Kinderkram
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Neues aus dem Elternalltag

Will mal wer tauschen?

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Es gibt im Privatfernsehen das einstmals sehr erfolgreiche Format des „Frauentauschs“. Dabei werden Mütter – ganz selten auch mal Väter – aus ihrem natürlich Habitat herausgerissen und für wenige Tage in eine Fremd-Familie gesteckt. Dort stellen die Tausch-Eltern dann schnell fest, dass das alte Sprichwort stimmt. Das Gras in Nachbars Garten scheint nur grüner. In Wirklichkeit ist es das gar nicht.

Kettenraucher am Couchtisch

Selten, dass Frauentausch-Teilnehmer unzufrieden ins eigene Reich heimkehren. Ganz im Gegenteil scheinen sie in der Regel recht froh und dankbar für den vertrauten Schoß der eigenen Familie, der offenbar nur uns Zuschauern als recht durchgesessen erscheint. Aber sprechen wir an dieser Stelle nicht darüber, dass man als unbeteiligter Beobachter auf den ersten Blick keinen Unterschied zwischen dem kettenrauchenden und am gekachelten Couchtisch vor sich hin dämmernden Gast-Gatten in Flensburg und dem nur unwesentlich appetitlicheren Original-Ehemann in Garmisch erkennen kann.

Die neue Null

Denken wir lieber über den großen Vorzug nach, den so ein Tausch auf Zeit auch für die ganz normale Durchschnittsfamilie haben kann. Er liegt klar auf der Hand und nennt sich Neukalibrierung. Geodäten kennen das. Wenn bei der Vermessung von Erderhebungen und -tälern mal wieder alles drunter und drüber geht, wird es Zeit, eine Nulllinie einzuziehen.

Wer will tauschen?

Ob in der Wissenschaft oder der eigenen Familie – ein neuer Nullpunkt kann nie schaden. Ein Frauentausch, wie der im Fernsehen, wäre doch eigentlich perfekt, um ihn zu definieren. Eine Win-Win-Situation. Nicht nur für den, der geht, sondern auch für die, die bleiben. Denn idealerweise lernen am Ende des Experiments alle das wieder zu schätzen, was sie haben.
Aber wer für die Vermittlung einer Tauschfamilie kein Film-Team bemühen kann und will, hat ein Problem. Die beste Freundin ist von der Idee nur theoretisch begeistert. „Ich weiß nicht“, sagt sie. „Ganz ehrlich finde ich den Gedanken komisch, dass Du mit meinem und ich mit Deinem Mann unter einem Dach wohne.“ Ein kurzes Zögern später kommt die Antwort: „Nein.“ Für die Idee, dass man für die Wissenschaft auch mal Opfer bringen muss, ist die Freundin halt einfach zu wenig Humboldt.

Es hagelt Absagen

Genau wie die Kinder. Denn auch wenn der Große immer schon scharf auf die Spielkonsole des Freundinnensohns war, bremst ihn der Gedanke, dass er von deren Wohnort viel, viel länger in die Schule braucht und folglich eher aufstehen müsste. Die Idee mit dem Tausch ist super – trotzdem hagelt es Absagen. Nur gut, dass in der Klassenstufe der Mittleren jüngst Schüleraustausch angesagt war. Drei Tage mit dem 14-jährigen Gastpüppchen aus der Nähe von Paris haben gereicht, um die ob der Zicken der eigenen Tochter ein wenig ungeduldig gewordene Familienmutter wieder auszutarieren. Die Tischmanieren, der Handy-Konsum, der Lippenstift! Überall dasselbe. Nur halt in grün. Wie überaus ausbalancierend diese Feststellung doch ist.