Rassistische und extremistische Propaganda findet große Verbreitung durch soziale Medien und führt zu einer Verrohung der gesellschaftlichen Debatten.

Interview

„Wir haben einen verbalen Bürgerkrieg“

In seinem neuen Buch „Die Sprache der Rechten“ wirbt der Passauer Kommunikationsexperte Frederik Weinert für mehr Toleranz in Deutschland, um kontroverse Themen wie Migration kritisch diskutieren zu können, ohne dass dabei die Kritiker gleich als Rechte abgestempelt würden. Im Interview mit Alexei Makartsev schlägt der promovierte Medienexperte zudem vor, gezielte Provokationen seitens der AfD einfach zu ignorieren.

Ihr Buch handelt von den Mechanismen, die die rechten Kräfte benutzen, um die Politik zu beeinflussen. Warum sind die Rechten darin so erfolgreich?

Weinert: Sie schaffen es, den Populismus mit Hilfe von sozialen Medien attraktiv zu machen, indem sie die Nutzer im Netz unterhalten. Dabei lösen sie Empörungswellen von unzufriedenen Bürgern aus. Die Menschen haben das Gefühl, dass die große Politik nicht versteht, was der „kleine Mann“ heute braucht. Diese Empörung machen sich die Rechten zunutze. Sie werden dann oft aus Protest gewählt.

Der Ärger über Alexander Gaulands Vergleich der Nazi-Zeit mit dem „Vogelschiss“ war enorm. In ihrem Buch steht: „Jeder Artikel – auch wenn er kritisch ist – erhöht die Wichtigkeit der Rechtspopulisten“. Heißt das, die AfD-Provokation hätte ignoriert werden sollen?

Weinert: Ja. Die AfD nutzt die Empörungswelle, um Herrn Gauland als Märtyrer darzustellen. Nachdem ihn der ARD-Talker Frank Plasberg als zukünftigen Gast seiner Sendung ausgeschlossen hat, startete im Internet eine neue Kettenreaktion der Empörung. Das war vermutlich Kalkül seitens der Partei, die sich ins Gespräch bringen und die „Lügenpresse“ angreifen will. Vor allem die Boulevardpresse sollte auf diesen Skandalisierungszug nicht so bereitwillig aufspringen – auch wenn Geschichten über die AfD im Netz gerne geklickt werden.

Eine Ihrer Thesen lautet, dass in der Fremdenfeindlichkeit auch Trotz steckt: Manche möchten sich nicht mehr für etwas schuldig fühlen, was die Nazis angerichtet haben …

Weinert: … und deswegen bräuchte die Gesellschaft mehr Toleranz, um Themen wie Migration kritisch diskutieren zu können, ohne dass dabei die Kritiker gleich als Rechte abgestempelt werden. Denn neben den Rechtsextremen gibt es eben auch Wertkonservative. Es gibt diesen Spruch: „Das wird ja man noch sagen dürfen“. Wir sollten mit solchen Aussagen lockerer umgehen. Wenn es allerdings nationalsozialistische Züge annimmt, muss man natürlich eingreifen.

Die etablierten Parteien wollen der AfD im Bundestag sachlich Paroli bieten. Sie schreiben aber, es mache „keinen Sinn, die Rechten inhaltlich zu stellen“. Warum ist es so?

Weinert: Weil man mit der AfD nicht sachlich diskutieren kann, sie schwimmt auf der emotionalen Welle mit. In dieser Situation sollten die etablierten Parteien sich nicht an der AfD reiben, was deren mediale Präsenz erhöht. Stattdessen könnten sie ihre Stärken mehr in den Vordergrund rücken und die Menschen durch gute Argumente überzeugen. So sollte etwa die SPD ihre sozialen Inhalte besser verkaufen.

Die Debatten im Netz werden radikaler. Wenn dort der Hass wächst, welche Folgen könnte das haben?

Weinert: Die sprachliche Gewalt kann in physische Gewalt umschlagen. Wir haben bereits jetzt eine Art verbalen Bürgerkrieg und eine Spaltung: einerseits die toleranten Menschen und andererseits die „Wutbürger“, die auf die Barrikaden gehen. Ich halte es aber für kontraproduktiv, die Letzteren missionarisch zu belehren. Es wäre besser, wenn wir auf sie zugehen würden, um ihre Wut zu verstehen.

Brauchen wir schärfere Gesetze gegen rechte Hetze im Internet?

Weinert: Nein. Denn damit würde man vielen Menschen das Gefühl geben, dass von „ganz oben“ etwas aufgedrückt wird. Das hat man bei der Diskussion um den Kreuzerlass in Bayern gesehen. Wenn die Bürger den Eindruck haben, dass es nur eine Politik der Verbote gibt, dann löst das Trotzreaktionen aus, dann werden rechte Inhalte noch mehr verbreitet.

Sie kritisieren die überbordende politische Korrektheit etwa hinsichtlich der Hautfarbe oder ethnischer Herkunft, die viele Menschen nervt. Hilft Satire, diese Sensibilität auf ein gesundes Maß zurückzustutzen?

Weinert: Ja. Viele Menschen tun sich schwer, über solche Themen zu sprechen. Ich finde aber, die Künstler und Komiker sollten – sofern es nicht zu geschmacklos ist – über unsere Vergangenheit sprechen und auch Nazi-Witze reißen dürfen, weil es eine Form der Verarbeitung ist. Wie schon Erich Kästner gesagt hat: „Humor ist der Regenschirm der Weisen“.