Leere Stühle und Tische stehen vor einem Restaurant auf dem Markusplatz in Venedig, wo nur noch sehr wenige Touristen unterwegs sind.
Ist die Zeit des großen Gedränges vorbei? Wegen Corona gibt es an Orten wie Venedig kaum noch Touristen. | Foto: dpa

Experten erwarten Änderungen

Beendet Corona die Zeit von Städtetrips, Billigfliegern und Overtourism?

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Ist die Zeit der Billigflüge und des Overtourism mit der Corona-Pandemie vorbei? Fakt ist jedenfalls, dass das Virus die Art des Reisens auf lange Zeit verändern wird. Zwar bereiten sich beliebte Touristen-Destinationen mittlerweile wieder auf Gäste vor – dennoch könnte sich langfristig eine neue Form des Reisens entwickeln.

Karl Born scheut den Blick in die Glaskugel. Darin jetzt schon Bilder zu sehen, die verraten, wie wir in Zukunft reisen – er glaubt es nicht. Doch der Tourismus-Professor und ehemalige TUI-Vorstand ist sich sicher: Die Corona-Pandemie wird in der Urlaubswelt ihre Spuren hinterlassen, so wie alle Krisen zuvor.

Rund um den Globus bereiten sich Ferienregionen auf die Rückkehr von Touristen vor. Nach Wochen des Stillstands hoffen sie, bald auch wieder Gäste aus dem Ausland empfangen zu dürfen. So spekulieren Mallorcas Hoteliers, dass Anfang Juli die ersten internationalen Urlauber kommen. Ein Wunsch, den auch Touristiker im östlichen Mittelmeer hegen.

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Griechenland und die Türkei wollen im Sommer wieder öffnen

Griechenland und die Türkei wollen im Sommer wieder Besucher ins Land lassen. Darunter werden auch zahlreiche Deutsche sein. Vorausgesetzt natürlich, dass die globale Reisewarnung des Auswärtigen Amts bis dahin nicht mehr gilt und Rückkehrende keine Quarantäne erwartet.

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Dass die Bundesbürger diesen Sommer freiwillig nur in Deutschland Urlaub machen, wäre verwunderlich. In den vergangenen Jahren zog es sie häufig weg. Rund 74 Prozent ihrer 70,8 Millionen Urlaubsreisen, die länger als fünf Tage dauerten, führten 2019 ins Ausland, so das Ergebnis der Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen. Beliebtestes Ziel war dabei Spanien.

Wann auch immer die Deutschen ihrem Fernweh wieder nachgeben dürfen – der Shutdown wird keineswegs schnell vergessen sein. Im Gegenteil: Touristen müssen sich auf eine andere Art Urlaub einstellen. Masken tragen, einen Mindestabstand einhalten und Hygienemaßnahmen beachten – die neuen Verhaltensregeln werden die Menschen auch während der Ferien begleiten.

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Corona ist nicht die erste Krise, die das Reisen verändert

Ob auf dem Bahnhof oder Flughafen, im Zug oder Flugzeug, auf dem Campingplatz oder im Hotel. Die Türkei hat bereits einen Regelkatalog aufgestellt. Sie erlaubt Ferienresorts nur 60 Prozent der Zimmer zu belegen, verbannt Buffets hinter Glasscheiben und verpflichtet sowohl Hotelgäste als auch das Personal zum Tragen von Masken.

Auch Tunesien und Thailand arbeiten laut Medienberichten an Gesundheits- und Sicherheitsstandards für Anbieter. „Die Maßnahmen werden uns die nächsten Jahre begleiten“, vermutet Professor Born. Und irgendwann würden Reisende sie als selbstverständlich betrachten. Denn jede Krise habe Reglementierungen mit sich gebracht, die zuvor als undenkbar erschienen.

Ein Beispiel: Flugpassagiere müssen sich bei der Sicherheitskontrolle „durchleuchten“ lassen, Flüssigkeiten und Nagelscheren im Handgepäck sind tabu. Eine Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001, die den weltweiten Flugverkehr lahmlegten und den Tourismus in eine Krise stürzten.

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Ist das Gedränge in Venedig und Barcelona jetzt vorbei?

Dieses Mal allerdings – davon geht nicht nur Born aus – wird sich gleichzeitig die Reisewelt verändern. Die Touristik rechnet damit, dass zahlreiche Unternehmen die Corona-Krise nicht überleben. Der Deutsche Reiseverband (DRV) beziffert den derzeitigen Umsatzverlust allein der deutschen Reisewirtschaft auf 10,8 Milliarden Euro. Die Pleite droht unter anderem Fluggesellschaften. Lowcost-Airlines sind zudem damit konfrontiert, dass sie vermutlich ihr Geschäftsmodell überdenken müssen.

Wenn künftig tatsächlich in jedem Flugzeug zwischen den Passagieren ein Platz frei bleiben muss – das wird diskutiert –, schlägt sich das großzügige Sitzen zwangsläufig auf den Ticketpreis nieder. „Die billige Fliegerei wird es dann vielleicht nicht mehr geben“, meint Born, „spätestens damit ist auch das Thema Overtourism hinfällig.“

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Das Gedränge in beliebten Zielen wie Venedig oder Barcelona sorgte noch vor wenigen Monaten für reichlich Diskussion. Die günstigen Flugtickets in Kombination mit dem Phänomen Airbnb – immer mehr Privatwohnungen wurden zu erschwinglichen Preisen an Besucher vermietet – hatten zu Kurztrips animiert. Durch etliche Städte zogen so viele Touristen, dass sich die Einwohner von den Massen überrollt fühlen.

Trend dürfte wohl zu individuelleren Reisen gehen

Und wenn dann noch Kreuzfahrtschiffe im Hafen lagen, schien der Andrang mancherorts kaum erträglich zu sein. Doch was passiert, wenn alle in Zukunft Abstand zueinander halten müssen? Die Menschen auf dem Markusplatz in Venedig nicht dicht an dicht stehen dürfen? Die Zahl der Anwesenden sogar streng reglementiert wird? „Das muss kein Verlust von Freiheit sein“, sagt Born.

Wichtig sei jedoch, die Begrenzungen schlüssig zu erklären. Sie habe schließlich auch Vorteile, weil eben ein individuelleres Erlebnis möglich sei. Und dass die Menschen vielleicht seltener fliegen – „vor zehn Jahren waren wir auch glücklich“, meint der Professor. Werden wir also wieder reisen wie zu Beginn des Jahrtausends? Oder gar wie in den 1980er Jahren, als es mit dem Auto an die Nordsee oder ans Mittelmeer ging?

Veränderungen Teil eines langfristigen Trends?

Christiane Varga glaubt nicht, dass die Zeit zurückgedreht wird. „Die Corona-Pandemie wird vielmehr einen Trend beschleunigen, der bereits vorhanden war“, sagt die Soziologin vom Zukunftsinstitut. Das heißt: Den Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit.

„Die Menschen wollen vielleicht jetzt, nach der Aufhebung der Beschränkungen, viel reisen“, mutmaßt Varga. Doch mit Blick auf die nächsten zehn oder 20 Jahre: Häufiges Fliegen werde nicht mehr als cool gelten, genauso wenig wie die künstliche Welt von Ferienanlagen und ein Tourismus auf Kosten der Menschen in den Urlaubsländern. Die Forscherin glaubt: „Das Reiseverhalten, wie wir es heute kennen, hat keine Zukunft.“