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BNN-Interview

Aktionärsschützerin Daniela Bergdolt über die Grenke-Entwicklung: „Ich habe ein Déjà-vu mit Wirecard“

Auch sie habe jahrzehntelang die Baden-Badener Grenke AG als tadelloses Unternehmen betrachtet. Nun sei sie „sehr erstaunt und frustriert“, sagt die Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Daniela Bergdolt, im BNN-Exklusivinterview.

Äußert sich kritisch gegenüber der Grenke AG: Die bundesweit bekannte Fachanwältin Daniela Bergdolt ist Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Foto: Tobias Hase / dpa

„Sehr erstaunt und frustriert“ zeigt sich Daniela Bergdolt in Bezug auf die Baden-Badener Grenke AG, die seit Monaten in der öffentlichen Kritik steht.

Die Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz zieht einen Vergleich zum Skandalunternehmen Wirecard.

BNN-Wirtschaftsredakteur Dirk Neubauer hat sich mit der bundesweit bekannten Münchner Fachanwältin für Bank- und Kapitalmarktrecht unterhalten.

Seit dem Angriff von Wirecard-Jäger Fraser Perring auf die Grenke AG ist der Aktienkurs im Keller. Was läuft falsch bei dem Baden-Badener Unternehmen?
Bergdolt

Nach dem, was wir vor wenigen Tagen gehört haben (Kritik der Finanzaufsicht Bafin, die zum Rücktritt von Vorstand Mark Kindermann geführt hat, Anm. der Red.), sind doch erhebliche Defizite in dem Unternehmen vorhanden. Ich bin da, ehrlich gesagt, sehr erstaunt und frustriert. Ich habe ein Déjà-vu mit dem Unternehmen Wirecard.

Tatsächlich?
Bergdolt

Ja. Bei Grenke wurden zunächst auch alle Vorwürfe abgestritten. Dann startete man eine unabhängige Untersuchung. Und nun kommt heraus, dass der Bafin erhebliche Defizite aufgefallen sind. Was erinnert da nicht an Wirecard?

Die Grenke AG und ihr Gründer Wolfgang Grenke galten jahrzehntelang als tadellos.
Bergdolt

Ich hatte auch kein anderes Bild. Natürlich ist es immer so bei Unternehmen, in denen noch die Gründer engagiert sind, dass man mit Blick auf mögliche Compliance-Defizite besonders aufpassen muss. Es ist ja auch verständlich: Da startet man ein Unternehmen, am Anfang ist alles auf den Gründer zugeschnitten, dann wächst es aber in sehr große Dimensionen. Dann müssen aber die Strukturen, auch was Compliance angeht, mitwachsen.

Und das sind sie aus Ihrer Sicht bei der Grenke AG nicht?
Bergdolt

Das ist der Punkt. Ich hoffe, dass wir in den kommenden Wochen nicht weitere negative Dinge zur Grenke AG hören werden.

Das Unternehmen hat mit einem umstrittenen Franchisesystem im Ausland expandiert. Was halten Sie davon, dass ein Unternehmen von Wolfgang Grenke maßgeblich an Franchisegesellschaften beteiligt war?
Bergdolt

Das sind undurchsichtige Strukturen. Möglicherweise hat da am Anfang keiner etwas Böses im Schilde geführt. Ich will auch heute gar nichts unterstellen. Aber man muss eben aufpassen, vor allem in einer solchen Doppelrolle wie bei Wolfgang Grenke. Bei Familien gibt es den Spruch: In Gelddingen muss man besonders vorsichtig sein. Das gilt für Unternehmer auch. Sie müssen übertransparent sein. Sonst schürt das bei Aktionären, Analysten und in der Öffentlichkeit Verdacht und Unbehagen.

Wolfgang Grenke lässt sein Mandat als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender ruhen, bis alle Prüfungen abgeschlossen sind. Sollte er das Kontrollamt – unabhängig vom Ausgang der Prüfungen – danach wieder aufnehmen?
Bergdolt

Ich finde es gut, dass er das Mandat ruhen lässt. Ob Wolfgang Grenke zurückkehren sollte? Das hängt letztlich vom Ergebnis der Prüfungen ab. Sollten keine erheblichen Auswirkungen auf Jahresabschlüsse entstehen oder gravierende Mängel offenkundig werden, kann er sein Amt durchaus wieder aufnehmen.

Fest im Sattel scheint Ernst-Moritz Lipp, seit vielen Jahren der Aufsichtsratsvorsitzende, zu sitzen …
Bergdolt

… ich kann seine Rolle nicht ganz nachvollziehen. Ich meine aber, er sollte sein Amt derzeit auch eher ruhen lassen.

Gibt es nach Ihrer Kenntnis Aktionäre der Grenke AG, die rechtlich gegen das Unternehmen vorgehen?
Bergdolt

Sicherlich werden sich Aktionäre melden. Auch bei uns haben schon welche angefragt.

Wie agiert die Bafin im Fall Grenke?
Bergdolt

Die ist natürlich alarmiert. Sie hat aus dem Fall Wirecard gelernt und will sich nicht noch einmal eine Schwäche nachsagen lassen.

Wenige Tage bevor die Bafin-Kritik an Grenke-Vorstand Mark Kindermann publik wurde, hatte die Bafin auf die BNN-Anfrage zu Neuigkeiten nur auf eine Pressemitteilung vom vergangenen Herbst verwiesen.
Bergdolt

Das erscheint mir auch merkwürdig. Aber gehen wir mal davon aus, dass die Bafin aus dem Fall Wirecard gelernt hat.

Ihre Kanzlei vertritt unter anderem Wirecard-Anleger. Bei dem Skandalunternehmen hatte der britische Spekulant Fraser Perring früh die Finger in die Wunde gelegt. Was halten Sie eigentlich von Perring?
Bergdolt

Man kann solche Shortseller mögen oder nicht. Aber ein Unternehmen wie Grenke bietet erst mal die Möglichkeit, dass es ein Shortseller nach Schwächen analysiert und dann angreift. Natürlich nutzt ein Shortseller Möglichkeiten, die es gibt. Die jeweiligen Unternehmen haben Fehler gemacht. Das ruft dann Leute herbei, die diese Fehler ausnutzen. Man sollte deshalb aber nicht auf die Shortseller draufhauen.

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