ein Wahnsinn“, so der Geschäftsmann.

Nur neun Minuten nach Fahndungsbeginn wurde der Mordschütze gestellt und nach einem Schusswechsel mit der Sonderpolizei Wega in der Nähe der Ruprechtskirche, der ältesten Kirche Wiens, getötet –„neutralisiert“, wie der Wiener Polizeichef Gerhard Pürstl vor Journalisten sagte.

Dem Terroranschlag fielen vier Menschen zum Opfer – ein älterer Mann, eine ältere Frau sowie eine Kellnerin und ein junger Mann – darunter eine Deutsche. Rund zwei Dutzend Menschen wurden verletzt, sieben schwebten laut Polizeiangaben gestern noch in Lebensgefahr.

Attentäter posierte vor dem Anschlag auf Instagram

Die Identität des erschossenen Attentäters war am Dienstag geklärt, nicht zuletzt, weil er hinlänglich amtsbekannt war. Laut Innenminister Karl Nehammer war der 20-Jährige als Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im April 2019 zu 22 Monaten Gefängnis verurteilt worden; er wollte sich den IS-Kriegern in Syrien anschließen. Er wurde vorzeitig entlassen, weil er als resozialisiert galt. Den Namen gab die Polizei noch nicht preis, er sei Doppelstaatsbürger mit österreichischem und nordmazedonischem Pass. Sein damaliger Anwalt Nikolaus Rast erzählt, der 20-Jährige stamme aus einer „vollkommen normalen Familie“, sei aber ein orientierungsloser Jugendlicher gewesen, der an „falsche Freunde“ geraten sei. Vermutlich habe er sich in einer Moschee in Wien radikalisiert.

Diese Schilderung spräche für die Einzeltätertheorie, doch dies war bis zuletzt nicht klar. Für eine Tätergruppe spricht ebenso, dass an sechs weiteren Brennpunkten um den Schwedenplatz Spuren gesichert wurden. Auch hatte die Polizei noch in der Nacht die Wohnung des Attentäters durchsucht, in dessen Umfeld Razzien durchgeführt und mehrere Personen festgenommen, über die keine näheren Angaben gemacht wurden. Innenminister Nehammer bestätigte jedoch, dass der Attentäter vor dem Anschlag auf Instagram ein Foto gepostet hatte, auf dem er als bewaffneter Kämpfer posiert.



Österreich war nahezu 40 Jahre vom internationalen Terrorismus verschont geblieben, umso tiefer sitzt der Schock. In den 1980er Jahren hatten Terroristen der palästinensischen Abu-Nidal-Gruppe jüdische Einrichtungen in Wien angegriffen und mehrere Menschen getötet.

Nun wurde Österreich Ziel der neuen Terrorwelle, die Frankreich, Deutschland, Belgien und andere Länder erfasst hat. Die Wiener Regierung verordnete am Dienstag eine dreitägige Staatstrauer, Kanzler Kurz sprach von einer „dunklen Nacht über Österreich“. Generell wurde die Tat von Österreichs Politikern als „feige Tat“ und „Anschlag auf die liberale Demokratie“ verurteilt.

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